Nicht noch einmal…!

.Frühsommer 1856.

Es war damals eine milde, angenehme Zeit. Gernot zählte gesunde 46 Jahre und war der Sohn eines angesehenen Kaufmanns. Dieser führte ein Geschäft mit allerlei Dingen, die für jedermann zum täglichen Leben gehörten. Streng war er wohl, aber alles in allem ein herzensguter und aufrechter Mann. Schon seit einiger Zeit war Gernot in seinem Laden der Stellvertreter und ihnen beiden ging es gut.

Irgendwann in diesem schönen Sommer gab es wieder einmal eins dieser Feste, die alljährlich mit großem Trara und allem notwendigen Brimborium gefeiert wurden und selbstverständlich gehörten Vater und Sohn zu den geladenen Gästen. Regelmäßig steuerte der Vater sein Scherflein zum Gelingen dieser Feste bei und war, nicht nur deswegen, ein gern gesehener Gast.

Er war schon seit einigen Jahren Witwer und hatte lange Zeit gebraucht, um über den Verlust seiner geliebten Frau hinweg zu kommen. Gernot hingegen hatte sich nie entscheiden können, eine feste Bindung einzugehen. Nette, lockere Beziehungen wechselten sich ab und verschönten ihm seine knappe Freizeit. Und da er im Moment wieder gewissermaßen frei war, freute er sich natürlich besonders darauf, mit der einen oder anderen Schönen zu tanzen und sich an diesem besonderen Abend zu vergnügen.

Schon am frühen Nachmittag schlossen die Beiden das Geschäft und gingen zu ihren Wohnungen hoch, um zu baden und sich die passende Kleidung auszuwählen. Sie lachten viel und waren guter Dinge.

Schon kurz vor dem angekündigten Beginn der Feier waren sie zur Stelle und begrüßten viele der Bürger, die mit den Vorbereitungen beschäftigt waren und sich überschwänglich freuten, alles tatsächlich in der geplanten Zeit bewältigt zu haben. Die ersten Gläser Wein wurden bereits getrunken und alle fieberten dem Fest entgegen. Mit der Zeit füllte sich der Saal, Speisen und Getränke wurden verteilt und die Musikgruppe begann bald mit flotten Klängen. Kurze Zeit später waren die ersten Tänzer bereits auf dem Parkett und das Fest war in vollem Gang.

Gernot brauchte nicht lange, um sich umzuschauen, welche der anwesenden jungen Damen er zum Tanz auffordern sollte. Ihm gefiel es, sich mit den verschiedenen Frauen durch die fröhliche Menge zu bewegen. Immer Andere, zwischendurch kurze, entspannte Gespräche bei einem Glas Bier oder beim Wein. Die Zeit verging wie im Flug.

Es war fast Mitternacht und Gernot stand bei seinem Vater im lockeren Gespräch mit ein paar Freunden, als seine Augen unwillkürlich, wie gebannt, plötzlich am Gesicht einer jungen Frau hängen blieben, die er nie vorher gesehen hatte. Im gleichen Moment, als er sie erblickte, verschwammen alle Geräusche zu einem kaum identifizierbaren Geraune. Er fühlte sich von dieser Frau so übermäßig stark angezogen, dass er alles um sich herum vergaß.

Beider Augen trafen sich unvermittelt. Gernot stellte unbewusst fest, dass sie in seinen Augen genauso hängen blieb wie er in den ihren. Einige Sekunden lang schauten sie sich an und etwas in ihm zwang ihn, zu ihr zu gehen. Nie vorher hatte er ein derart dringendes Bedürfnis, jemanden unbedingt und auf der Stelle kennen lernen zu müssen. Nichts hörend, nur in ihren Augen gefangen, ging er auf sie zu und als er vor ihr stand, bat er sie um den nächsten Tanz.

Sie schaute ihn mit liebenswert offenem Blick an, lächelte auf bezaubernde Art und nickte zustimmend. Sie streckte ihm ihren Arm hin, den er gerne nahm, und sie gingen zur Tanzfläche. Dieser Tanz war für Gernot eine Offenbarung. Sie verschmolzen fast miteinander, während sie sich zu den Klängen der Musikgruppe bewegten und sie schauten sich unentwegt in die Augen. Sie fühlte sich wundervoll an und ihr Körper war verlockend anschmiegsam.

Kaum nahmen sie während in ihrer Versunkenheit die plötzlichen Schreie und Rufe wahr, die fast die laute Musik übertönten. Aber die Unruhe, die dadurch allgemein entstand, zwang beide zur Aufmerksamkeit und damit zur Unterbrechung des Tanzes. Sie blickten sich um, suchend nach der Ursache der unerwarteten Unterbrechung des fröhlichen Geschehens. Gernot sah, dass sich ein Teil der Menschen besonders in der Gegend sehr aufgeregt benahm, wo er zuvor seinen Vater zurückgelassen hatte. Und tatsächlich konnte er ihn in der Menge nicht erkennen.

Er flüsterte seiner reizenden Tanzpartnerin ein paar kurze Worte ins Ohr und lief gleich los, weil ihn ein böser Verdacht dazu drängte. Angekommen in der aufgeregten Gruppe sah er, dass sein Vater auf dem Boden lag und ein Arzt sich bereits um ihn kümmerte. Gernot beugte sich herunter, sprach fast gleichzeitig zu seinem Vater und zum Arzt, bekam aber weder vom einen noch vom anderen etwas Beruhigendes zu hören. Panik beherrschte ihn und die Umgebenden.

Aber sein Vater war tot. Herzinfarkt, bedeutete ihm nach einigen angstvollen Minuten der Doktor.

Eine Zeit großer Veränderungen folgte. Gernot hatte sich nun um das Geschäft zu kümmern und war fast rund um die Uhr beschäftigt mit dem, was ihm sein Vater hinterlassen hatte. Nebenbei beschäftigte ihn immer wieder dieses Mädchen, mit dem er diese bedeutsamen Blicke gewechselt hatte und mit dem er so wundervoll, so innig, getanzt hatte. An diesem Abend damals hatte er sie das letzte Mal gesehen. Sie war verschwunden, so wie sie aufgetaucht war.

Gernot blieb allein, führte das Geschäft seines Vaters erfolgreich weiter. Es war sein Lebensinhalt. Keine Frau interessierte ihn mehr. Immer, zwischendurch, dachte er an sie, die ihn damals so ungemein berührt hatte. Einige der hier wohnhaften Frauen hätten ihn wohl gern zum Traualtar begleitet, doch sie, die schöne Unbekannte, hatte zu tiefe Wünsche in ihm geboren. Aber sie blieb verschwunden, für all die Zeit, die Gernot damals noch blieb..

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Frühling 2010.

Es ist ein Mai, der überraschend sonnig und heiß ist. Ich bin Kaufmann und lebe allein. Nicht weil ich es wollte sondern weil meine Frau, mit der ich lange Jahre eine gute und vertrauensvolle Ehe führte, viel zu früh diese Welt verlassen musste. Nach dem betriebsbedingten Ausscheiden aus einer Firma, in der ich mir im Laufe der Zeit eine gute Position erarbeitet hatte, entschloss ich mich zur Selbstständigkeit. Man konnte mich nicht unbedingt erfolgreich nennen, aber ich lebte recht gut von den Erträgen und – nachdem ich irgendwann mit dem Verlust meiner Lebensgefährtin abgeschlossen hatte – auch durchaus zufrieden.

An einem dieser wunderbaren Tage im Mai fuhr ich zu einem Gartencenter in der Nähe, um einige Pflanzen zu besorgen, die ich für die Verschönerung meines Hauses benötigte. Im Laufe der Jahre hatte ich mir einige Kenntnisse in der Bepflanzung der verschiedenen Bereiche von Vorgarten und Garten angeeignet und konnte so zielbewusst die entsprechenden Stellen in dem groß angelegten Gelände ansteuern.

Während ich konzentriert in den einzelnen Feldern nach den passenden Pflanzen suchte und bereits einige davon im Einkaufswagen verstaut hatte, machte sich eine merkwürdige Unruhe in mir breit. Unwillkürlich löste ich mich gedanklich von meiner Suche und blickte nach rechts. Eine junge Frau stand ein paar Meter neben mir und suchte ebenfalls in den Auslagen nach irgendetwas. Fast im gleichen Moment, in dem ich sie erblickte, schaute auch sie sich um und unsere Blicke trafen sich.

Es war nicht dieses Beiläufige, mit dem sich Menschen bei solchen täglichen Begegnungen anschauten. Nein, mir kam es vor wie eine Offenbarung. Während dieses langen Moments, in dem sich unsere Augen zu erkennen glaubten, schwang in mir ein ungeheuer wohliges Gefühl mit. In unserer Begegnung war eine Vertrautheit, die mir auf merkwürdige Art völlig selbstverständlich vorkam. So, als würde ich sie schon eine lange Zeit kennen. Ihre Augen erzählten mir im Verlauf dieser paar Sekunden ihre ganze Lebensgeschichte. Ich war tief im Innersten berührt von diesem äußerst intensiven Gefühl.

In diesem Augenblick wusste ich, dass ich diese Frau ansprechen musste. Tausende Empfindungen schossen mir durch den Kopf, aber nur eine davon war die, die sich letztendlich manifestierte: ich durfte diesen einzigen und, wie ich ganz sicher glaubte, überaus wichtigen Augenblick nicht verstreichen lassen.

Blitzartig schoss mir die Warnung durch den Kopf: nicht noch einmal…!.

:(  Danke:/  Danke:)  Danke:)) Danke;)  Danke (13 Bewertung/en: 5.00 von 5 Sternen)

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14 Kommentare

  1. S. Steinebach’s avatar

    Was soll ich sagen? Wow!!!!!!!!

  2. Bambulie’s avatar

    Einerseits verständlich wie der Protagonist reagiert, andererseits auch sehr bedauernswert. Wer weiß, vielleicht wäre diese Frau im Gartencenter genau die Richtige für ihn gewesen.

    In der Fachsprache würde man so ein Verhalten wohl auch Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) nennen.

    Aber wie gesagt nachvollziehbar!

    Salve!

  3. Bambulie’s avatar

    Hoppla, habe jetzt erst gemerkt das zwischen beiden Episoden 54 Jahre liegen. Die Hitze!

    So gesehen ist mein obiger Kommentar natürlich ein Murks erster Güte. Aber so eine PTBS kann sich vielleicht auch in bestimmten Gensequenzen manifestieren, so eine Art universeller Festplatte in Abrahams Wurstkessel.

    Salve! ;-)

    1. S. Steinebach’s avatar

      Hust… :-) 1856 – 2010 54 Jahre? Mein lieber Bambulie, es muss sehr heiß sein! *luftfächel*

      :-)

      1. ChromiD verst. 6.2.2011

        ;-))))))))))))))))

  4. Bambulie’s avatar

    Zurecht Hust…!

    Tatsächlich, da fehlt ja ein Jahrhundert die Hitze!
    Aber ganz schön langlebig die Gensequenzen…

    LG ;-)

    1. ChromiD verst. 6.2.2011

      tja, was ich eigentlich sagen wollte, ist, DASS es die frau im gartencenter gewesen ist und DASS er die gelegenheit beim schopf gepackt hatte…
      sorry, dass das nicht so klar herauszulesen war.
      :-)

  5. Harald Blumenau

    Chapeau! Ich bin mal wieder hin und weg. Ich habe noch gestern zu Sigrid am Telefon gesagt, dass Deine Geschichten bestimmt einen Verleger finden, bei der literarischen Qualität. Also, schon sammeln und ab geht die Post, nur Mut und weiter so!!!

    1. ChromiD verst. 6.2.2011

      du machst mir mut! sobald das schreiben am rechner wieder schmerzfrei funktioniert, gehts sicherlich weiter.
      vielen dank, harald! :-))

  6. Georges’s avatar

    Hallo Bambulie,
    deine Geschichten gefallen mir sehr gut unmd meist mehr noch, als deine Gedichte.
    So stimme ich Harald und Sigrid absolut zu.

    Übrigens habe ich deinen Beitrag in Zeit-online gelesen zum Thema Rauchverbot.

    Liebe Sigrid dein Kommentar zu diesem Thema und deine Einschätzung zum Denunziatentum sprach mir voll aus dem Herzen.
    “Ich schreibs an jede Wand, Denunzianten braucht das Land “.
    Georges

    1. ChromiD verst. 6.2.2011

      diese geschichte hat wohl nicht nur bambulie leicht verwirrt… ;-)))

  7. Bambulie’s avatar

    Hurra die Seite lebt!
    Die Erde bebt…
    Gedanken werden verwebt…
    Hab ich am Ende doch gelebt…äh!

    @Georges
    Vielen Dank für dein Feedback ;-)

    @ChromiD Schreib bloß weiter! ;-)

  8. cassandra2010

    DOCH. Noch einmal, zweimal, dreimal solche Geschichten!

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