Die Medaille mit den zwei Seiten.

Seit Monaten war er mürrisch. Ein Zustand, dem ursprünglich Stolz und Freude vorrausging.

Geburt , Lächeln, Schritte, Geburtstage,  Sprechen, Kindergarten, Fußball, Einschulung, Konfirmation, Abitur…Er war immer mit Stolz und Freude dabei.  Mit Stolz und Freude und der Kamera machte er Fotos – Im Kreißsaal, zu Hause, zu Fasching,  an Stränden, in Parks, Schwimmbädern, Vergnügungsparks,  Aulas  und Hallen, auf Feldern und Klettergerüsten.

Vor Monaten war die Abiturfeier – Stolz und Freude in feinen Anzügen, mit Sekt,  Applaus, feierlichen Reden und Fotos aus Kameras.

Studium  in Köln.  Er wurde mürrisch. Hunderte von Kilometern entfernt. Er war mürrisch.  Umzugskartons, verpackte Erinnerungen, verpacktes Leben. Er war mürrisch. Vorfreude auf Partys, und studentischen Hedonismus. Er war mürrisch. Ein leeres Zimmer. Er war mürrisch. Ein leeres Leben. Er war…

Eben noch ein Baby, im Gehen, in der Tür zum jungen Mann mutiert. Er war mürrisch.

Dem einen ein Stück Leben, dem anderen ein Stück Tod.

Er stellte ein Album zusammen mit Fotos, mit Erinnerungen, mit Leben. Er übergab es ihm. Sie blätterten in den Seiten und er deutete auf strahlende Gesichter, funkelnde Augen, bunte Kostüme und abenteuerliche Situationen. „So habe ich dich immer gesehen und so wirst du bleiben.“

Zum Abschied lagen sie Arm in Arm, Stirn an Stirn und Träne an Träne. Voller Stolz und Freude und auch ein wenig mürrisch.


2 Kommentare

  1. S. Steinebach’s avatar

    Heimat ruht in sich selbst. Jeder macht Heimat an anderen Dingen fest. Und doch ist die Formel so einfach: Heimat ist dort, wo man zuhause ist. Bei einer Person. Einem Ort oder einem Lächeln. Und wer vermisst, wird – so glaube ich – immer ein wenig mürrisch…
    Ein schöner Text.

  2. Ostello Jaeger

    schließe mich sigrid an, anrührende geschichte…

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