Der Fall Boehmer – Die Narbenstraße

Nachdem sich der junge Mann das Leben genommen hatte, fanden die polizeilichen Untersuchungen alsbald ein schnelles Ende. Der Fall Boehmer war kein Fall, so hieß es. Die Ermittlungen wurden eingestellt, die Selbstjustiz mit der Pädophilie des ehemaligen Lehrers in Zusammenhang gebracht. Dass das Gewissen den zuvor noch geiselnehmenden Pädagogen einholte, konnte man nun in den Akten lesen. Elektronisches Beweismaterial wurde von der Wiener Polizei auf einem Rechner der Schule sichergestellt. Das war gut so, denn wieder freigewordene Kapazitäten konnten nun für andere, offene Fälle verwendet werden. Für Aexander Borg war die Causa Boehmer nicht abgeschlossen. Eine in der Dunkelheit geborene Ursache entfaltete eine Wirkung, die den Fall bei hellen Tageslicht zu beerdigen drohte. Nicht nur der Fundort der beschlagnahmten kinderpornographischen Inhalte irritierte Borg. Pornographie war eine Angelegenheit im Verborgenen. Der Aufbewahrungsort derart pikanter Daten war nicht der eines öffentlichen Gymnasiums.
Bloßstellung? – schoss es Borg durch den Kopf! Nicht zuletzt der flüchtige Kontakt mit Lutz Boehmer rief in ihm das Bild eines Getriebenen und nicht eines Besessenen hervor. Eine Meute Polizisten und Anderer verfolgte Boehmer bevor er sich im Antiquariat Reixinger ihm gegenüber für immer verschloss. Treibjagd. Die Gründe für die Flucht und seine finale Tat vermutete Borg nicht in der widerwärtigen minderjährigen Gemengelage.
Es klingelte.
Als Boehmers Schwester eintrat, wusste er, dass seine Intuition richtig war. Am Abend überlegte er wie er die Sache zu ordnen hatte, denn das Gespräch mit Marie-Louise Boehmer bescherte ihm eine Menge loser Informationen. Da war die Verletzung an ihrer linken Hand. Eine feine Narbe. Sie bahnte sich einen merkwürdigen Weg durch Haut und Haar. Vom äußeren kleinen Finger unweit der Fingerkuppe gelegen, bildete sie eine Parallelstraße zu der deutlich hervortretenden Ader. Diese flankierte sie in gleichmäßigen Abstand, entlang des Handrückens bis unter den metallenen Sockel ihrer Armbanduhr. Das Ziffernblatt verstärkte den Verkehrseffekt, weil Stunden und Minutenzeiger ungewollt eine Verlängerung der Straßenstruktur nahelegten – Borg würde sie als Narbenstraße in Erinnerung behalten. Viertel vor neun. Keine bedeutsame Zeit, aber sie war da. Rechtshänderin, hatte er gleich beobachten können. Sie würde insgesamt drei Zigaretten rauchen und obwohl ihre Zusammenkunft nicht als sehr wortreich bezeichnet werden konnte, so war sie doch intensiv. Sie standen während der gesamten Unterhaltung. Er hatte per Handzeichen zum Sitzen aufgefordert, doch rührte sie sich nicht. Ein Insistieren darauf schien ihm in Anbetracht der Lage weder vernünftig noch notwendig und dennoch: Er hätte lieber gesessen. So standen sie und standen sie, ehe ein Wort fiel und mit dem ersten Wort fiel auch die Stille ihm zum Opfer. Das Stehen sei kein Akt der Unhöflichkeit erklärte sie mit sanfter, aber klarer Stimme. In der gesamten Körperhaltung lag diese aristokratische Übung, sich mit Anmut und Grazie durch Raum und Zeit bewegen zu können. Jede Bewegung war unerhört langsam und zugleich von solch zeitlupenartiger Würde, sodass Schönheit der Person und ihrer Performanz eins zu sein schienen.
Die Beobachtung dieser musenartigen Körperstudien gelingt solange bis sämtlich Attributzuschreibungen in sich zusammenfallen und ein Fenster zur Realität öffnen.
Dieser automatische Zerfall, Vorfall, Aufprall würde mit der Wahrheit detonieren. Das Meiste, und nicht nur es, sondern Alles, jedes noch so kleine Detail, schrie danach mit Bedeutung gefüllt zu werden und einen Ausdruck zu kreieren. Atmosphärisch war es unerträglich heiß. Real betrug die Temperatur nichts. Reiner Nominalwert; die Sozialbörse hatte ein neues Produkt auf den Markt geworfen. Unerwartet, reizvoll und mit Risiko. Gelocktes, braunes Haar lockerte ihre strengen, gemeißelten Gesichtszüge auf. Eine faszinierende Gestalt war in Borgs Reich eingedrungen. Unter normalen Umständen hätte ein solches Auftreten eine entsprechende Wirkung auf Männer gehabt, aber Borg war kein normaler Mann und fuhr unterdessen fort, während seine ratio bereits die Arbeit aufnahm.
Der Besuch war nur der Auftakt einer Reihe Weiterer und entwickelte rasch das Potential einer möglichen Annäherung – privater Art. Es blieb unausgeschöpft. Da Beide darum wussten, traf man sich bald nicht mehr. Zudem wussten Beide mehr als genug. Er, dass sie wusste, was Bohmer wusste. Sie, dass er wusste, was sie wusste. Nachdem der Fall Bohmer in all seinen Facetten geklärt und die Motivlage des Suizid begangenen Boehmers ergründet worden war, schien es nun auch nicht weiter verwunderlich, dass der zeitweise regelmäßige Damenbesuch in Borg den Vater sah mit dem sie ein tatsächliches Verhältnis eingegangen war – zu Jugendzeiten. Desweiteren erschreckte auch nicht der gescheiterte Mordversuch, der zu der unschönen Narbe geführt hatte, weil das Messer einer 14-Jährigen noch nicht derart ruhig in der Hand liegen konnte wie man es von einem Könner erwarten musste und so konnte der Mund des noch jüngeren Bruder Boehmer weitere Jahre geöffnet bleiben trotz der Blutlache, in der der junge Boehmer eine Zeit lang trieb ehe die Mutter in letzter Sekunde zur Rettung nahte und das Familiengeheimnis in sittsamer Manier als gescheiterten Selbstmordversuch verkaufte. Was Mutter Boehemer nicht wusste und Vater, Tochter und Sohn nur zu gut, würde sie später zu einer erfolgreichen Mörderin werden lassen. Generalvikar Wilhelm Grosser wird unter dem Erfolg dieser tieftraurigen und verbitterten Frau leiden, jedoch nach der dritten Kugel bereits erlöst werden und das, obwohl sein angeblich homoerotisches Verhältnis zu Boehmer ein Protektorat der Persönlichkeit jenes Armen vor den Wirren seiner Familie war und dies verübte Verbrechen an ihm – Grosser -  ganz zu Unrecht geschah und also ein Geistlicher sterben musste, damit ein Toter weiterhin tot bleiben kann.
Nicht nur, aber eben auch dieser unausgesprochene Informationsvorsprung der Familienmitglieder Lutz Boehmer, Marie-Louise Boehmer und des Vaters Reinhard Boehmer vor der einstig gutherzigen Mutter Boehmer trug dazu bei, dass aus einer altehrwürdigen und hochgeachteten  Familie nicht etwas wurde, was sie seit eh und je schon war, eine zerrissene Interessengemeinschaft, sondern dass dies erkannt wurde. All diese Wege führten nämlich in direkter oder indirekter Weise hinauf zur Narbenstraße und von dort in den Blickfang des aufmerksamen Borg, der bereits den Weg zum Polizeirevier einschlug. Es lag an der Wundgasse 1-7.


3 Kommentare

  1. Ostello Jaeger

    bin im allgemeinen kein anhaenger dieses genres, jedoch dieses feingezeichnete kunstwerk… hat meine begeisterung geweckt, sozusagen…
    hg

  2. MokkaSinn

    Verwirrend gut.
    Ich löse noch das Wirrknäuel und bin bei Knoten 3.

  3. Corina Wagner

    Hallo SOAHC,
    schön mal wieder einen Text von Dir lesen zu dürfen. “Es lag wohl tatsächlich an der Wundgasse 1-7″ und dem unausgesprochenen Informationsvorsprung der Familienmitglieder, dies kann ich jetzt bestätigen und warum wohl der Fall Boehmer verwirrend gut formuliert wurde. Es lag wohl am Verfasser, quasi dem Berichterstatter. ;-)
    LG
    Corina

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