Eine Bahnfahrt

Der Zug ist stets ein geschlossener Raum auf weiter Fahrt. Man ist den Kräften ausgesetzt und dir bleibt nur die Möglichkeit dich zu zudröhnen oder zu schlafen, um dem Sammelbecken der Gesellschaft zu entkommen. Doch was machst du, wenn du keine Reserve in den Taschen trägst? Nicht verzweifeln, so heißt da Zauberwort.

Ich hasse Menschen. Und ganz besonders Menschen im Zug. Man entkommt ihnen einfach nicht. Sie sitzen wie selbstverständlich da und denken, sie wären alleine, der Zug gehört ihnen und fährt nur, weil sie es wollen. Telefonieren lautstark mit ihrem „Schatzimaus“, in der Annahme sie sind nicht zu hören, weil sie diese Minidinger im Ohr haben wo man erst denkt sie führen Selbstgespräche.

In der Welt der Drogen gibt es aber bestimmte Zeichen und Signale, die sowohl Verkäufer als auch Käufer verstehen und ahnen können, auch während einer Zugfahrt. Also nicht verzweifeln! Mach die Augen auf und beobachte die Umgebung. Auch ich werde beobachtet. Ich falle nämlich ebenso aus dem Raser der gut gesitteten Zugreisen wie der nette Herr, dem ich gleich ein bisschen Stoff abkaufen werde.

Andere sitzen in ihrer Sitzecke und philosophieren über bäuerliche Trinkspiele mit Würfeln oder Lügen, man könnte fast meinen die Menschheit ist gerettet – doch nichts davon, einer erklärt einer andern Person die Spielregeln und dann wird „gemeiert“. Und das um 8 Uhr morgens. Um acht Uhr in einem Zug zu sitzen durch die deutsche Bauernlandschaft, in dem Menschen „Meiern“ spielen.

Gott sei Dank ist da ein Mann, der wie eine Picassostrichmännchenzeichnung aussieht mit igelhaften, aufgegellten Haaren, um bedrohlich zu wirken. Das weiße Hemd hängt schlaff an ihm herunter wie auf einer Wäscheleine zum Trocken und die schwarze Lederjacke verdeckte nur marginal Flecken und Einstiche in seinem Unterarm von Spritzen. Seine teuren Lackschuhe, die Andere vielleicht nur zum sonnabendlichen Tanz anziehen gibt den Unterschied zu einem ausschließlichen und hoffnungslosen Konsumierer und einem Dealer, der seine eigene Ware hin und wieder ausprobiert.

Ich kriege zu viel. Da ist eine Wurstfingernagellackschlampe. Erst lackiert sie sich im Zug ihre Fingernägel mit einem widerlichen Pink und meint, damit sehe ich tausendmal schöner aus als die böse Stiefmutter bei den sieben Zwergen. Und natürlich lässt sie ihre Hip Hop Dance Musik auf voller Lautstärke durch die Kopfhörer dröhnen, dass auch jeder weiß, ich bin ein böses Mädchen mit stinkendem pinken Nagellack. Und dabei fängt sie sofort an zu weinen, wenn man sie lieb bittet: „Hey Wurstfingerschlamge! Stell mal den Scheiß leiser. Ich habe für eine ruhige Zugfahrt bezahlt! Hätte ich Musik gewollt, hätte ich mir meinen Schallplattenspieler mitgebracht. – Ein Was? Einen Schallplattenspieler! Das ist ein Ding, dass benutzen gebildetere Menschen, um Leute mit Wasserstoffblonden Echthaarextentions fernzuhalten! Und jetzt mach den Scheiß leiser!“

Und wie falle ich für den Dealer auf? Ein schwerer Wintermantel im Sommer genügt. Das heißt für den Dealer, ein Junkie auf Entzug. Ein weiterer Kunde, der an seinem Drogenkonsum langsam aber sicher zugrunde geht.

Und natürlich darf man den dicklichen Sportstudenten nicht vergessen als Mitglied und Repräsentant der Gesellschaft wie er in der aller letzten Minute in den Zug hechten musste und deshalb nun schwitzt ist wie eine Bratente. Und das nur, weil er cool am Bahnhof stehen musste, um eine Zigarette zu genießen. Kennt ihr diese Trinkgeräusche, die manche Menschen extrem widerlich laut machen? Dieses Gluck, Gluck, Schmatz, Gluck. Grauenhaft! Und dieser Kerl hat es perfektioniert. Trinkt, atmet dabei hechelnd aus der Nase und schluckt, trinkt und gluckst. Alles auf einmal! Als würde sein Leben davon abhängen!

Was darf in meinem Zugabteil natürlich nicht fehlen? Alte Leute. Über die kann man sich so wunderbar amüsieren und durch den Dreck ziehen. Die Alten flehen förmlich danach. Drei Stationen vor ihrem eigentlichen Ziel stehen sie auf und mitten vor die Tür, aus Angst der Zug könnte nicht halten. Ich weiß auch nicht was die immer denken, wenn sie mitten vor der Tür stehen und die alten Damen und Herren die Horde der morgendlichen Aktenträger anführen  und plötzlich bemerken, oh das ist ja gar nicht meine Station. Dann erst einmal wieder durch die Masse zurück auf den angestammten Platz und direkt wieder aufstehen, weil ihre Station jeden Moment kommen kann. Vor die Tür, weil der Zug ja nur für ein paar Millisekunden hält.

So und nun zu mir. Ich sitze hier und schaue verächtlich über die Tastatur meines Laptops, tippe in ärgerlicher Weise auf die Buchstaben, um Buchstabenkombinationen tot zu hauen, um verächtliche Worte zu schreiben über Menschen, die eigentlich gar nichts dafür können, dass ich so früh aufstehen musste, um in irgendeine Stadt zu fahren und irgendwas zu machen; meine Drogensammlung nicht mit habe.


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2 Kommentare

  1. Corina Wagner

    “Wurstfingernagellackschlampe” ein herrliches Wort!
    Hoffentlich wird das nicht der neue Beziehungskiller, wenn Männer diese Texte lesen und dann spontan an ihre Liebsten denken, die vielleicht pinkfarbenen Nagellack mögen und deren Finger nicht zierlich wirken. Beim nächsten Streit in der Partnerschaft könnte dieses Wort dann aus Versehen viellecht fallen…
    ;-)

    Wer regelmäßig Bahn fährt, kann viel erleben…

    LG
    Corina

  2. MokkaSinn

    Da empfehle ich spontan:

    Auto fahren!

    Allein mit sich selbst.
    Ungestört, unangerempelt, nur im eigenen Geruch sitzend.
    :-)

    PS: Altwerden ist übrigens nix für Feiglinge oder Drogis.

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