Tante Inges Zigarettenspitze

Steppdecken in Pink, Camping, Segeln, Geborgenheit. Durch das Prasseln der Regentropfen auf dem Vordach dringt sanft der Schlaf. Wer am Morgen nicht früh genug wach ist, bekommt einen kalten Waschlappen ins Gesicht. Dann wird gelacht. Wir waschen uns gemeinsam, mit freiem Oberkörper, in dem eiskalten Baderaum des Campingplatzes. Ich seife mich besonders kräftig ein, das ist männlich. Für meinen Onkel und die Cousins bin ich der “Kurze”. Der “Kurze” zu sein ist toll. Schöne heile Kinderwelt.

Meine Tante Inge war allgegenwärtig und ich saugte ihre Liebe mit kindlichem Egoismus. Sie wachte wie eine Löwin darüber, dass es mir an nichts fehlte und ihre Arme reichten bis an das äußerste Ende meiner Welt. Ich war ein kleiner Prinz, und der liebe Gott machte Pläne mit mir.
Manchmal war Tante Inge traurig, dann hat sie geraucht. Mir hat das Angst gemacht.

Sie hat dann die Zigarettenspitze abgeschraubt, da fielen lauter braune Kügelchen heraus, die sahen aus wie Kandiszucker.
“Sie hier, da ist das Gift drin”, sagte sie dann. Das hat widerlich gestunken und ich war heilfroh, dass sie das Zeug nicht in der Lunge hatte.

Mich hat das damals beruhigt, weil ich nicht ahnte, dass sie sich nur wenige Jahre später mit Benzin übergießen und verbrennen würde.

:(  Danke:/  Danke:)  Danke:)) Danke;)  Danke (12 Bewertung/en: 5.00 von 5 Sternen)

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2 Kommentare

  1. S. Steinebach’s avatar

    Ich kenne die Geschichte ja nun schon, aber jedesmal, wenn ich sie lese habe ich Gänsehaut und ein wohliges Gefühl von unbeschwerter Kindheit macht sich breit, auch wenn es für Inge so furchtbar endete.

  2. Bambulie’s avatar

    Ja, die Mischung aus unbeschwerter Kindheit, und das schreckliche Ende der Geschichte, hinterlassen eine zwiespältige Gefühlslage.

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