Der jugendliche Übermut, er ist perdü,
die Wangen welk, die Haare greis.
Ganz kalt ist sein Titanenblut,
und kaum ein Mensch kennt mehr
den Menschenfreund…

Wie schnell doch flieht die Zeit.
Prometheus war Rebell,
empörte sich, verhöhnte Zeus,
formte Menschen nach seinem Bilde
und belebte mit dem Himmelsfunken
des Verstandes sie, stahl das heilige Feuer,
das Kultur und Fortschritt auf die Erde brachte.

Doch Zeus bedeckte seinen Himmel nicht
und fällte den furchtbaren Spruch,
in Ewigkeit solle gefesselt sein
im Kaukasus an Felsgestein
ohne Speis noch Trank Prometheus,
den der Schlaf selbst flöhe.
Und des Verbannten Leber fresse
jeden neuen Tag ein Adler,
nachdem er sie gemein und roh
dem Armen aus dem Leib gerissen.

Fortan klagte der Gepeinigte
der fühllosen Natur sein grausames Geschick,
denn auf Erlösung konnte er nicht hoffen.
Nicht sterben können, leiden müssen
bracht’ ihn um den Verstand,
bis endlich eines Helden Mitleidstat
von seinen Qualen ihn entband…

Prometheus trägt seitdem ein Mal,
ein Zeichen der Erinnerung,
wie sehr der Götter Rache fürchten muss
der Einzelne, der stolz ihnen begegnet,
den kühnen Blick wagt
in ihr gleißend-kaltes Auge
und ihnen gleich sich fühlt…


7 Kommentare

  1. Corina Wagner

    “Die Götter, die ich rief…”
    Wie brutal? Solche Texte dürfen aber keine Sensiblichen während der Götterdämmerung lesen. ;-)
    http://www.youtube.com/watch?v=AKzCBeGE37g

    LG
    Corina

  2. Ostello Jaeger

    Das “Göttliche” wie könnte es zornig rachsüchtig sein?
    jedoch denke ich, die Naturgesetze, die können so wirken…
    hg

  3. cassandra2010

    Ach, die Götter, diese ranksüchtigen Prieme… Wusste schon JWG im Wilhelm Meister:

    Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
    Wer nie die kummervollen Nächte
    Auf seinem Bette weinend saß,
    Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!

    Ihr führt ins Leben uns hinein,
    Ihr lasst den Armen schuldig werden,
    Dann überlasst ihr ihn der Pein;
    Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.

    Mir ist der Menschenfreund Prometheus lieber… Oder auch

    Der Menschenfreund
    von Hans Magnus Enzensberger

    Enzensbergers MENSCHENFREUND ist das Gegenteil von Molières Misanthrop, der lieber nichts mit den Menschen zu tun hätte, weil sie seinen Idealen nicht genügen. Enzensbergers Philanthrop dagegen mischt sich überall und in alles gern ein, weil er die Menschen nicht idealisiert. Er ist ein Geist, der stest das Gute will und dies nur mit bösen Mitteln schafft: mit Verdrehungen, Täuschungen, Lügen, Betrug, Fälschungen. Ein liebenswürdiger Zyniker der Moral. DER MENSCHENFREUND beruht auf dem weithin unbekannten Stück “Est-il bon, est-il méchant” (“Ist er gut, ist er böse?”) von Diderot, der sich in diesem Werk in der Hauptfigur, die er Hardouin nannte, selbst porträtierte. Enzensberger greift den halbvergessenen Text und den reizvollen Stoff auf und gestaltet daraus eine sensible und ironische Darstellung einer Gesellschaft, der nicht mehr zu helfen ist.

    In diesem Sinne danke ich dir herzlich für deine freundliche Reaktion auf meinen Philanthropen und wünsche allen eine angenehme Woche

    c

  4. Corina Wagner

    Liebe Cassandra,
    Dein Kommentar bezüglich Menschenfreund von H.M. Enzensberger ist eine große Bereicherung.
    Danke!
    LG
    Corina

  5. cassandra2010

    Danke, Corina! In diesem Zusammenhang möchte ich noch auf eine großartige Parabel von Franz Kafka verweisen, welche in mehrfacher Hinsicht Berührungspunkte mit meinem Text aufweist:

    Der Geier

    Es war ein Geier, der hackte in meine Füße. Stiefel und Strümpfe hatte er schon aufgerissen, nun hackte er schon in die Füße selbst. Immer schlug er zu, flog dann unruhig mehrmals um mich und setzte dann die Arbeit fort.

    Es kam ein Herr vorüber, sah ein Weilchen zu und fragte dann, warum ich den Geier dulde. »Ich bin ja wehrlos«, sagte ich, »er kam und fing zu hacken an, da wollte ich ihn natürlich wegtreiben, versuchte ihn sogar zu würgen, aber ein solches Tier hat große Kräfte, auch wollte er mir schon ins Gesicht springen, da opferte ich lieber die Füße. Nun sind sie schon fast zerrissen.« »Daß Sie sich so quälen lassen«, sagte der Herr, »ein Schuß und der Geier ist erledigt.« »Ist das so?« fragte ich, »und wollen Sie das besorgen?« »Gern«, sagte der Herr, »ich muß nur nach Hause gehn und mein Gewehr holen. Können Sie noch eine halbe Stunde warten?« »Das weiß ich nicht«, sagte ich und stand eine Weile starr vor Schmerz, dann sagte ich: »Bitte, versuchen Sie es für jeden Fall.« »Gut«, sagte der Herr, »ich werde mich beeilen.«

    Der Geier hatte während des Gespräches ruhig zugehört und die Blicke zwischen mir und dem Herrn wandern lassen. Jetzt sah ich, daß er alles verstanden hatte, er flog auf, weit beugte er sich zurück, um genug Schwung zu bekommen und stieß dann wie ein Speerwerfer den Schnabel durch meinen Mund tief in mich. Zurückfallend fühlte ich befreit, wie er in meinem alle Tiefen füllenden, alle Ufer überfließenden Blut unrettbar ertrank.

    Franz Kafka, 1920

    LG
    c

  6. MokkaSinn

    Memo:

    Nich’ mitte Götter anlegen.

  7. cassandra2010

    Jenau… is besser so, kannst mich für ansehen
    Rundmail@alle

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