Verrückte Osterfeiertage

Über die Feiertage werden viele Versuche angestellt unser Verständnis für die Wirklichkeit anzugreifen.

Da ist der Glaube des einfachen Volkes an den Rechtsstaat Deutschland, dass jedes Verbrechen geahndet wird. Ich bringe ihn durcheinander durchs Rauchen im Nichtraucherbereich am Bahnhof und komme ungeschoren davon.

Aber auch unsere Generation, die mit Gedankenspielen ans Unsterbliche aufgewachsen sind und mit der gleichen Glaubwürdigkeit über Superkräfte und Weltuntergänge philosophieren wie über Doppelhelixstrukturen, Binärverschlüsselungen und Goethes Nachtlied.

Unsere alltägliche Welt des Wissens wird erschüttert durch den Besuch eines Verwandten auf dem Friedhof zwischen anderen beschriebenen Steinen und brennenden Kerzen auf Grabtafelbrettern. Dort ist ein Phänomen zu beobachten. Umgetretene Kerze. Das vermehrte Austreten der Friedhofslichter spricht nämlich für einen Gedankenschritt innerhalb einer geistigen Evolution, den du selbst nicht erfasst hast. Man missachtet, wertet die alten Ideale geringer als heutiges Wissen und rebelliert gegen bestehende, aber veraltete Gesellschaftsmodelle. Damit bist du auch veraltet.

Und doch bist du trotz der Grabschändung ergriffen. Dir wird der Glauben an eine ewige Jugend und die Richtigkeit deiner Wertvorstellungen genommen, nur durch einen Augenblick unter schweren Eichen auf Friedhofserde.

Zutiefst ergriffen hat mich die störende Erscheinung einer jungen Frau zwischen den alten Menschen. Auf dem Grab stand nur, ich habe nachher nur kurz nachgeschaut, einer dieser weit verbreiteten Männernamen und ein Geburtsdatum von vor dreißig Jahren.

Ich schaute einige Male herausfordernd in ihre Richtung, sah sie aber nur in stoischer Arbeitsphase beim Unkraut jäten und Blumen pflanzen. Wenig später aber brach sie in Tränen aus, so sehr, dass man sich beinahe nicht traute hinzugehen und zu trösten. Doch ehe man auch nur einen klaren Gedanken fassen konnte, zog sie schon ihre Sonnenbrille tief in die Augen, ein Taschentuch an die Nase gepresst und mit schnellen schluchzenden Schritten ging sie an mir vorbei, stolperte und rannte.

Ich sah ihren Schmerz, ihr Leid und konnte augenblicklich nichts mehr fühlen als Mitleid.

Dann sind da noch die verbreiteten Vorstellungen des Osterhasen und die kirchlichen Feiertage, der ungebremste Ansturm auf die Geschäfte, weil die Läden bis auf weiteres abgesperrt haben und das wiederkehrende Fernsehprogramm. Das lles zusammen ist mein Glaube an das Leben.

Wenn eine Sache davon nicht zutrifft, würde mein Osteruniversum aus den Angeln gehobelt werden. – Und genau das ist dieses Jahr geschehen.

Der Fernseher war in Ploppfolie gehüllt, deine Adern blutunterlaufen, du beobachtest deine Schuhe einander jagen und fragst dich unbeirrt: „Gibt es noch eine Welt außerhalb von hier? Eine Welt außerhalb des abgedunkelten Raumes, der aufgefüllten Bar und deinen abgefüllten Freunden?

Oder ist sie schon der Zombieapokalypse zum Opfer gefallen? Dürfen wir endlich auf dem Spielplatz toben wie Kinder, dass nachholen was wir durch stumpfes Studieren der Bücher vergessen haben unter dem Erfolgsdruck unserer Zeit?“

Vorher hast du dich noch gefreut über ein paar Tage frei vom Leben, mittlerweile hast du das Verständnis zum Leben verloren. Du sitzt nur im Fernsehsessel und schaust gebannt auf das luftpolsterverschleierte Programm, um zu versuchen zu erkennen, ist es noch mein Land in dem ich groß wurde oder hat sich alles verändert, nur zu Festtagen endgültiger?


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3 Kommentare

  1. Corina Wagner

    Das Wort zum Sonntag, zum Ostersonntag!
    Fesselnde Worte, bin sehr beeindruckt.
    LG
    Corina

  2. Ostello Jaeger

    spannend – ein kurztrip durchs osteruniversum – vom friedhof zum fernsehsessel…
    herzliche ostern

  3. MokkaSinn

    Wenn die leere Stille kommt, hilft Knackfolie.

    Ein spannendes Osteruniversum.

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