Yolanda

Ich habe eine alte Geschichte von mir aus 2008 gefunden. Anlass gab der schleichende Verfall meiner Freundin (Morbus Crohn).

Die Schattenwiese bestand aus grau-grünen Nimmersatten, die sich wie kleine Lokomotiven den Weg zu ihr bahnten.

“Ich sehe schief”, Yolanda sah mich wimmernd an.

“Ich sehe blind”, sagte ich Lippen kräuselnd.

“Wer sieht denn schon blind?”, Yolanda versuchte eine Locke aus ihrem Gesicht zu vertreiben.

“Na, …”, ich sah sie an.

“… ich!”

“Yolanda, …”, ich pustete durch einen Grashalm, den ich zwischen den Fingern hielt.

” … Yolanda, siehst du die kleinen Nimmersatte, die sich auf dich zu bewegen?”.

“Sie sind wie gefräßige, kleine Raupen”.

Yolanda drehte sich auf den Bauch und legte ihr Gesicht in ihre Hände. Tränen bahnten sich einen Weg durch Unkraut, Vergissmeinnicht und Tulpen, Nelken und Narzissen.

Kleine, unverhoffte Träume eilten eilig herbei und warfen ihre Angel aus. Yolanda begrüsste jeden einzelnen von ihnen.

“Yolanda, ich sehe deine Träume”, ich steckte den Grashalm zwischen meine Lippen und formte Töne: Leise, grelle , lautlose Töne und versuchte meine Tränen einfach fort zu blasen.

“Mein Körper ist im Unkrautgarten und ich kenne den Weg nach draußen nicht”, schluchzte Yolanda.

Yolanda konnte so herzzerreißend schluchzen, dass ich begann Kreise in die Luft zu starren.

“Stell dir vor …”, ich zog Yolanda an den Locken. ” … stell dir vor, du bist so frei wie der Wind dort oben.”

Yolanda atmete raschelnd aus. Bei jedem ihrer Atemzüge begann sich meine Luft spürbar zu verringern. Ich drehte meinen Kopf und sah Yolanda an. Seichter Regen lief leise ihre Wangen hinab. Ihre Augen lagen tief und ihre Seele offen. Sie war so unsagbar zerbrechlich, dass es mir fast körperliche Schmerzen bereitete.

“Ich will …”, Yolanda hustete. “… ich will, dass du es jetzt tust …”.

Ihre Augen blickten ruhig , als ich mit meinen Händen ihren Mund und ihre Nase verschloss.

Epilog: “Wenn ich nicht alleine sterben kann, hilfst du mir dann …?” , Yolanda lächelte und tanzte um mich herum.. “Ja”, antwortet ich, “aber nur wenn du mir an dem Tag deine Träume zeigst”.

http://www.youtube.com/watch?v=zDZPxvO1ftY


7 Kommentare

  1. Ostello Jaeger

    hallo, schoen, neue beitraege am wochenende…
    werde sie mir heute abend gebuehrend in ruhe zu gemuete fuehren.muss erstmal raus… bewegung ect.
    herzliche gruesse an miou und die gemeinde

  2. Ostello Jaeger

    >> echt klasse erzählt, möchte ich dazu sagen…

  3. Corina Wagner

    Liebe Miou,
    liest sich vielleicht langweilig, kann mich da Ostellos Worten einfach nur anschließen!!! Super Geschichte!

    Schönen Wochenenstart…
    Corina

    1. Miou’s avatar

      Danke! Dir auch einen schönen Wochenanfang. Liebe Grüße, Claudia

  4. MokkaSinn

    Miou,

    deine Geschichten sind bezaubernd, auf ihre ganz eigene Art und Weise fassen sie mich so oft an meine Hand und nehmen mich mit …..

    Wenn alles so federleicht wäre.

    1. Miou’s avatar

      Das freut mich bei dir ganz besonders, MokkaSinn. Danke!

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