Die Verrückten

Ich weiß nichts mehr. Irgendwie bin ich für diese Nacht in einer Stadt gestrandet und muss das Beste drauß machen, so denke ich und streife durch die Gegend.

Hier sollen irgendwo Bordelle sein, eine Drogenszene und professionelle Kriminalität, aber ich finde nichts. Was mich irgendwie frustriert. Fragen wirkt komisch. Ich kann doch nicht einfach wildfremde Menschen ansprechen, wissen sie wo es hier Nutten, Drogen und Gewalt gibt? Deshalb folge ich dem roten Scheinwerferlicht am Himmel wie damals die drei Heiligen dem Stern, stolpere durch die Straßen.

Ich marschiere also stolpernd dem roten Licht entgegen und falle in mich zusammen. Die Straße verschwimmt vor meinen Augen und –
nichts. Ich habe keinen Fixpunkt am Himmel, verliere das Gleichgewicht, meine Sicht verengt sich, ich bekomme meine Füße nicht mehr vom Boden und stolpere nur noch, strecke meine Arme aus und greife nach irgendwas, um mich fest zu halten, aber vergebens. Nach einer Weile falle ich jemanden in die Arme und frage auch noch naiv, jugendlich: „Die Dinger scheinen alle geschlossen zu sein. Bin ich zu spät? Ich möchte doch nur ficken. Bin ich für Sex zu spät?“

So meine Worte, mitten in der Nacht, auf einer viel besuchten Straße, voll mit besoffenen anständigen Leuten und wurde nicht abgewiesen. Ich habe wohl wieder genau den richtigen Kerl getroffen. Einen dieser Verrückten. Wieso habe ich immer so ein Schweineglück, wenn es darum geht Verrückte zu treffen? Die erste Gegenfrage: „Wie viel Geld hast du dabei?“ Es geht immer um Geld, denke ich laut und werde mit einer Handbewegung von der Straße gezogen, in eine Zwischengasse.

„Ernsthaft, wie viel Geld hast du dabei? Wie viel wisst du ausgeben?“
Wenn er nicht noch gefragt hätte wie viel ich ausgeben will, ich hätte gedacht, er bringt mich für meine dreißig – vierzig Euro um. „Ich kann dich zu meinem Stammbordell bringen, wenn du willst. Da kann man für vierzig Euro was Anständiges für zwei Typen bekommen, nur nichts Ausgefallenes. Ich gucke nur zu. – Wieso treibst du dich eigentlich hier herum und kreischt die Leute an? Hattest Glück, dass du auf mich getroffen bist. Es sind um diese Uhrzeit ganz seltsame Typen unterwegs.“

Dabei zieht er mich hinter sich her, weiter in die Tiefe der Gasse und ich habe nicht einmal die Gelegenheit ihm zu danken, noch ihn davon abzuhalten mich weg vom hellen Licht in die dunkle Gasse zu ziehen.

Ganz seltsame Typen. Ja. Da hat er recht. Hat er gerade etwas von zwei Typen gesagt für vierzig Euro? Und sowieso, will er mich gerade überfallen? Wohin bringt er mich? Wieso immer ich? Seltsame Typen. Da gebe ich ihm recht. Wieso treffe ich eigentlich immer auf solche Verrückten? Ich ziehe sie an wie Motten vom Licht einer Atomexplosion angezogen werden, ein Mottenfänger mit Blitzelektrizität. Ich antworte ihm, nach längerem Schweigen: „Ich habe gerade erfahren meine Freundin ist schwanger. Nicht von mir, von einem Anderen. Deshalb bin ich ausgeflippt und abgehauen, in den nächsten Zug und hier gelandet.“

„Das ist natürlich scheiße.“, sagt er mir noch brüderlich. Dann biegt er um noch eine Ecke und schubst mich gegen die Wand. Ich denke jetzt verstärkt, ok das war´s jetzt mit mir, dann fragt er aber aufgeregt: „Darf ich dir was zeigen?“ „Klar.“, erwidere ich eingeschüchtert und verstört zugleich angesichts seiner nachfolgenden Erklärung. „Es ist mega wichtig, dass du nicht direkt schreiend wegläufst. Ich habe da etwas, dass wirst du mega geil finden genauso wie ich, da bin ich mir sicher.“

Oh Gott, was kommt jetzt? Habe ich seltsame Signale verschickt? Ich bin nicht schwul, wenn er das denkt. Entweder hält er mich für schwul und will mir seinen Penis ins entsetzte Gesicht schlagen oder … ja oder? Es gibt kein oder. Ich werde hier vergewaltigt oder dergleichen. Ich wusste es sofort. Er redet weiter:

„Hier. Schau mal. Ich bin bei den Hells Angels aufgenommen worden zur Probe. Geil, oder? Ich kenne da jemanden, der hat das klar gemacht. Jetzt soll ich als Aufnahmeritual einen Menschen killen.“ „Mich?“ „Nein. Das verrat ich nicht.“ „Ist die echt?“, war meine erste Frage. Dann kam mir in den Sinn, lange wirst du nicht bei den Hells Angels bleiben, wenn du jedem Dahergelaufenen die Knarre an den Schädel halten musst, um zu imponieren. Das ist ja fast so schlimm wie bei mir, wenn ich jedem eine Geschichte erzähle. Eine Geschichte zum Beispiel, wie ich von dem Hells Angels Kerl bedroht wurde, nur um Eindruck zu schinden.


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2 Kommentare

  1. hasepremium

    Mööönsch, Stefan, da hast du wirklich mal wieder Schwein gehabt!
    Ja, diese netten Männer wollen doch nur spielen!
    Motorradfahren an der frischen Luft, die Landschaft und die Gemeinschaft in der Gruppe genießen, Freiheit halt ….
    Aber du solltes bei deinen abendlichen Unternehmungen doch etwas vorsichtiger sein!
    Wie leicht hättes du an einen Anlageberater, Versicherungsvertreter oder Nachtnotar geraten können …
    Dann hätte die Geschichte wirklich böse enden können …
    pass auf dich auf
    rät
    hp

  2. cassandra2010

    Die Irren (1)

    Papierne Kronen zieren sie. Sie tragen
    Holzstöcke aufrecht auf den spitzen Knien.
    Und ihre langen, weißen Hemden schlagen
    Um ihren Bauch wie Königshermelin.

    Ein Volk von Christussen, das leise schwebt
    Wie große Schmetterlinge durch die Gänge,
    Und das wie große Lilien rankt und klebt
    Um ihres Käfigs schmerzliches Gestänge.

    Der Abend tritt herein mit roten Sohlen,
    Zwei Lichtern gleich entbrennt sein goldner Bart.
    In dunklen Winkeln hocken sie verstohlen
    Wie Kinder einst, in Dämmerung geschart.

    Er leuchtet tief hinein in alle Ecken,
    Aus allen Zellen grüßt ihn Lachen froh,
    Wenn sie die roten, feisten Zungen blecken
    Hinauf zu ihm aus ihres Lagers Stroh.

    Dann kriechen sie wie Mäuse eng zusammen
    Und schlafen unter leisem Singen ein.
    Des fernen Abendrotes rote Flammen
    Verglühen sanft auf ihrer Schläfen Pein.

    Auf ihrem Schlummer kreist der blaue Mond,
    Der langsam durch die stillen Säle fliegt.
    Ihr Mund ist schmal, darauf ein Lächeln thront,
    Das sich, wie Lotos weiß, im Schatten wiegt.

    Bis leise Stimmen tief im Dunkel singen
    Vor ihrer Herzen Purpur-Baldachin,
    Und aus dem Äthermeer auf roten Schwingen
    Träume, wie Sonnen groß, ihr Blut durchziehn.

    Georg Heym

    Daaanke, dass du mich an dieses Gedicht erinnert hast… irgendwie
    c

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