Habitat

Im Korridor hinauf über die letzten Himmel ist es vor allem die Neugier, die mich zittern lässt.

Die Erde liegt blau wie die schöne Iris einer betörenden Frau unter mir und ich starre unentwegt dorthin. Tausende Male habe ich den Aufzug benutzt und niemals konnte ich mich an diesen Anblick gewöhnen.

Die Tür zum Habitat öffnet sich und ich stehe an einem der 217 Zugänge für den Agrarbereich. Meine Aufgabe ist es für den Rest meines Lebens, die Nahrungsmittelproduktion für 290.000 Menschen zu gewährleisten. Eine Magnetresonanzkapsel hält. Ich steige ein und gebe die Zielkoordinaten ein. Heute geht es nicht in die Thermohallen, mit den achtzigstöckigen Ertragsfeldflächen, noch in die Trinkwasseraufbereitung. Ich gleite an den Fleischkonzeptoren vorbei und sehe die krematorische Rafinerie für das Recycling von allem organischen, was dieses Habitat je hervorbringt.

Oben auf der Galerie warten bereits hunderte Habitanten. Alle schweben knapp über einer Plattform, von wo aus jeder einen Panoramablick hat. In das Habitat, was wie ein Zylinder nach unten reicht und hinaus in die endlose Weite des luftleeren Raumes. Dann sehe ich die großen Korridore, wie sie von überall her am Habitat andocken und Ströme von Menschen ergießen sich in den großen Weiten der Weltraumstadt. Jeder einzelne ist ausgewählt und für seine ganz spezifische Aufgabe hier abberufen worden. Es ist die größt mögliche Ehre für einen Erdenbewohner auf diese Reise gehen zu dürfen.

Der Navigator spricht erbauliche Worte und dann beginnt es ganz langsam. Das Habitat fängt an, sich zu drehen. Bald stehen alle Anwesenden auf der Plattform und nach einer kleinen Weile fühlt es sich an, wie auf der Erde.

Getränke werden serviert und ein letztes mal trinke ich iridischen Schnaps, beiße in Fleisch von einst lebendigen Tieren und wasche meine fetttriefenden Hände mit Zitronenwasser, in dem noch echte Früchte ausgepresst wurden. Bald werde ich dafür sorgen, dass es keinen Unterschied zu irdischen Genüssen gibt. Das Habitat nimmt Fahrt auf. Es wird Jahre dauern, bis der thermonukleare Antrieb das Rückstoßsegel am Heck des Habitats auf eine errechnete Geschwindigkeit von 41.000km/sek beschleunigt hat. Wir fliegen sozusagen mit dem Arsch zuerst voran.

Das Segel dient gleichzeitig als Schutz vor Staub, kleinen Klumpen oder auch großen Brocken. Ein Habitat kann nicht ausweichen oder bremsen. Der Ionisierungseffekt eines Nukleartriebwerks erzeugt als Abfall eine Art magnetischen Mantel und eine sehr dünne aber auch dichte Pseudoatmosphäre, die alles verglühen läßt, was nicht durch den Magnetmantel weggeschleudert wurde. Eine Sache von Nanosekunden, aber es funktioniert tadellos.

Wir werden in 128 Jahren die nächste mögliche Erde erreichen. Erleben werde ich das nicht mehr. Selbst wenn diese Erde nicht bewohnbar ist, können meine Nachkommen noch 1200 Jahre mit dem Habitat weiterfliegen. Bis dahin werden sie Technologien entwickelt haben, von denen wir heute nicht einmal träumen können. A po pro „Träumen“.

Die blaue Iris unter mir wird immer kleiner. Ich werde immer von ihr träumen. Von der schönsten Welt, die ich je gesehen habe und von der ich komme. Ganz ehrlich so unter uns. Ich glaube nicht, dass es so etwas noch einmal irgendwo gibt. Etwas ähnliches sicher, aber niemals meine blaue Iris, die nur noch ein Stecknadelkopf klein ist, während wir alle lautlos und mit Tränen in den Augen auf die größte Reise gehen, die Menschen jemals angetreten haben….


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4 Kommentare

  1. S. Steinebach’s avatar

    Sieh an, der Rudi kann auch Science Fiktion. :-) Davon möchte ich gerne mehr lesen.

  2. Ostello Jaeger

    hmmm…sci fi mit gefühl & sehnsucht & träumerei

    - wir fliegen los – und kommen niemals an – denn wir sind nicht mehr die selben – wenn wir irgendwo ankommen – bleiben können wir nirgends – außer auf der blaugrünen erde unserer träume —

  3. MokkaSinn

    Puh, erinnert mich an einen “Traum” in meiner letzten Vollnarkose.
    Es macht mir heute noch Angst.

  4. Corina Wagner

    Cool! So ne Pseudoatmosphäre ist echt praktisch, komme da so auf Ideen…
    :-)

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