Die Hure

Es war wieder eine von diesen Nächten, in denen Schlaf unmöglich erschien. Sommer in der Stadt. Drückende Schwüle zwischen den Häuserwänden. Ein leichter Schweißfilm hatte sich über ihrer Haut gebildet und ein unvermittelt auftretender Windhauch ließ die kleinen hellen Härchen an ihren nackten Armen zu Berge stehen. Sie stand am offenen Fenster, von dem sie Aussicht auf die nächste Häuserwand hatte, und rauchte eine Zigarette. Eigentlich war es eine gute Nacht für sie. Gleich würde schon der nächste Freier an die Tür ihres Stundenhotelzimmers klopfen und zwei weitere hatten sich noch angesagt. Die Nacht war noch lang und die Schwüle war immer gut fürs Geschäft. Rasch ging sie unter die Dusche, um den Duft des Rasierwassers des letzten Kunden abzuwaschen. Ein noch junger Mann, der sicher noch nicht oft bei einer Hure gewesen war. Er hatte keine besonderen Wünsche, war zufrieden mit dem, was sie ihm gab und hatte auch kein Problem damit, ein Kondom zu benutzen. Der einzige Luxus, den er sich leistete, waren ein paar obszöne Worte, während des Aktes ins Ohr geraunt. Er würde wiederkommen, hatte er gesagt.

Der nächste Freier war ein Stammkunde. Er bevorzugte feste Rituale. Deshalb schlüpfte sie nun in ihr Lederoutfit, eine Tortur bei dieser Hitze, aber Geschäft ist Geschäft. Da klopfte es schon an der Tür. Sie ließ ihn eintreten und niederknien. Direkt an der Tür. Das Geld hatte er wie immer neben sich auf den Boden gelegt. Sie ließ es ihn mit den Zähnen aufnehmen und auf allen vieren zu sich bringen. Sie nannte ihn „versautes Hündchen“ und spielte eine ganze Stunde mit ihm. Schließlich durfte das Hündchen sich selbst befriedigen und wieder gehen. Relativ leicht verdientes Geld.

Der nächste Freier stand auf Zimmermädchen-Uniform, also hieß es duschen und umziehen. Da sie noch etwas Zeit hatte, trocknete sie sich nicht ab und genoss den kühlenden Windhauch am offenen Fenster. Eine plötzlich aufflackernde innere Unruhe ließ sie ins Grübeln kommen. Manchmal fragte sie sich, wie es wohl wäre, einem „normalen“ Beruf nachzugehen. Jeden Morgen um 7 Uhr aufzustehen, 8 Stunden Arbeitsalltag, fernsehen, schlafen und von vorn. Ob das wohl besser für sie wäre? Ihr war klar, ihre Uhr tickte bereits. Denn als Prostituierte wird man selten in Rente geschickt. Sie gab sich noch maximal 5 Jahre im Geschäft, bis dahin musste ein Polster erarbeitet sein. Stammkunden waren da sehr hilfreich und davon hatte sie zum Glück einige. Leider war sie gezwungen, auch Neu-Kunden, wie den jungen Mann von vorhin, zu bedienen. Immer ein Risiko. Zu viele ihrer Kolleginnen hatten schon mehr als schlechte Erfahrungen gemacht, eine war sogar getötet worden. Sie seufzte, drückte die Zigarette aus, schlüpfte in die Zimmermädchen-Uniform und schnappte sich einen Staubwedel. Der Kunde klopfte bereits. Sie ließ ihn eintreten.

Aber es war nicht der Mann, den sie erwartet hatte. Der junge Mann vom früheren Abend stürmte auf sie zu. Ehe sie noch etwas sagen konnte, drang ein Messer zwischen ihre Rippen. Sie sackte zu Boden und verlor das Bewusstsein. Der junge Mann hielt sie für tot, spuckte auf sie, trat noch einmal zu und durchsuchte dann das Zimmer, fand das Geld und verschwand. Die Hure blieb reglos zurück und drohte zu verbluten. Ihr Leben verdankte sie dem schnellen Handeln ihres eigentlichen Stammkunden, der sich nur um ein paar Minuten verspätet hatte. Er rief Polizei und Rettungsdienst und besuchte sie auch oft während der Genesungsphase. Ein halbes Jahr später konnte sie wieder arbeiten. Jetzt beschränkte sie sich tatsächlich nur noch auf ihre Stammkunden.

Der junge Mann wurde kurz nach der Tat gefasst und später verurteilt. Nach dem Grund gefragt, warum er so brutal gegen sie vorgegangen sei, antwortete er: „Sie war so vulgär.“


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3 Kommentare

  1. Ostello Jaeger

    klasse erzählt liebe Sigrid.
    hg

  2. MokkaSinn

    …Er würde wiederkommen, hatte er gesagt…

    Ein zuverlässiger Kunde.

    Sigrid, ein guter Blick in eine Welt, in die man nie eintauchen möchte. Zerrissenheit, Hassliebe, Sehnsucht, Verzweiflung.

  3. Corina Wagner

    Ein großes Lob auch von mir für den absolut gelungenen Beitrag.
    Die Welt da draußen ist unheimlich brutal. Ein gefährliches Berufsrisiko für jede Frau, die mit käuflicher Liebe ihren Lebensunterhalt verdient.

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