KINDER

Daniel ist 11 Jahre alt und schon so etwas, wie der Chef im Viertel. Das liegt daran, dass er eine Quelle von Klebstoff aufgetan hat. Geld haben die Kinder hier alle nicht, aber Daniel kann sie zu Dienstleistungen pressen. Plastiktüten gibt er gratis dazu. Daniel ist von zuhause weggelaufen, als er acht Jahre war und eines Nachts sein neuer Stiefvater in seinem Zimmer stand und ihn zum Oralverkehr zwang. Seiner Mutter, seit Jahren drogenabhängig, brauchte er nichts von dem Vorfall erzählen, das war ihm klar. Also packte er die wichtigsten Dinge zusammen und ging in den Untergrund, wie er es nennt. Traf erstaunlicherweise auf eine ganze Menge anderer Straßenkinder, was er so nie erwartet hätte. Sie leben am Rande einer Müllkippe unauffällig in kleinen Bretterhütten, die sie sich gebaut haben. Die Müllkippe ist ihre Lebensader und kann zugleich ihren Tod bedeuten. Denn die aufsteigenden Gase bedeuten zum einen Wärme im Winter, zum anderen aber immer das dem Risiko, dass sie zu viel davon einatmen. Das bedeutet dann den sicheren Tod. Jedes Jahr erwischt es einige von ihnen. Sie schaffen die Leichen dann weg, um nicht auf sich aufmerksam zu machen.

Ihr Essen stehlen sie sich zusammen. Ein oder zwei der Mädchen prostituieren sich auch. Sie nehmen das Geld und stellen es der Gruppe zur Verfügung. Keiner von ihnen ist älter als 14. Alle schnüffeln sie Klebstoff. Das ist billig und lässt sie ihre Situation ertragen. Daniel würde niemals zurückgehen, sagt er, da ist ihm der Tod schon lieber. Und außerdem geht es ihm doch gut, hier im Kreise der Gleichgesinnten. Als er das sagt sieht er zur Seite. Schwäche zeigen ist verpönt, wenn man der Boss sein will.

Lilo ist 12 Jahre alt und von zuhause abgehauen, weil ihr Vater sie regelmäßig verprügelt hat. Ihre Mutter stand stets still und leidend daneben. Irgendwann hat Lilo es dann nicht mehr ausgehalten. Auf der Suche nach einer Bleibe hat sie dann Daniel getroffen. Seitdem lebt sie hier. Sie ist eine von den zwei Mädchen der Gruppe, die sich prostituieren. Hinter dem Bahnhof gibt es einen Kinderstrich. Dort bieten sich hauptsächlich minderjährige Junkies an. Lilo glaubt, sie wäre besser als die Süchtigen, sie verdiene das Geld schließlich für Gruppe, sagt sie, während sie an ihrer Klebstofftüte schnüffelt.

Im Hintergrund entsteht plötzlich etwas Unruhe. Olli braucht neuen Klebstoff. Schnell ist Daniel bei der Hand und Olli zieht sich wieder zurück in die nebeligen Abgründe seiner Sucht. Olli ist fast 14 und war früher hier der Chef. Hat es etwas übertrieben mit dem Klebstoff, wie Daniel meint, und sich das Gehirn weggeblasen. Daniel glaubt nicht, das Olli noch lange durchhält, die Sterberate ist hoch unter den Schnüffies, wie er seine „Kunden“ nennt.

„Wir sind frei!“ sagt Daniel und lacht. “Frei. Ja, wir sind die freien Kinder dieser Stadt!“


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3 Kommentare

  1. Corina Wagner

    Liebe Sigrid,

    zunächst danke ich Dir, dass Du seit langer Zeit mal wieder einen Beitrag eingestellt hast!!!
    Deine Geschichte befasst sich mit einem heiklen Thema, das gerne aus der heilen Welt verdrängt wird. Kinderprostitution und Drogenkonsum – ein Teufelskreis!
    Deine Geschichte berührt!
    Neulich habe ich einen Bericht über Christiane F. im Fernsehen gesehen. „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ – Dieser Film war damals Anfang der Achtziger Pflicht.
    Christianes Biografie sollte Wachrütteln. Dieses ganze Elend gibt es nach wie vor überall in Deutschland. Meistens in Großstädten wie Hamburg, Berlin oder z.B. auch Frankfurt.
    Laut Stern TV gab es im Jahr 2012 in Deutschland 944 Drogentote. Zu diesen Toten gehören Menschen, die schon sehr früh abhängig wurden. Es sind Lebensgeschichten, die wie Christiane F. verliefen. Sie wurden als Schüler schon heroinabhängig. Der Kinderstrich ermöglicht Geld für die Drogen. Christiane F. lebt immer noch. Naja, hab‘ mich erschrocken, als ich sie im Fernsehen sah. Drogen haben sie immer noch im Griff. Sie trank während des Interviews zum Beispiel Schnaps.
    Zitat Stern: “Christiane F. hat überlebt. Doch sie ist schwer krank. Sie hat Hepatitis C. – das Virus zerstört ihre Leber. Eine Folge der jahrelangen Sucht. Auch Alkohol, Nikotin und Marihuana gehören dazu. Schätzungen zufolge sind etwa 200.000 Menschen in Deutschland schwer drogenabhängig.”

    LG
    Corina

  2. MokkaSinn

    Manchmal ist es näher, als man aushalten kann.

  3. Ostello Jaeger

    freut mich dass du auch mal wieder etwas veroeffentlichst liebe Sigrid… es geht nahe was du geschrieben hast. kinder gehen besonders nahe…
    hg

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