Ein Live-Bericht mit Verspätung (dafür mit Bild)
Eine Geschichte vom Warten

HPPP (Hasepremium-Pictures Privat)

Ich will Schwemmholz sammeln.
Von der Brücke  herab habe ich graue Nester erspäht. Schwemmholz.
Ich will Schwemmholz sammeln und finde den Weg zu den Auen unter der Brücke.
Da sieht alles ganz anders aus.
Die Brücke und das Schwemmholz – Alles sieht unten ganz anders aus.
Aber das ist wohl meistens so – unten sehen die Dinge ganz anders aus als von oben.
Und natürlich umgekehrt, klar.
Altes Problem – immer eine Sache des Standpunktes ….
Wobei ich keinen richtigen Standpunkt finde.
Man torkelt und wankt durch eine Landschaft aus Schlamm, Müll, Treibgut, Dreck, Gras …., die sich schon wieder zu normalisieren scheint.
Und mir fällt die Geschichte ein, die ich damals als Live-Bericht schreiben wollte und dann doch nicht geschrieben habe, die Zeiten waren nicht so.
Man kann manchmal nicht schreiben oder berichten.
Man hat anderes zu tun – in diesem Falle: Warten.
Manchmal sitzt man einfach da und wartet.
Aber es ist ein anderes Warten als das auf den nächsten Zug.
Da weiß man, worauf man wartet, hat eine Vorstellung von der Dauer.
Aber es gibt auch ein zielloses Warten ins Ungewisse……

So war das auch damals an diesem Samstag, als das Hochwasser den Höhepunkt erreicht hatte.
Alle warteten gespannt.
Ich tat im Garten irgend etwas.
Warten mit Beschäftigung.
“Betty, komm hier lang, Betty hier ‘rein … komm   …. brav …!”
Meine Frau zog mit einem kleinen Mischlingshund an der Leine in den Garten.
Beide sahen aus als gehörten sie schon lange zusammen.
Noch nie hatte ich meine Frau mit einem Hund an der Leine gesehen.
“Schau Betty, das ist der J.” Ich wurde beschnüffelt und für gut befunden.
Mit der Erklärung, Bettys Frauchen hätte in der Nacht mit 3 Flaschen Prosecco gegen die Flut angetrunken, übergab sie mir die Leine. Ganz kurz nur ….
Mit Betty spazierte ich auf 10 X 20 Gartenmetern herum.
Betty wollte immer zum Gartentor.
Ich holte einen Ball und versuchte ein Spielchen.
Betty wollte immer zum Gartentor.
Nachbars Klingelkater lugte durch die Hecke.
Ein Hund!
Ausnahmezustand!

In den umliegenden Gärten wurde gesessen, gekocht und gegessen.
Überall saßen Evakuierte aus den Orten hinterm Donaudamm.
Neue Nachrichten von  der Flutfront wurden über Handy und Mundpropaganda ständig ausgetauscht.
Sirenen heulten, die Hunde heulten, Hubschrauber flogen , Kolonnen von Wasserwacht, THW und Feuerwehren rasten ….
Der Damm brach aller halbe Stunde … und dann wieder doch nicht.
Ausnahmezustand!
Man wartete.
Betty wartete, dass ihr Frauchen wieder erwachte.
Ich auch.
Eilmeldung: die  Brunnen der Brauereien in V und M wären in Gefahr!
Ich bin bestimmt der letzte, der sich zu Hamsterkäufen hinreißen lässt.
Aber diesmal ….. man weiß  ja nie …!!
Aber ich habe Betty an der Leine.
Wir gehen spazieren im Kreise.
Warten.
Warten auf meine Frau oder das Frauchen von Betty.
Denn das Leben muss ja irgendwie weitergehen.
Meine Frau kommt und übernimmt Betty.
Sie gehen spazieren.
Ich hole Bier.
Etwas mehr als sonst , falls Einquartierung erfolgt.
Ein Querschnitt durch alle Sorten, man weiß ja nicht wer kommt und was er trinkt
Man muss vorbereitet sein.
Und die Brunnen – man weiß ja nie….
Keiner weiß, wie das mal Alles weitergehen wird.

Alles beobachtet den Pegel.

Und der Pegel beobachtet die Hubschrauber mit den Politikern.
Die Politiker sprechen.
Worte von Betroffenheit.
Hilfe wird angekündigt.
Unbürokratisch – sofort!

Entschlossenheit

Merkel …Seehofer …..

Hubschrauber

Die Hubschrauber der Politiker gehen volles Risiko und drücken auf den Pegel.
Das zieht!
Da gibt der gigantische Pegel plötzlich Klein bei.
Er sinkt.
Ja, so sind sie, die Pegel. Erst große Welle machen und dann, wenn die Menschen ihre
Politiker holen ….. dann verziehen sie sich.

Bettys Mutter erwacht aus dem Koma.
Betty leckt ihr die Hand.

Die Flut ist gebannt – die Menschen atmen auf.

Sie kippen ihren Sperrmüll in Hochwasserlöcher,
klauen die Computer aus der Klosterschule,
beantragen Soforthilfe ohne Schaden gehabt zu haben,
plündern verlassene Häuser
und holen sich Spendengüter bei den Einrichtungen ab.
Stellen Anträge …
Zahlen zurück ( bei Straffreiheit)
Geschichten machen die Runde.
Ein Kollege, ein Jäger, hat aus dem Schlauchboot heraus auf Rehe geschossen,
die versuchten sich in Baumkronen zu retten.
Eine Frau hat jetzt ihre Schwiegermutter im Haus.
Einem anderen Kollegen ist das Wasser von oben in den Schornstein gelaufen.
Er will kein Haus mehr.
Er sucht eine Mietwohnung oben im Bayerischen Wald.
Wie viele andere auch.

Das ganz normale Leben nimmt  wieder seinen Lauf.

Die Flut ist vorbei.
Das Vergessen beginnt.

Sandsäcke liegen noch überall herum.
Ein kleiner Bagger steckt kopfüber im Schlamm.
Kühe werden zurück gebracht.

Betty knurrt angeblich  leise wenn Prosecco auf den Tisch kommt.


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5 Kommentare

  1. ostello jaeger’s avatar

    ja, alle sind beschaeftigt mit warten, oder warten beschaeftigt… amuesante betrachtungen lieber praemiumhase…

    1. ostello jaeger’s avatar

      und a bissl bissig dazu, hasenmae$ig halt ; )

  2. MokkaSinn

    Erst kommt das Wasser, dann die Geschichten.

    Danke für die Einblicke – auch der Frechheiten in solchen Zeiten.

    Gott sei Dank!
    Nun ist wenigstens genug Bier im Haus.
    Da knurrt auch kein Hund.

  3. Corina Wagner

    So ist das im Leben.
    Ein Kommen und gehen, nehmen und geben, wenn es passiert. Manchmal entstehen Geschichten zum Heulen, aber auch zum Schmunzeln und Augenvedrehen. Die Goldhasen-Zeilen haben mir einfach gefehlt! Danke!!!
    Ganz liebe Grüße
    Corina

  4. cassandra2010

    …klauen die Computer aus der Klosterschule
    woanders baut ein Bischof mit eigenwilligem Namen
    ein Klerikal-Versailles
    Tja…

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