The brown baby

Haben sie`s sich überlegt?

Ich gebs nicht her!

Was soll denn aus ihm mal werden? Wollen sie`s zum Zirkus geben?

Ich werds nicht hergeben!

Aber gnädige Frau, schauen sie, sie könn`s doch zur Adoption freigeben. Denken sie doch an sein Wohl.

Ich werd`s nicht zur Adoption freigeben!

Wo ist sein Vater jetzt?

Zurückgegeangen nach Amerika.

Und sie sind jetzt allein hier, mit dem Kind?

Ja.

Wie reagiert ihr Umfeld, wenn sie mit dem Kind gesehen werden? Welche Unannehmlichkeiten erfahren sie bei ihren regelmäßigen Fahrten, beispielsweise in die Stadt?

Ist nicht ganz leicht.          Es ist oft sehr schwierig.

Wie meinen sie das? Welche Reaktionen erzeugt ihre Anwesenheit mit dem Kind?

Beschimpfungen, Blicke, man ignoriert uns offensichtlich.

Um welche Art von Beschimpfungen handelt es sich?

Man sagt schlimme Dinge zu mir und zu ihm. Er leidet sehr darunter. Es fällt mir sehr schwer darüber zu reden.

Man schimpft mich Negerhure.

Hat sich eingebrannt.

Sie haben sich aus freien Stücken gegen die Übergabe ins Heim für Mischlingskinder entschieden und damit auch für die zu tragenden Konsequenzen. Sie haben bewusst und klaren Verstandes entschieden, die Doppelbelastung als arbeitende und fürsorgende Mutter anzunehmen. Sie haben sich auch eine mögliche Zukunft verbaut, ihr Haus, ihr Fundament mit einem dunklen Grundstein begonnen.

Kommt eine Heirat überhaupt persönlich für sie in Frage?

Das weiß ich nicht.                            Darüber kann ich nichts sagen.

Wieso? Wieso tragen sie weiter diese Last? Der Staat, das Heim, es gibt Lösungsmöglichkeiten.

Weil ichs unterm Herzen trug.

Während der Besatzungszeit nach dem 2. Weltkrieg kamen auch afro-amerikanische Soldaten nach Deutschland. Die alliierten Siegermächte führten in ihren Kompanien Einheiten, die ausschließlich – vom einfachen Fußsoldaten bis zum Offizier – afro-amerikanischer Herkunft waren. Da es erst 1948 zur Aufhebung der Rassentrennung in der US-Armee kam, fanden noch während des Kriegs zahlreiche Diskriminierungen, teils sogar durch eigene Armeeangehörige statt. Nachdem Deutschland in Zonen aufgeteilt war und die Soldaten fest stationiert waren,  kam es trotz des Fraternisierungsverbots rasch zu außerehelichen Kindern. Zur damaligen Zeit als solches schon verurteilungwürdig wurden farbige Kinder und deren Mütter zusätzlich erbarmungslos angefeindet und diskriminiert. Der Vater, falls er nicht von sich aus wollte, wurde oft auf Druck der Behörden dazu gedrängt, seine Verlegung zu beantragen oder ungefragt verlegt, um die frisch entstandene Familie auseinanderzubringen. Die Null-Toleranz-Devise der deutschen Bevölkerung hatte zur Folge, dass die Mütter ihre Kinder oft verstecken, im schlimmsten Falle sogar um ihr Leben fürchten mussten. Diese wahren unrühmlichen Vorgänge sind gerade  einmal 50 Jahre her.

Die deutsche Bevölkerung, die intensiv damit beschäftigt war, ihren infiltrierten braunen Geist loszuwerden, wurde beim Ansehen der brown babys eben mal wieder rückfällig und versank mit ihren Reaktionen im tiefen braunen Morast aus dem man sich gerade selbst herausziehen wollte. Selbst engerer Familienkreis und Freunde kappten oft die Beziehungen zu den brown-baby-Müttern.

So standen die jungen deutschen Frauen oft allein und zwar oft ganz allein mit ihrem brown baby da…

(Dieser Dialog basiert inhaltlich auf einem Zeitzeugenbericht, eines zur damaligen Zeit aufgenommenen Interviews, ausgestrahlt in einer Phoenix-Dokumentation. Das teils Fingierte soll nicht darüber hinwegtäuschen,  dass der Stil des fragenden Journalisten tatsächlich dem Stil dieses Dialoges ähnelt und somit ein erschreckendes Selbstverständnis der deutschen Bevölkerung repräsentiert.)


4 Kommentare

  1. MokkaSinn

    Die Hühnerpelle reicht bis ins Jahr 2013.
    Fremde Rasse plötzlich so nah ….

  2. Corina Wagner

    Lieber SOAHC,

    zunächst freue ich mich sehr, dass ich nun wieder Zeilen von Dir lesen kann, die Dir hervorragend gelungen sind. Ein Beitrag, der unter die Haut geht und deutlich zeigt, wie viel Intoleranz es nach dem Krieg gab. Heute werden leider Gottes immer noch Kinder gehänselt oder ausgegrenzt, wenn sie nicht in die Norm passen. Intoleranz gibt es leider immer noch in Deutschland.

    Ganz liebe Grüße
    Corina

  3. SOAHC

    ! Kleiner Hinweis: Die Zirkus-Frage bspw. ist keine von mir erfundene Dramatisierung oder Überspitzung; dem fragenden Journalisten war es ernst mit dieser Frage…schier unglaublich nach ein paar Jahren “Hitler-frei”…hat mich sehr nachdenklich gestimmt.

    Lieben Gruß an alle Leser und Autoren

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