Die U-Bahn rollt schwankend durch das dunkle Betongewölbe. Körperlich sind wir hier alle in der Linie 3 präsent. Geistig aber durchstreift jeder von uns eine andere Galaxis: die drei jungen Männer auf den Nachbarsitzen spielen mit ihren Handys. Jeder darf das Ding des anderen sehen und anfassen. Jeder lässt sein musikalisches Lieblingsstück erklingen und das alle zugleich. Die Musik sagt mir nichts und die Kakophonie stört mich. Ich sage nichts und drehe nur meinen Player lauter. Auch die wenigen Insassen, die nicht mit Multiplayern bewaffnet sind, verdrehen lediglich unwillig die Augen oder schütteln den Kopf. Man schweigt. Ansonsten kann man leicht auf die Schnauze kriegen.
Obwohl ich ein alter Sack bin und vieles von der Moderne mir abgeht, so spüre ich, dass die drei Handybesitzer anhand ihrer jeweiligen Geräte die anderen Kollegen einstufen, identifizieren, klassifizieren, in eine bestimmte Schublade ihres Geschmacks, ihrer Kumpelhaftigkeit tun. Wie sich die Hunde in ihrem Genitalbereich gegenseitig beschnuppern, um sich besser kennen zu lernen, so macht man das bei den Jugendlichen heute mit Hilfe von Handys oder bestimmten Markenklamotten. Je nach Preis- und Modewert wird dann der Coolnesswert berechnet.
Ich stelle fest, dass mein abgekauter Fingernagel gerade die optimale Größe erreicht hat, um die feinen Popeln von den Nasenwänden abzukratzen. Ich beginne mit der Arbeit. Halbwegs auf die dröhnende Musik in meinem Kopf konzentriert, halbwegs auf die Ergebnisse meiner Bohrtätigkeit, lese ich irgendwelche Hirngespinnste, die jemand auf eins der Fenster gesprayt hatte: „Ich stand inmitten der Welt und erschien ihnen im Fleisch. Ich fand sie alle betrunken; keinen unter ihnen fand ich durstig. Und meine Seele schmerzte angesichts der Menschenkinder, denn sie sind blind in ihrem Herzen und sehen nicht. Leer in die Welt gekommen, suchen sie auch leer aus der Welt herauszugehen. Zwar sind sie jetzt betrunken, wenn sie aber ihren Wein abschütteln, dann werden sie ihren Sinn ändern.“
Ein Herr vor mir hält einen tragbaren DVD-Player auf seinem Schoss, ein anderer hat bereits die neue TV-Brille an. Die ist wirklich toll. Schon längst hat die ansurfende high-tech Bilder- und Geräuschewelle die ausufernde innere Leere in uns ausgefüllt. Aber ich weiß nicht ob jemand noch zurück möchte.
Erst als ich merke, dass meine Nachbarin den Kopf in Richtung Tür hebt und einen Ohrhörer aus ihrem dafür vorgesehenen Organ entfernt, tauche ich aus meiner Grübelei auf, schaue auf und folge ihrem Blick. Offensichtlich hat da ein Herr mit einem arabischen Aussehen einen Fahrgast beim Schopf gepackt und ihn von seinem Sitz in die Höhe gerissen. Ich ziehe die Ohrhörer aus den halbtauben Muscheln, um etwas verstehen zu können. Auch andere Fahrgäste wittern offenbar eine spannende Situation.
Der Herr hat auf einmal ein Messer in der Hand und schiebt es dem Opfer an die Kehle. Einige der Fahrgäste schauen mechanisch unter ihre Sitze und suchen nach verlassenen Einkaufstüten, Koffern und Taschen, in denen sich vielleicht ein Sprengsatz befinden könnte.
Ich erwarte gerade irgendeine antikapitalistische Ansprache oder etwas vom religiösen Pathos aus dem Munde des Angreifers, als eine Stimme hinter mir laut verkündet:
- Los, ihr Schwuchteln! Gebt Bares oder der arme Sack dort drüben stirbt!
Der herrische Ton gehört einem zweiten Täter, der mit krassen Punkerhaarschnitt und vielen Piercings im Gesicht überhaupt nicht zu seinem arabischen Kollegen passt. Statt mit einem Messer ist der Punker mit einer Pistole bewaffnet.
Obwohl mir das Opfer eigentlich egal ist, ziehe ich anstandshalber ´n Fünfer aus der Brieftasche und werfe ihn in die Plastiktüte, die der Punker zum Herumreichen gibt.
Man hört das Rascheln von Banknoten, das Klimpern von Kleingeld. Einige schauen den Araber und das Opfer an, wenn sie in ihre Taschen greifen. Ob sie sich wohl fragen: soll ich nun den Zehner reinwerfen, oder soll ihn der Arsch abstechen?
Die Plastiktüte geht von einem zum anderen, genau wie früher als ich klein war bei der Sonntagskollekte. Zuletzt hält das Opfer selbst die Tüte mit der gesammelten Knete. Der Punker reißt sie ihm aus der Hand, das Messer klebt noch an der Kehle, bis die nächste Station erreicht ist. Dann springen beide Täter raus.
Ich schaue das schweißnasse, leichenblasse Opfer hasserfüllt an. Er hat in die Tüte nichts reingeworfen! Er hat nicht bezahlt!


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