Alt & Böse

Heute ist mal wieder Deutschstunde in der Bäckerei. Jelena kommt aus Kasachstan und hat nicht den Schimmer einer Ahnung, was sie so in Verschlissendeutsch daherstammelt. Brötchen in die Tüte, Tüte zuknittern und den Betrag in die Kasse tippen. Wunderfein. Noch drei Kunden vor mir, also genug Zeit mich wach quasseln zu lassen.

„Käsabrotchen is sich alle. Kommt nein Uhr.“

Sie lächelt auch noch, nachdem sie diesen Unsatz ausgestoßen hat. Dreist. Jelena stammelt einfach so daher, wie es ihr unter der mehlverstaubten Schürze hervorkommt. Wahrscheinlich ist ihre Großmutter mal von einem Lanser im Vorbeimarsch ordentlich durchbefruchtet worden. Genug deutsch für die Arbeit in meiner Bäckerei, in der ich schon als Kind Brötchen holen geschickt wurde. Allerdings hat damals Greta hier bedient und das war eine ganz feine Frau, eine deutsche vor allem. Aber für 3,80Euro stellt sich hier keine gute Verkäuferin mehr hin.

„Wollst Du nachmittag holen, schreib ich auf Nachmittag. Zahlst Du jätzt. Ok?“

Vor mir ist jetzt noch eine ältere Dame, so 70 würde ich meinen. Zu jung für mich, aber in meinem Alter ist das auch egal. Sie hat noch einen knackigen Hintern und die Haare sind ordentlich gemacht. Sie wackelt auch nicht während sie auf der Stelle steht, was für einen guten Kreislauf spricht. Sie bestellt zwei Teilchen und möchte das Steinofenbrot geschnitten haben. Ich flüstere von hinten für alle verständlich in ihr verknittertes Ohr:

„Wenn der Nachschub damals besser funktioniert hätte, hätten wir heute hier nicht Russen hinter der Theke stehen!“

Die Dame räuspert sich und reagiert gar nicht auf meine Worte. Na ja, Jelena fummelt gerade ungeschickt die Teilchen auf ein Papptablett und murmelt irgend etwas vor sich hin. Die kleine Bolschewikin soll nicht meinen, dass sie hier einen leichten Stand hat. Die Dame hat inzwischen bezahlt, dreht sich zu mir um und schaut mich kurz sehr giftig an. In unserem Alter haben wir alle unsere Macken. Ich denke nicht weiter darüber nach. Soll die blöde Olle doch denken, was sie will.

„Na Jelena! Immer noch keine Putzstelle gefunden? Wie lange willst Du hier denn noch einer guten deutschen Fachkraft die Arbeit wegnehmen?“

Jelena lächelt mich freundlich an und fragt, was ich kaufen möchte. Anscheinend hat sie sich eine neue Taktik zugelegt, denn vor ein paar Tagen hat sie sich immer über mich geärgert.

Da ich immer zwei Brötchen kaufe und für Nachmittags einen „Berliner“ fängt sie einfach an zu bedienen ohne meine Antwort abzuwarten. Mein linkes Bein beginnt zu zittern und in meinem rechten Ohr pfeift es plötzlich laut. Seltsam. Alles wird heller um mich herum und mir wird so flau im Magen. Ich sehe die Decke. Ich liege am Boden. Warum liege ich am Boden? Eine Kundin beugt sich über mich und schaut mir in die Augen.  Jelena kommt langsam hinter der Theke hervor und sieht mich auch an. Ich kann mich nicht bewegen. Die Kundin sagt:

„Ich glaube, er stirbt. Er war ja auch schon alt!“

Jelena mustert erst die Kundin und dann mich:

„Ja, er war alt und böse!“

Das Licht verschwindet und um mich herum senkt sich eine Dunkelheit herab, so finster. Ich habe Angst….

© September 2012


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5 Kommentare

  1. Ostello Jaeger

    nein, keine schadenfreude… aber eindrucksvolle erzähleindrücke erhalten…
    hg

  2. cassandra2010

    Rudi, Rudi, die solltest du auch haben… drüben” wartet e r auch schon. Der Russki. Und dann wird auf der Stalinwalze georgelt… und dat dauert

    Nee aber auch
    *.*

  3. hasepremium

    Keine Angst, keine Angst!
    Selbst wenn der Alte das Zeitliche segnen sollte – der Geist wurde und wird weiter gegeben.
    Ich sitze im Auto mit meinem Enkelsohn. Er besucht(e) die erste Klasse.
    “Opa, was ist der Nachteil an Deutschland?”
    “Keine Ahnung, sag’s mir!”
    “Ostdeutschland ….”
    “Was ist das – Ostdeutschland?”
    “Na, ein Nachteil halt, ein Nachteil ….”
    “Und woher weißt du das?”
    “Dominik hat das gesagt.”
    “Aha, …. na, dann wird das wohl so sein.”

    Originalgespräch im Frühjahr 2012 auf der Heimfahrt von der Schule.
    Wie hat mein Großvater gerne gesagt: So, wie die Alten sungen – so zwitschern
    heut’ die Jungen.
    Recht hatt’ er, der Alte. Kannte halt das Leben. Und die Leute.
    Aber das wollte ich hier gar nicht erzählen.
    Nur einen Wiederbelebungsversuch einstellen:
    http://www.youtube.com/watch?v=DIh8HoPvm-c&feature=relmfu

  4. Corina Wagner

    Der KGB liebt urdeutschen Humor.
    Ein kleiner musikalischer Gruß an dieser Stelle auch von mir:
    http://www.youtube.com/watch?v=gpw7sQf_W8E&playnext=1&list=PL8DDF25FA4D82FDAB&feature=results_main

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