Kopflos in den Tod

Der Korridor ist lang und spärlich beleuchtet; ein paar flackernde Neonleuchten, die wie im Film darauf hinweisen könnten, dass jemand in einem Nebenzimmer auf einem elektrischen Stuhl gegrillt wird.
Di Caprio raucht seine Zigarette, wie er es in dem Film vom blutigen Diamanten getan hatte, diese leicht gereizte, nervöse Art. Wir sitzen in einer Reihe neben anderen Anwärtern vor dem Arztzimmer. Die Sesseln sind recht bequem und gleichen denen in einem Planetarium, wo man sich leicht nach hinten kippen kann, um die Sternenprojektionen zu bewundern. Leo zieht sich noch eine Camel ohne Filter aus einer zerknitterten Packung und reicht mir den Rest. Wir rauchen eine Weile still, stellen dann unsere Sitze nach hinten und betrachten von unseren Liegestühlen das Blut, wie es langsam und zähflüssig von der rissigen Decke tropft. Mir scheint, als ob die rote Suppe die Decke bereits soweit aufgeweicht hat, dass diese wie ein Schwamm ist, weich und wabbelig; das Einsturzrisiko sehr hoch.
Ein Name wird aufgerufen, dann geht kurz die Arztzimmertür auf und wieder zu.
- Wo geht’s diesmal hin? – frage ich Di Caprio, um eine Konversation zu beginnen.
- Syrien – meint er phlegmatisch. – Oder vielleicht ein anderes Scheißland. Hauptsache fern der Heimat.
- Krieg ist Krieg – gebe ich bescheuert zurück.
- Business ist Business – meint Leo und schnippt seinen Zigarettenstummel gegen die Wand.
- Leonardo Die Caprio! – ruft eine schrille Stimme über einen Lautsprecher.
Als Leo sich erhebt, bemerke ich, dass er wie ein Soldat in Tarnklammotten steckt. Genau wie ich und die übrigen Wartenden an der Wand. Alle sind wir breitschultrig und muskelbepackt. Nur die Köpfe sind unproportional klein.

Leo bekommt die Injektion in die rechte Schulter und verzieht leicht das Gesicht. Die vielen geilen Schwestern – mit hübschen Beinen und rotgeschminkten Lippen, wie es sich für einen Blockbuster gehört – hantieren geschickt mit den Spritzen. Sie sagen kein Wort, denn ihre Münder sind die von Sexpuppen. Im Zimmer stehen viele Soldaten, zwischen denen die Schwestern huschen wie kopflose Hühner.
- Was bringt das Zeug? – frage ich eine Sexbombe, die gerade eine Spritze für mich vorbereitet.
- Es soll angeblich abhärten – antwortet Leo vom anderen Ende des grauen Zimmers. – In Wirklichkeit lässt es sich leichter sterben.
Die Schwester dringt mit der Nadel in die Vene und pumpt mich mit dem Inhalt voll. Mir wird kalt, doch ihr Blasemund entschädigt mich dafür. In einem kleinen Aquarium schwimmt ein Spielzeug-U-Boot mit einem Judenstern drauf und dem Schriftzug „Made in Germany“. An einem Ende des Glaskäfigs winkt ein Goldfisch mit der palästinensischen Fahne auf der gegenüberliegenden Seite wedelt ein anderer mit einer Hakenkreuz-Flagge.
- Ob es die Araber bis ins Halbfinale schaffen? – fragt Leo und zieht an seiner nächsten Kippe.-
Ich setze n‘ Dollar auf die Palästinenser. Man muss sich doch für die Schwachen einsetzen und n‘ Dollar tut nicht weh.
Ich muss an die Fußball-Krake Paul denken; irgendwie sieht es nicht so aus als ob Leo seine Wette gewinnt, denn das U-Boot schießt seine Atomraketen in Richtung des einen völlig perplexen Goldfisches ab.
Ich schaue Leo fragend an, doch er winkt nur ab und kritzelt ein Autogramm auf die Titte einer Schwester.

Jetzt bloß irgendwas sagen, eine Bitte, ein Flehen, ein Angebot! Alles scheint sinnlos, denn der Henker kennt das letzte Gejammer seiner Opfer genau. Nicht mal paar Silben kommen mir über das trockene Maul. Mein Blick ist gebannt auf die präzise Arbeit des Schlächters; routiniert geht es daher, mit leichter Hand. Die Freiwilligen liegen auf dem Boden ausgestreckt und bei jedem ist das Kopfkissen ein weicher Holzklotz. Es gibt keine Hand- oder Fußfessel, keinen elektrischen Zaun. Ich kann ihre Bitten, die sie ausschrien, ihr Flehen, das sie ausgehaucht haben vernehmen. Alle wollten leben. Der Henker denkt sich: alles schon mal dagewesen. Ich muss mir irgendwas Neues, Unikates einfallen lassen, um den Henker von meiner Ermordung abzuhalten.
Eine Welle der Todesangst geht durch die noch atmenden Körper. Nicht mehr; keine Ideale, keine Reue, Vergebung. Jeder überlegt fieberhaft nach einem letzten Businessplan. Doch die Hiebe des Schlächters sind sachkundig, perfekt; ein Kopf nach dem anderen rollen beiseite. Die Körper zucken kaum. Blut sammelt sich in den Rissen des Betons und versickert wer weiß wohin. Auch Leo hat man enthauptet und ich weiß nicht was ich dem Henker sagen soll, welche heißen Fürbitten lukrativ für mich wären. Alles scheint gesagt worden zu sein. Der schwere Klotz stampft lässig zwischen Leben und Tod, als ob es sich um einen verflucht ordinären Tanz handeln würde. Ich versuche immer noch etwas Sinnvolles zusammen zu dichten, als er bereits vor mir steht. Wie ein Baby fange ich an zu brabbeln.
Der Henker lächelt kurz:
- Auch gut: Die Ersten werden die Letzten sein,- meint er und holt aus.


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5 Kommentare

  1. Corina Wagner

    Ein “irre” Geschichte, die die Grausamkeiten parat hält, die das brutale Leben bietet. Posttraumatische Belastungsstörungen passen wie die Faust ins Auge dazu, wenn man an die Menschen denkt, die täglich Terror und Krieg bzw. Folterungen ausgesetzt sind.

  2. S. Steinebach’s avatar

    Wieder ein echter Päule! Stark!

  3. cassandra2010

    C’est la vie… eine grotesk-wahre Analyse, überzeichnet, gewiss, aber darum nicht weniger wahr.

    Ich fühlte mich an Hieronymus Bosch, Goya und andere Künstler des alltäglich-gewöhnlichen Schreckens erinnert

  4. MokkaSinn

    Wahnsinnsfilm!

    Gibt’s noch Popcorn?

  5. Ostello Jaeger

    sehr eindringlich,
    auf die guten! – wer immer das auch ist…
    hg an den P. Lindner

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