Nichts

Wenn draußen die Schuppen von den Booten fallen, weil Fische nicht gehorchen wollen, dann ist mir ganz bang ums Herz. Mit Schmerz sehe ich den Wunsch in mir wachsen Neues zu erschaffen. Nur können werd‘ ich’s nie. Wohl wissend im Herz, das Bangigkeit und Kälte schmerzt.
Ich fahre mit weichen Fingern durch mein Haar. Mein Kopf ist, gleich eines Baumes, mit wehenden Ästen geschmückt. An jedem Ast hängt ein Traum, an jedem Blättchen eine Frage.
Neben mir sitzt mein Kind. Es wuchtet die Bergpredigt in seinen Gedanken hin und her. Die Fragen überrollen leise jeden Winkel meines Hirns. “Warum sagen sie, ich wäre ein Nazi, weil ich blonde Haare habe?”, fragt mein Kind. Ich öffne die Wagentür und kann den Duft meiner Lieblingsdönerbude fast anfassen. Ali lächelt mir zu. “Warum tötet Israel in Syrien Menschen, Mama?”. Ich sehe mein Kind an. Meine Augen schmerzen. “Mama, warum gibt es überall Krieg? In Afghanistan. In Nordkorea? In Syrien?” .
“Mama?”
Ich frage mein Kind, ob es auch Soße auf seinen vegetarischen Döner möchte. Beiläufig. Ich kenne die Antwort.
“Mama, weshalb sagt Jesus, dass man auch die zweite Wange hinhalten soll, wenn man geschlagen wird?
“Mama, weshalb soll man Menschen, die einen bestehlen, auch noch dafür beschenken?”
“Mama, warum ist Religion in der Schule ein Fach?”.
“Mama, die Welt ist kein friedlicher Ort!”.
Ich nehme beide Döner in Empfang. Ali hatt sich wieder beeilt, weil ich im Parkverbot stehe und die Polizei ihre Runden dreht. Ich bin ihm wirklich dankbar.
“Mama, kann ich den Döner auch mit Stäbchen essen?”.
Wir fahren zu einem friedlichen Ort.
Ein See. Ruhend im Wind.
Wir setzen uns auf eine Bank.
Nebenan klopft es. Ich lasse niemanden rein.
“Es gibt”, beginne ich, “einen magischen Ort in uns allen. Eine Welt mit vielen kleinen Welten. Jedesmal, wenn wir etwas tun, haben wir in dieser Welt viele kleine Welten zur Auswahl. In der einen schlagen wir denjenigen, der uns bestahl. In der anderen Welt verzeihen wir ihm, weil wir uns die Mühe machen, ihn zu verstehen. Wir haben also mehrere Aktionen zur Auswahl und du allein bestimmst, welche Welt leuchtet, in dem du in ihr agierst”.
Mein Sohn nickt verständnisvoll.
Als wir nach hause fahren, drehe ich mich kurz um und sehe den See in hellem Licht erstrahlen.


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11 Kommentare

  1. MokkaSinn

    Es ist gut, wenn Kinder Antworten hören, sofern man eine hat.
    Fragen macht klug.

    (…Was sagt Ali zum vegetarischen Döner? :-0…)

  2. miou’s avatar

    Ali findet das ok. Mein Sohn sagt mittlerweile, dass Döner und Pizza nicht mehr dasselbe ist, seitdem er Vegetarier ist ;-D

  3. Corina Wagner

    Liebe Miou,

    ein gelungener Text, den Du da ins Netz gestellt hast.
    Kinder können Löcher in den Bauch fragen. Manchmal sind sie unangehm, diese Fragen, weil man nicht direkt weiß, wie man reagieren soll.
    Es gibt Eltern, denen fehlt grundsätzlich das Gespür oder auch einfach das Wissen, die Allgemeinbildung, um kindgerecht zu antworten. Ehrlich zu sein und altersgerecht die Fragen der kleinen und größeren Kinder zu beantworten, stellt nicht selten eine echte Herausforderung dar.

    Liebe Grüße
    von einer Mutter

    1. Miou’s avatar

      Den Anstoß dafür gabst du! Vielen Dank für deinen Anreiz und für deine bewegenden Worte.
      Mein Sohn ist mittlerweile 15 und sehr kritisch der Welt gegenüber. Ein tolles Alter. Er isst kein Fleisch mehr, weil er die Fleischmafia nicht unterstützen möchte. Angefangen hat es damals mit einem Film in der Schule: Mastverhalten und Lebensbedingungen für Hühner und Schweine. Grauenvoll! Zurzeit interessiert ihn Geschichte extrem. Zu Hitler meinte er fragend:”Wie kann ein Mensch es nur schaffen, so viele Leute zu blenden und so viel Leid anzurichten?”. Klar müssen ihm die damaligen Umstände erklärt werden. Wie es dauz kommen konnte, etc. Und das sowas nie(!) wieder passieren darf. Geweint hat er bei dem Film “Der letzte Zug”. Letztens stellte er die Frage nach dem Zusammenhang von Krieg und Glauben auch noch(!)in der heutigen Zeit. Schwierig manchmal passende Antworten zu geben. Und ich habe schon Löcher im Bauch :-) Man lernt die Welt durch Kinder nochmal kennen und begreifen.

      1. Corina Wagner

        Sorry, muss mich kurz fassen, bin etwas im Stress. Es ist sehr interessant, wie junge Menschen auf äußere Einflüsse reagieren. Gut, wenn sie hinterfragen und ihnen nicht alles gleichgültig ist. Du kannst wirklich sehr stolz auf Deinen Sohn sein, wenn er so ist wie er ist. Vielleicht liegt es auch daran, dass Du ihm Antworten gegeben, Dir die Zeit dafür genommen hast. Viele Eltern tun dies oftmals nicht. Da es ja manchmal sehr anstrengend sein kann – kniffelige, auch pubertäre Fragen zu beantworten. ;-)
        Spannend wird es übrigens meiner Ansicht nach, wenn Verwandte oder Freunde eines Tages sagen: Dein Kind entwickelt sich zum/zur “Klugscheisser/in”. :-)

        Ich wünsche Dir einen schönen Feiertag.
        Corina

        PS. Meine Söhne sind übrigens inzwischen 22 und fast 25 Jahre jung äh alt. ;-)

        1. Miou’s avatar

          Manchmal denke ich mit Wehmut an die Jahre zwischen Geburt und 10 zurück. Wie schnell vergeht die Zeit :-)
          Liebe Grüße!

  4. Harald Blumenau

    Was für eine gelungene und tiefsinnige Erklärung. Kinder sind kleine Philosophen und verstehen mehr als man denkt. Klasse geschrieben!

  5. Miou’s avatar

    Dankeschön! Freut mich sehr! Den Ansporn gab Corina mit “Schuldgefühl”.

  6. Miou’s avatar

    Harald, da fällt mir noch eine kleine Philosophengeschichte ein. Als mein Sohn 4 Jahre alt war, wollte er unbedingt beim Mittag zuerst den Pudding verspachteln. Auf mein “Nö!”, erklärte er mir folgenden Sachverhalt: “Mama, wenn ich den Pudding jetzt nicht zuerst esse, dann wird er überflüssig und wir haben Essen nicht gut behandelt.”

    Mein Sohn war der Meinung, der Pudding würde sich verflüssigen und den Tisch runtertropfen und wäre somit weg :-)

  7. Ostello Jaeger

    beim lesen musste ich an unseren figilio denken. seine kindheit war ein wunderschoenes geschenk an uns eltern. ich hoffe wir waren einfach echt und ehrlich…und haben ein fundament gelegt was ihm ermoeglicht der welt offen entgegenzutreten…
    herzliche gruesse an miou und die verdichter

  8. Miou’s avatar

    Das stimmt: Kinder sind ein Geschenk. Deshalb finde ich es so traurig, wenn Eltern dies nicht wahrnehmen. Ich habe gerade in der Kindergartenphase einige Kinder bei mir gehabt, denen es nicht gut ging. Einmal habe ich 2 Kinder aus einer Alkoholikerfamilie mit ans Meer genommen. Die sind auf allen Vieren durchs Watt “gefühlt”.
    Viele Grüße zurück!

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