Nashorn fangen

Eine andere Weihnachtsgeschichte

Die Sonne ging so schnell unter, wie ein Panther der über einen hinweg springt und in der Dunkelheit verschwindet. Die letzte Stunde Fahrt durch die Steppe bevor ich die dichten hügeligen Wälder Ruandas erreiche. Doch ich werde es in der Nacht nicht wagen stehen zu bleiben. Zu viele Gefahren lauern hier am Ende der Welt. Banditen, Wilderer und nicht zuletzt Löwen, die als Nachtjäger so einen Geländewagen mit dünnwandigen Blechtüren einfach auseinander nehmen.
Im Licht der Scheinwerfer sehe ich die Koschogu, eine Art Landstraße, bei der es von der einen Wegkreuzung bis zur nächsten gerne mal 100km werden können. Entfernungen werden hier immer noch in Zeit gemessen. In Tagesweg zu Fuß oder als Fahrzeit. Die Genauigkeit dieser Angaben ist verblüffend. Wenn ein Senegalese Dir sagt, es dauert 3 Tage und zwei Stunden zu Fuß, dann ist es exakt so. Nur wer läuft schon so weit?

Ein altes Blechschild zeigt an, dass ich nun die Landesgrenze nach Ruanda passiert habe. Ständig klatschen riesige Flugkäfer vor die Scheibe und verhindern mir inzwischen die Sicht. Ich halte an, um die Käferleichen abzuwaschen. Während ich mit einem Fliegenschwamm und Wasser die Untertassengroßen Flecken abschrubbe, bemerke ich, nicht alleine zu sein. Irgend etwas schleicht um mich herum. Mit langsamen Bewegungen gehe ich zurück zur Tür und steige ein. Von innen bewege ich den Suchscheinwerfer und leuchte einmal in die Runde. Nichts. Ich mache alles aus und schaue durch den Restlichtverstärker meiner Kamera. Löwen. Verdammt! Ich starte und fahre mit Vollgas los. Die tote Giraffe, die dort auf dem Weg liegt, übersehe ich natürlich und mein Fahrzeug macht einen Satz zur Seite und landet schließlich auf dem Dach. Die Löwen interessieren sich nicht für mich, sondern konzentrieren sich alleine auf ihre Giraffe. Ich schlafe mit höllischen Schmerzen ein.

„Massa Massa“ scheppert es in meinen Ohren und ein Paar schwarzer Kinderhände grabbeln an meinem Gesicht herum. Die Sonne geht auf und ein paar Meter weiter sehe ich den Kadaver der Giraffe, auf dem sich Millionen von Fliegen tummeln. Ich krabbele aus dem kaputten Wagen und schaue mich um. In der Ferne erheben sich die Urwälder Ruandas während ich hier mit Assis, so heißt der Junge, der wie eine Antilope um mich herum springt, am Rande der Savanne stehe, die langsam in eine tropische Landschaft wechselt.

Kinyarwanda heißt hier der Dialekt und ich spreche ihn inzwischen ganz gut.
3 Jahre bin ich nun in den Diensten der ruandischen Regierung und plane eine neue Energieversorgung bis in den tiefsten Busch hinein. Ein schwieriges Unterfangen.

Assis lässt mich nicht in Ruhe. Er erklärt mir, dass er der mutigste Junge in seinem Dorf ist, und dass er die Löwen verjagt hat. Danach hätte er an meinem Auto Wache gehalten. Ich lache ihn an und bedanke mich. Natürlich ist er ein Aufschneider, wie alle Afrikaner das sind. Sie erzählen gerne Geschichten und übertreiben maßlos. Dann fasst er mich an seine Hand und führt mich in sein Dorf. Dort werde ich freudig empfangen. Ein Mann wäscht mir das Blut aus dem Gesicht und von meinen Armen. Die Glassplitter haben mich mächtig zerschnitten. Dann reibt er mich mit einer tiefbraunen kühlen Paste ein, während Assis mir eine Schale zu trinken anbietet. Ich schlürfe vorsichtig, weil ich ahne, was sich in dem Gefäß befindet. Doch es ist nicht vergorener Fruchtsaft sondern reines Wasser. Die Menschen haben sich geschmückt und überall stehen Feuerstelen. Ein Zeichen dafür, dass ein Tanzfest bevor steht. Ich frage Assis, was es zu feiern gibt. Er verblüfft mich indem er mich daran erinnert, dass Weihnachten ist. Die meisten hier im Norden hängen noch dem alten Nyabingi-Kult an, wo der Erlöser eine Frau ist. Doch dieses Dorf scheint missioniert worden zu sein, weil auch etliche französische Schilder und Hinweise hier und dort hängen.

So wie es aussieht, werde ich mit meinen neuen Freunden Weihnachten feiern müssen. Am Abend singen die Frauen bekannte Weihnachtslieder in ihrer eigenen Sprache. Es hört sich toll an. Das ist das andere Afrika, das alte unverbrauchte, wenn die Menschen, die seit Urzeiten hier leben, ein Teil ihrer Tradition leben können. Hier ist es nicht kitschig, hier passt es hin. Kein Vergleich mit diesen Ethnovereinen, die regelmäßig irgend welche afrikanischen Combos zu multikulturellen Abenden einladen, um sich ein Flair der afrikanischen Urtümlichkeit zu gönnen.

Assis fragt mich zu späterer Stunde, ob ich an Gott glaube. Ein klares Nein bricht über meine Lippen und durch mein Kopfschütteln kann sich der Junge sicher sein, dass ich es auch so meine.

Warum nicht?
-
Es gibt keinen Gott!
-
Doch sicher!
-
Nein!

Assis sagt, dass Gott ihn gestern Nacht geweckt habe und ihn zu mir geschickt hatte. Er wollte, dass ich endlich mal Weihnachten feiere und nicht von den Löwen gefressen werde. Ich lache Assis an und streiche ihm über seinen Kopf.
Sein Vater kommt und begrüßt mich in einem sehr gut verständlichen Französisch. Wir unterhalten uns über sein Dorf, wovon sie so leben und ob seine Familie auch von dem Völkermord vor einigen Jahren betroffen war. Schnell wird es dämmrig und überall stehen nun Tische mit Speisen und Getränke. Ein alter Mann kommt mitten auf den Platz und alle werden ruhig.
In Kinyarwanda spricht er ein paar Sätze:

„Ich grüße euch ihr lieben Leute. Jetzt feiern wir Weihnachten. Wir haben einen Gast, der nie Weihnachten feiert, weil er nicht an Gott glaubt. Heute werden wir uns bemühen, ihm Gott zu zeigen, so wie wir ihn kennen.“

Neben mir ist eine Frau aufgetaucht, die mir ein Getränk anbietet. Sie reicht es in einem Horn, was wohl einst einem Nashorn gehört haben muss. Ich genieße jetzt den säuerlichen Geschmack vergorener Früchte. Assis taucht auf und springt vor mir herum.

„Wenn ich Dir Gott zeige, glaubst Du dann an ihn?“ Lächelnd hört er auf zu hüpfen und schaut mich ruhig an. Der alte Mann steht hinter ihm und lauscht gespannt auf das, was ich nun antworten würde. Ich achte auf das inzwischen geleerte Horn und sehe dann wieder zu Assis.

„Fange ein Nashorn und mache mir auch so einen Becher!“

Assis quiekt vor Freude und rennt wie ein angeschossener Blitz quer über den Platz in eine Hütte hinein. Der alte Mann lächelt und geht weiter zum nächsten Tisch. Assis kommt wieder und hat etwas besorgt. Eine Stoffdecke und einen Beutel Wasser, Streichhölzer und ein Sägeband. Was immer er auch damit vorhaben möge, nach einer Jagd sieht das nicht aus.

„Schnell, wir müssen jetzt sofort los, bevor es dunkel wird.“

Ich folge Assis, der sehr schnell läuft und nach eine Weile stehen wir wieder am Rande der gräsernen Steppe, in der irgendwo mein Jeep herumliegt und wahrscheinlich schon komplett von irgendwem demontiert wurde.
Assis macht ein Feuer, tränkt dann Gras mit dem mitgebrachten Wasser und schmeißt es in die Glut. Es qualmt fürchterlich. Dann nimmt er mich bei der Hand und zieht mich vom Feuer weg. In sicherem Abstand hinter einem Felsen befielt er mir zu warten und genau hin zu sehen.

Nach ca. 10 min. höre ich ein dumpfes Stampfen und im Nu rennt dort ein Nashorn auf das Feuer zu. Mehrmals trampelt es durch die Brandstelle und tritt alles aus. Schnaufend steht es neben den qualmenden Überresten und wartet, ob es irgendwo noch zündelt. Assis schleicht sich von hinten an und wirft dem Tier die Decke über den Kopf. Mir bleibt das Herz stehen. Er steht neben dem regungslos verharrenden riesigen Vieh und hält mit der Decke stramm die Augen verdeckt. Wie vereist regt sich das Rhinozeros
keinen Zentimeter vom Fleck. Assis schiebt vorsichtig den vorderen Teil der Decke hoch, bis das Horn des Tieres sichtbar wird. Dann knotet er den unteren Teil der Decke zusammen, um beide Hände frei zu haben. Flink greift er nach seinem Sägeband und will beginnen, das Horn abzuschneiden. Ich rufe ihm zu, das er das lassen soll. Erstaunt hört er auf, bindet die Decke wieder los und rennt schnell hinter das irritierte Tier und dann auf mich zu. Wir klettern auf den Felsen und sehen, wie das Nashorn noch ein paar mal um die Feuerstelle läuft, bevor es im hohen Gras wieder verschwindet.

„Nashörner sind Feuerlöscher! Damit locke ich sie immer an. Mein erstes Horn habe ich vor 2 Jahren geschnitten. Warum wolltest Du keines?“

Ich sage ihm, dass ich es schöner fände, das Horn bliebe da, wo es von der Natur auch vorgesehen ist. Assis lächelt und wir zwei gehen zurück. Der Junge erzählt die Geschichte dem alten Mann und verschwindet dann zu seinen Freunden. Inzwischen ist es dunkel und viele Fackeln erhellen den geschmückten Platz. Der Alte kommt zu mir und spricht sehr leise:

„Nun mein Junge, glaubst Du jetzt an Gott? Ein Junge fängt mit bloßen Händen ein so gefährliches Tier. Ohne Gott kann er das nicht schaffen. Gott ist überall. In Assis, im Nashorn, in den Fackeln und in dem, was wir essen.
Du hast Gott jetzt gesehen und hast das Horn nicht genommen. So wie Abraham seinem Sohn Isaak das Leben nicht genommen hat, weil Gott gesehen hat, das Abraham wirklich an ihn glaubt. Du kennst die Geschichte?“

Ich nicke.

„Gut, dann freue ich mich, dass Du nun auch an Gott glaubst, denn Du bist schließlich auch ein Teil von ihm. Du warst verrückt, aber jetzt ist alles gut. Komm, wir feiern jetzt Weihnachten!“

AmMorgen wache ich auf und sehe, wie Assis mit seinen Kumpels meinen Jeep an einem langen Strick auf den Dorfplatz zieht. Sie haben das Dach wieder gerade gebogen, so dass man zumindest aufrecht in der Karre sitzen kann. Der Wagen springt nicht an. Abgesoffen. Ich erkläre Assis, was er machen muss, wenn die Tachonadel auf 20 steht, damit der Wagen anspringt. Er ist stolz und aufgeregt am Steuer sitzen zu dürfen. Vier Männer schieben den Wagen an und nach ein paar Metern läuft er. Assis fährt ein paar Kreise auf dem Platz und lässt den Jeep vor mir ausrollen. Der Motor hört sich seltsam an, es rasselt und scheppert, aber er läuft. Ich verabschiede mich von allen und fahre weiter Richtung Goma.

Die Serengeti und Ruanda habe ich gebraucht, um von einem Kind und einem alten Mann auf philosophische Art und Weise gezeigt zu bekommen, was Gott ist. Während in Europa noch ängstliche Menschen in Beichtstühlen um Vergebung flehen, Säuglinge getauft werden und das Fegefeuer auf den Sünder wartet, ist ein völlig anderer Gott in der Wildnis Afrikas unterwegs.
Eine neue moderne Form des Glaubens, was durch die Missionare eine Mischung aus Natur und Spiritualität wurde. Die Afrikaner, die immer sehr zweckmäßig und minimalistisch denken, haben sich das beste aus allem herausgepickt und das habe ich nun erleben dürfen. Weihnachten finden sie Klasse, den Hinduismus mit einem bisschen Buschzauber und fertig ist eine völlig neue Form der Weltsicht entstanden.

Es gab kaum Gründe für mich, nach Europa zurück zu kehren, bevor ich diese Erfahrung machen durfte. Nun habe ich gar keinen Grund mehr. Den Rest meines Lebens werde ich in diesem Teil der Welt verbringen, dort wo Gott überall sein darf….

(nach einem Erlebnis von W. Lohmann gest. 1998 in Goma)


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4 Kommentare

  1. hasepremium

    Tolle Geschichte!
    Und sehr gut erzählt!
    findet
    hp

  2. Ostello Jaeger

    schließe mich meinungsmäßig zu 100 % hape an.
    - und freue mich, dass dass horn bei dem tier bleiben durfte -
    hg, das letzte einhorn ;)

  3. Ostello Jaeger

    - 1s

  4. Corina Wagner

    Es liest sich vielleicht langweilig, aber auch ich kann nur lobende Worte für diese grandiose Geschichte finden. ;-)
    LG
    Corina

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