Es war einmal ein kleines Dorf

Anmerkung: Dieses Märchen habe ich beim Stöbern in alten Dateien soeben wiedergefunden. Ich schrieb es (unter dem Pseudonym AnaisAnais) anlässlich des damaligen Relaunches der  ZEIT-Community, in deren Tiefen dereinst die Idee für unsere kleine Schatzkiste hier geboren wurde. Dem Relaunch folgte alsbald das Ende des Forums. Da ich finde, dass es auch für Außenstehende amüsant zu lesen ist, stelle ich es hier nochmals ein:

Modernes Märchen

Vor vielen, vielen Jahren gab es in einem großen Land, überragt von einem mächtigen, mächtigen König eine kleine, aber feine Gemeinde. Da tummelte sich allerlei Volk und manchmal auch Pack, die Nachbarn stritten sich oft um des Kaisers Bart, aber alle waren zufrieden und arbeiteten fleißig und trugen zum Wohlgelingen des Gemeinwesens bei. Der Bürgermeister der Gemeinde war ein gar feiner Mann, der sich wirklich rührend um seine Gemeindeschäfchen sorgte und oft Streitigkeiten schlichtete und manchmal auch streng zur Räson rief.

Seine Gemeinde liebte ihn sehr und sein Wort hatte Gewicht. Dann wurde die Gemeinde größer und immer mehr Themen standen tagtäglich auf den Gemeindesitzungen an – so verordnete der große König, dass der brave Bürgermeister fortan einen Helfer haben sollte und der Bürgermeister freute sich sehr darüber. Und auch diesen anderen Bürgermeister, der ja ganz im alten Stil weiter agierte, liebte die Gemeinde und mehr als oft schall fröhliches Gelächter über den Dorfplatz.

Eines Tages jedoch betrachtete der König das Dorf kritisch und beschloss, es müsse einen neuen Anstrich haben. Viel zu trist und unmodern erschien dem Herrscher das alte Dorf und seines großen Reiches unwürdig. Die beiden Bürgermeister kämpften sehr für den Erhalt ihrer alten Gemeinde, doch es half nichts. Das Dorf wurde über Nacht renoviert und umgestaltet und die beiden alten Bürgermeister mussten gehen, denn sie passten nun nicht mehr in das neue Konzept, das sich der König für seine neue Gemeinde ausgedacht hatte. Überhaupt hatte er eigentlich den Spaß verloren an den sich eifrig tummelnden Gemeindeschäfchen und ließ bei der Gelegenheit das Dorf von ganz oben vom Berg tief ins Tal verlegen, wo nur wenig Sonne schien.

Wie entsetzt und traurig waren da alle Gemeindemitglieder als sie am nächsten Morgen aufwachten und sich nun gar nicht mehr zurecht fanden. Dann mussten sie feststellen, dass der König auch alle ihre Telefone abgeschafft hatte und sie nun auf einem sehr komplizierten Weg privat miteinander kommunizieren mussten, der den älteren und nicht so technisch begabten Bürgern fast unmöglich wurde zu nutzen. Viele der jüngeren, aufstrebenden Mitglieder packten nun ihre Sachen und verließen empört das Königreich und auch bei den noch ausharrenden Mitgliedern machte sich Unmut breit. Aber sie ließen sich nicht vertreiben.

Der König setzte einen neuen Bürgermeister ein, der sich aber nicht viel um das kleine Dorf kümmerte und stattdessen strenge Regeln erließ, wie sich nun jeder Bürger zu verhalten hätte. Ach, die Gemeindemitglieder wollten es einfach nicht glauben, dass sich nun alles geändert hatte und dachten oft unter Tränen an ihre alten Bürgermeister zurück, wenn der Amtierende sie mal wieder im Stich ließ. Doch die Gemeinde harrte aus und versuchte das Beste aus dem zu machen, was ihr geblieben war.

Eines Tages fragte der mächtige König den neuen Bürgermeister, ob denn noch viele in der ungeliebten Gemeinde ausharrten. „Ja, doch, wider Erwarten“, antwortete der neue Bürgermeister, und schämte sich. Da wurde der König böse und befahl dem Bürgermeister, alle Gesetze – ohne Ansehen der Person – nun strikt durchzusetzen. Und geharnischte Strafen für die zu verhängen, die sich nicht daran hielten.

„Irgendwie müssen wir dieses Dorf doch endlich leer bekommen!“, rief der König dem eilig zur Tat schreitenden neuen Bürgermeister noch nach. „Und wenn wir ihnen auch noch den Strom abstellen!” Da nickte der neue Bürgermeister heftig und versprach dem König, alles in seinem Sinne zu tun.

Wie die Geschichte weitergeht, liebe Kinder? Ach, ich weiß es nicht. Ich glaube man hat alsbald nie mehr etwas von dieser Gemeinde gehört oder gesehen. Nur ein paar ganz Hartnäckige sollen sich da noch in den Ruinen im dunklen Tal aufhalten. Bei Kerzenlicht und Wasser und Brot. Aber ob das stimmt, weiß ich nicht. Man munkelt es nur.

Ach, es ist wahrlich schade, nach all der Pracht.
Aber der König hat die Macht!

Doch da erhebt sich das Volk!

(Ab hier ergänzende Leserkommentare)

cassandra2010:

Friede dem Dörflein, Krieg dem Palaste!

Doch wer nun gedacht hatte, die besagten ganz Hartnäckigen verschrumpelten lautlos und unbemerkt in den Ruinen im dunklen Tal, der sah sich – angenehm!!!- getäuscht: Das kleine Fähnlein der unbeugsamen Aufrechten blieb nämlich mental wie physisch bei Kräften und arbeitete Tag und Nacht an Plänen, wie sie den König und seinen kriecherischen neuen Dorfschulzen überwinden könnten.

Und eines Nachts war es soweit: In einem gemeinsamen Rundum-Launch-Angriff entmachteten sie den feigen Schulzen und nahmen den König gefangen. Sie schmiedeten ihn einen Felsen des EndZEITgebirges und dort hängt er noch heute, und jede Stunde kommt eine Krähe und – nein, hackt ihm nichts aus, das wäre zu einfach-, jede Stunde kommt eine Krähe und liest ihm den neuesten Schwachsinn aus der BLÖD vor, mit laute, krächzender Stimme, Stunde um Stunde, tag um Tag, Jahr um Jahr.

Das siegreich Fähnlein aber warf alles Gerät und allen Unrat aus dem Dorf, das an die ZEITen der großen Kälte erinnerte, wischte den Boden, lüftete gründlich weißelte die wände, so dass alles heller und freundlicher erschien. Die Freunde von früher kamen aus allen Ecken der Welt zurück aus dem Exil, und so tanzen und stampfen, singen und schreien sie in buntem und vergnügtem Durcheinander durch ihr Dorf und setzen viele Gedichte und Geschichten und Streitschriften und Pasquille in ein lichtblau unterlegtes Netz und es ist alles, alles gut…

hagego:

Das kleine Dorf und die große Zeit

In diesem Dorf aber war jedes dritte Haus unbewohnt. Deren Bewohner flüchteten oder wurden in die Flucht geschlagen. Die Gräuel der Zeit – mitten in Europa – blieben nicht ohne Folgen. Die Alten blieben. Sie sahen keinen Sinn darin, sich im Alter nochmals geografisch zu verändern. Und die Jungen waren längst auf Youtube oder Facebook angekommen.

Wem aber schadete dieser Exodus am meisten? Dem König und dem Bürgermeister selbst! Ihr Ende war mit dem Aussterben der Alten beschlossen. Ein König ohne Volk, also ohne Einwohner? Das wäre ja dann wohl doch ein komischer König!

Der ‘Königliche Generalanzeiger’ verlor an Auflage, an Wirkung und gänzlich seine Zielgruppe. Leserbriefe wurden kaum noch abgedruckt, weil es einfach keine mehr gab. Bis auf wenige Ausnahmen, wie Frau Anais zu Anais oder der altgediente preussische Diplomat Liepsmann Tannenberg. Sie hielten das Fähnlein der Aufrechten in die Höhe, waren aber im Talkessel so ziemlich allein.

Eines Tages aber, es donnerte und blitzte, die Bäche schwollen zu gewaltigen Flüssen an, eines Tages hörten die Alten eine Stimme. Von ganz fern, wie es schien. Es hörte sich an, als spräche jemand über den Wolken zu den wenigen Dorfbewohnern:

“Ihr werdet mich nicht mehr kennen, ich bin ein alter Mann. In eurem Land war ich einst – vor vielen Jahren – einer der mächtigsten Männer! Nach diesem Amte habe ich mich bemüht, den ‘Generalanzeiger’ in eine anständige Zeitung zu verwandeln. Das klappte auch viele Jahre sehr gut. Aber als ich älter wurde, musste ich mich um Unterstützung bemühen und neue Leute einstellen. Und damit begann, erst schleichend, der Untergang dieser Zeitung. Zuerst kaum merklich, dann wurde immer deutlicher, dass ich auf die verkehrten Menschen gesetzt hatte. Ich bitte euch um Verzeihung! Und möchte euch auffordern, wenn es in diesem Blatt gegen die Meinungs- und Pressefreiheit geht, energischen Widerstand zu leisten.”

Danach klarte der Himmel auf, der Regen ließ nach; ja, sogar ein paar Sonnenstrahlen konnte man erkennen.

Harald Blumenau, der über seinem siebten Entwurf einer neuen Bürgerverfassung nachdachte, rief seinem Nachbarn über dem Gartenzaun zu: “Volker, lebt denn der Helmut Schmidt noch? Ich glaube, der hat soeben zu uns gesprochen!” Herr St. nickte und machte mit dem Generalanzeiger der letzten Woche ein kleines Feuerchen, um sich ein paar Kartoffeln aufzuwärmen.

Während in dem fast ausgestorbenen Dorf wieder ein wenig Mut einzuziehen begann, ging im Hamburger Pressehaus eine große Zeit ihrem Ende entgegen.

Und nochmal hagego mit HappyEnd und Mondschaf (mit besonderem Dank):

HappyEnd

Das Mondschaf kommt zur Redaktion,
setzt sich dort einfach auf den Thron
und ruft durch’s große Megaphon:
“Für euer Schreiben gibt’s als Lohn…
zwei ziemlich starke Kaffeeboh’n!”
Ein User findet, das sei Hohn.
Er sagt dies leis; er weiß, der Ton
macht bei der ZEIT auch die Musik.
Und so übt er nur leis Kritik:

“Legt noch zwei Kaffeebohnen drauf,
dann schreib ich euch etwas von Hauff:

Wilhelm Hauff schrieb viele Märchen,
auch das von einem Zeiten-Pärchen.
Die eine Zeit schritt weiter fort,
die andere blieb zurück am Ort.
Und so begannen beide Zeiten
sich in Permanenz zu streiten.

Ein Uhrmacher fand das nicht schön
und ließ die Uhren einfach steh’n.”

Auf fünf vor zwölf steh’n alle Uhren -
vom Streit sieht man jetzt kaum noch Spuren.
Und auf den Fluren
blüht der Mohn.
Das Mondschaf määäht auf seinem Thron.
Ach, herrlich diese neue Zeit!
Ab Sonntag ist es dann so weit…

Corina Wagner:

Botschafdd ussem allerletschdde Kellerloch

Hilfe, isch bitt’ um Hilfe!
Jerres nä, awei is awwer Zabbeduschder im Dunggele.
Aweil werd’ ich nidd nur im Kellerloch vom Zeit-Dörfche iwwazwersch
Wer kann’s Hilde us demm nasskaaldde dunggele Verließ befreie?
Ich hann arisch die Flemm, doo gebbts nix zu Rüttele unn zu Schüttele,
die Knittelverse sinn uffem Weg ins Asüül (Asyl).
Ich würd’ misch nidd wunnere, wenn ich mir doo unne in demm Kellerloch die Freck hole.
Ähs iss ä Unguddie Sach’, seit demm gischdern de Uffschtand geprobt werd.
Ich bin gischdern heimlich uff de Schtuhl gekrabbelt unn hann ä Au riskiert. Die Dame von Welt hat joo kräftisch die Glogge läute lasse. Unn doo hann ä paa geguggt wie die Kuh, wenn’s bimmelt. Annere hann gemach, als hädds plötzlich furchtbar geblitzt, wie wenn e Ochs vom Bersch schteht unn die Aue verdreht. Joo so war’s wohl, als se all geles hann, dass werrer zwei Unnergrundkämpfer aus dem Dörfche vertrieb wurden. Ähs is dabbisch gelaaf. So ein Kabbes hann isch gedenkt. Is joo schon middlerweile ä kloorie Plattform, wenn man de Fußboddem anguggt. Ich seh’ nur noch blau.
Ei nee, oarschäärisch solle von beschtimmdde Leit ussem Dorf die Artiggel unn Kommenddare sin, ich trau’ misch aweil garnimmeh, was se formuliere: Könscht joo die Näckscht sin, dass de vertrieb, des Weges verwiesen wirst.
Unn seit demm die de Schtrom abgemurggst hann, frier ich arisch so in demm Kellerloch.
Ich bin haldd ä ingeschüchterddes Hilde, dass aweil Angscht um ihr Exisstenz hadd.
Wer kann ähs Hilde uss demm nasskaaldde Dunggele befreie?
Isch bevorzuge kenn Leit, die nimmeh ganz juschd sin, sondern Mensche, die die Sachlage rischtisch inschätze könne.
Wenn ich länger doo Unne bleib’, setz ich noch de Grünschpan an. Ich frier’ grusselisch, weil ich die Bligge von de desinteressierdde Schaffer von de Plattform schpür.
Jesses, aweil muss ich mich flach uff de Bodde hinflatsche, mir werds gaanz kloor:
Olägg!
Dabba, aweil werrds …
Òò Maria bring’ die Drobbe
Ei isch seh’ werra blau.
Gruß
Ähs Hilde

Scheene Grieß’ ans Anais!


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6 Kommentare

  1. Corina Wagner

    Liebe Sigrid,

    es war einmal…
    … vor langer Zeit auf den Zeit-Online-Seiten…
    …ich werde jetzt ganz sentimental!
    Und doch weine ich keine Träne nach, denn wer will schon heutzutage seine Texte jedes Mal aufs Neue in der Redaktion einreichen, die dann bestimmt, was für LeserInnen in der Community wirklich geeignet ist. Dieses „Geeignet sein!“ ist sehr dehnbar. Das hängt dann von der Laune, dem individuellen Lesegeschmack und dem Intellekt des Redaktionsmitglieds ab. Zensur, Kürzung von Texten – ohne mich. Natürlich muss man abwägen, ob das Geschriebene für LeserInnen interessant genug ist und doch war es richtig und wichtig, dass wir zeitverdichtet damals gegründet haben! Wir dürfen mehr als 3000 Zeichen schreiben und veröffentlichen.
    Ich finde es prima, dass der Literaturklub zeitverdichtet existiert und eine Vielzahl von Kreativität bietet. In den vergangenen Jahren hab ich mich köstlich über Texte amüsiert, oftmals laut vor dem PC gelacht oder war einfach nur sprachlos, weil der ein oder andere Text mitten ins Herz und in die Tiefe ging.
    Noch kurz eine Anmerkung zu hagego
    hagego ist überhaupt nicht mehr online – in keinem Forum mehr unterwegs. Umso mehr freut es mich, dass Du dieses Märchen in Deinem Archiv gefunden hast!!!

    Liebe Grüße
    Corina

  2. Ostello Jaeger

    Bilder der Erinnerung hast du da hervorgeholt liebe Sigrid.
    Das war ein interessantes Projekt damals, hat dem Mainstream wohl zuviel Wasser. abgegraben, sinnbildlich gesagt…
    herzlicher bewegter Gruss

  3. MokkaSinn

    Ich stelle es mir vor:

    ein Meister ohne Bürger ist ein Meister von was?

    Vom Leerstand.

  4. Bambulie

    Liebe Sigrid,

    schöner Rückblick. Politische Diskussionen bis in die feinsten Äderchen. Literatur, Gedichte oder einfach nur Blödsinn machen, ich sage nur Finito Palim Palim. Alles war erlaubt. Die beiden Redakteure, leider sind mir die Namen entfallen, waren einfach Klasse. Unterhaltsam und lehrreich zugleich, das war Zeit-Online. Dagegen wirkt das heutige Niveau im Kommentarbereich ziemlich verkrampft und in eine Richtung gestriegelt. Die Zensur ist ja unglaublich.

    Mich hat man übrigens auch gesperrt, da ich es doch tatsächlich gewagt habe, etwas polemische Islamkritik zu formulieren. Heutzutage ist so was nämlich strengstens verboten, ganz ganz großes Tabu!

    Damals hab’ ich übrigens auch mein Schärflein eingebracht.

    “Sterbelied der Community”
    Von bambulie 21.08.2010, 22.42 Uhr

    Frei nach Hermann Hesse

    Bald geh ich heim,
    Bald geh ich aus dem Leim,
    Und meine Knochen fallen
    Zu den anderen allen,
    Das berühmte Forum ist verschwunden,
    Bloß der Verleger lebt noch von seinen Kunden.

    Dann komm ich wieder auf die Welt,
    Ein Knäblein, das allen wohlgefällt,
    Sogar alte Leute schmunzeln
    Aus wohlwollenden Runzeln.
    Ich aber saufe und fresse,
    Liege bei den jungen Weibern,
    Reibe meinen Leib an ihren Leibern,
    Kriege sie satt und drücke ihnen die Gurgel zu,
    Dann kommt der Henker und bringt auch mich zur Ruh.

    Dann kann ich wieder auf Erden
    Von einer Mutter geboren werden
    Und Bücher schreiben oder Weiber begatten.
    Ich bleibe aber lieber im Schatten,
    Bleibe im Nichts und ungeboren
    Und ungeschoren, im Jenseits verloren,
    Da kann man über alle diese Sachen
    Lachen, lachen, lachen, lachen!

  5. Bambulie

    Und hier ist das Zeit-Online-Original mit hagego, leider hat er sich ja verkrümmelt. Er wirkte immer so motivierend auf mich.

    http://community.zeit.de/user/bambulie/beitrag/2010/08/21/quotsterbelied-der-communityquot?page=1#comments

  6. cassandra2010

    ich mus mal suchen… ich hab doch da auch? oder etwa nicht? dochdochdoch

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