Der Frischkäse, der Staubsauger und das Knie…

Gestern Nacht war es so weit. Nach einer nicht enden wollenden Aneinanderreihung von lebenslangen Niederschlägen kam endlich der Moment, an dem ich mir selbst jegliche Lebensfähigkeit eines autonomen, selbständigen Erwachsenen absprechen musste und an dem der gefühlte absolute Tief- und Nullpunkt erreicht war.

Ich hatte mir vor dem Schlafen gehen noch ein halbes Baguette, das ich Bissen für Bissen mit Frischkäse bestrich hereingezogen. Das ist an sich schon völlig albern. Frischkäse?! Früher war ich der festen Überzeugung, und zur Verteidigung dieser Überzeugung hätte ich auch heroisch mein Leben hingegeben, dass das nur etwas für Frauen, Senioren und Schwuchteln ist.

Vor ein paar Wochen allerdings, hatte ich richtig Heißhunger auf Baguette mit Frischkäse und seitdem bin ich halbwegs süchtig. Keine Ahnung, wie das über mich kam. Als Mann ist man ja auch altersbedingt hormonellen Veränderungen ausgesetzt, vielleicht hat das etwas damit zu tun. Wer weiß das schon?

Jedenfalls war ich irgendwann fertig mit Baguette und Frischkäse und dachte zunächst ich lasse es liegen, weil es bis zum Morgen schon nicht verderben werde. Dann wurde ich jedoch der Tatsache gewahr, dass die Katze die ganze Nacht um diese Packung Frischkäse herum schlawenzeln, sie hin und herschieben, vom Tisch werfen und daran herumkratzen würde. Kurz, ich würde kein Auge zu tun oder acht Mal geweckt werden.

Notgedrungen stand ich also auf und wollte den Frischkäse zurück in den Kühlschrank bringen. Das Licht hatte ich schon gelöscht. Ich habe da so ein kleines Kriegstrauma und dunkel frühzeitig alles ab.
Hausschuhe sind nur etwas für Tunten, Frauen und Senioren, weshalb ich auf Socken durch die Wohnung laufe.
Dummerweise hatte ich im Flur den Staubsauger nach seinem letzten Einsatz liegen lassen und irgendwie trat ich im Dunkeln mit meinen Socken auf die glatte Oberfläche des, ich weiß gar nicht wie man das Teil nennt, den Saugkopf(?) und rutschte samt Frischkäse weg.

Der darauf folgende Sturz verlief in drei Phasen, wenn ich mich recht erinnere. Die erste Phase verlief in Sekundenbruchteilen. Die zweite Phase, in der ich horizontal in der Luft lag, verlief ganz langsam und ich blickte dem Frischkäse auf seiner Flugbahn hinterher. So Matrix-mäßig. Die dritte Phase verlief wieder in Sekundenbruchteilen und endete mit einem unglaubliche heftigen Aufprall meines linken Knies auf dem Laminat im Flur. Das Knie also gleichsam voran. Weitere Körperteile folgten.

Wie immer in solchen Situationen nehme ich eine kurze, vorläufige, oberflächliche und summarische Prüfung vor, ob ich noch am Leben bin. Die Tatsache, dass ich einen unglaublichen Schmerz verspürte, sprach dafür.
Die meisten Menschen mögen keine Schmerzen, ich natürlich auch nicht, aber das Positive am Schmerz ist, dass man weiß, dass man noch am Leben ist. Das ist eine Erkenntnis und Weisheit, die sich auf die verschiedensten Situationen im Leben anwenden lässt.

Ich war schon wieder halb dabei mich irgendwo hochzuziehen aber dann dachte ich bei mir, soweit die unglaublichen Schmerzen das Denken überhaupt zuließen:

Nö, du bleibst jetzt liegen. Das ist dir alles zu blöd und verarschen lässt du dich schon gar nicht. Ab jetzt klinkst du dich aus. Sollen die ihren Scheiß doch alleine machen.

Wegen des Frischkäses auf dem Weg zur Küche auf dem eigenen Staubsauger in der eigenen Wohnung ausgerutscht und wie ein alter Tattagreis auf die Fresse gefallen oder besser aufs Knie und hilflos daliegend wie ein dicker Maikäfer auf dem Rücken. “Nö, also nicht mit mir, das können die mit anderen machen.”

Also einmal ehrlich. Irgendwann kommt auch einmal der Punkt, an dem es nicht mehr witzig ist und an dem es reicht und das Maß voll ist.

Ich ließ mich also wieder zurück rollen und da lag ich dann. In der Dunkelheit, vor Schmerzen stöhnend, knurrend und wimmernd und gab mich dieser kleinen Sinnkrise hin. Die Nachbarn dachten bei dem ganzen Gestöhne wahrscheinlich, dass bei mir die Post abgeht und ich irgendwelche Orgien oder lukullische Feste feiere. Dem war aber nicht so.

Als ich so eine Weile an die Decke starrte, weil ich ja wegen des Frischkäses auf dem Staubsauger ausrutschte und episch auf die Fresse, bzw. aufs Knie, geflogen war und nun auf dem Laminat im Flur auf dem Rücken lag, spürte ich, dass der Boden doch recht kalt war. Hinzu kam, dass ich so langsam in der Lage war diese dumpfe, alles umgebende, Schmerzwolke ein bisschen auseinander zu differenzieren, und mir auffiel, dass mir auch der Rücken und das Becken weh taten. Erstens weil sie beim Sturz wohl auch etwas abbekamen und zweitens, weil ich auf dem harten Laminat lag, und das inzwischen doch schon einige Zeit.

Außerdem lag der Frischkäse noch neben mir höhnisch auf der Erde und hatte seinen Weg immer noch nicht in den Kühlschrank gefunden, was ja ursprünglich die Ursache dieses ganzen Ungemachs war.
Das machte mich auf einmal derart wütend, dass mich das aus meiner schmerzverzerrten Depression und Lethargie heraus riss. Das konnte ich so nicht auf mir sitzen lassen. Ich lasse mich doch von so einer Packung Frischkäse nicht verarschen und lächerlich machen.

Deshalb entschloss ich mich dann doch entgegen meiner vormals gefassten Überzeugung nur so aus Trotz einfach für immer liegen zu bleiben und mich schlussendlich von der Katze fressen zu lassen, nachdem sie mit dem Frischkäse fertig wäre, mich irgendwie wieder hochzurappeln und diesen scheiß Frischkäse unter Geschimpfe und Gepöbel in den Kühlschrank zu befördern. Außerdem dachte ich, dass das doch recht erklärungsbedürftig ist, wenn mich jemand in diesem Zustand so auffinden würde.

Und die Geschichte, dass ich wegen des Frischkäses, im Dunkeln und strumpfsock auf dem Staubsauger ausrutschte und gehörig auf die Fresse, bzw. aufs Knie, flog und hilflos herumlag fand ich dann doch nicht so sexy. „Hilflose Person aufgefunden!“, das muss dann doch nicht sein.

Das ganze dauerte bestimmt so ein paar Minuten, begleitet von dem üblichen Stöhnen, Knurren, Wimmern und Fluchen, dass ich aber schon gar nicht mehr wirklich aktiv, sondern mehr so als Hintergrundgeräusch wahr nahm. Man gewöhnt sich eben schnell an neue Situationen. Nachdem ich also endlich meine Aufgabe am Kühlschrank verrichtet hatte, humpelte und schleppte ich mich in Richtung Couch, auf die ich mich letztendlich retten konnte.

Ich dachte mir dann, was ich mir immer in solchen Situationen denke:

Gehste erstmal schlafen. Morgen sieht die Welt wieder anders aus.

Aber Pustekuchen: vor lauter Schmerzen war es mir nicht möglich einzuschlafen.

Das waren aber auch Schmerzen. Mein lieber Herr Gesangsverein. Es ist ja nicht so, als ob ich in meinem Leben noch nie aufs Knie gefallen bin, aber das hat wirklich alles bisher da gewesene in den Schatten gestellt. Das ist wohl das berühmte Älter werden, von dem andauernd gesprochen wird.

Das kann man sich so vorstellen, als ob man sich irgendwo gehörig einen Zeh anhaut. Nur dass die Schmerzen nicht wie bei einem Zeh nach einer Minute Hüpfen und Fluchen weggingen.
Ich habe mir einmal den kleinen Zeh gebrochen. Das war gar nichts dagegen. Sah zwar schlimm aus, weil der sich damals blau und schwarz verfärbte aber in dem Moment hätte ich gerne getauscht.

In der selben Liga spielt ungefähr eine Mittelohrentzündung. Nur bei der Mittelohrentzündung reißt nach ein paar Stunden, in denen man sich in Schmerzen windet und krümmt, das Trommelfell, die Suppe läuft raus und man hat das Gröbste hinter sich.

Ich habe mir dann die Zeit vertrieben, indem ich mir ein paar Staffeln einer meiner Lieblingsserien reinzog. Ich schaute mir die Serie auf Englisch an, erstens weil ich das immer tue und zweitens musste ich mich so stärker konzentrieren, was den Schmerz ein bisschen in den Hintergrund treten ließ. Alle paar Minuten, wurde das Geräusch der Serie durch mein Gestöhne und Gewimmer übertönt, aber man konnte sich halbwegs einrichten.

Dumm war es, wenn ich aufstehen musste, um etwa auf Toilette zu gehen. Gehen ist in diesem Zusammenhang sowieso stark übertrieben. Das war nicht wirklich vergügungssteuerpflichtig.

Zwischendrin fragte ich mich immer wieder, wie es denn nun mit mir weitergehen werde.

Muss ich zum Arzt, und wenn ja, wie kommste dort hin. Du kommst ja kaum ins Badezimmer. Zur Bank und einkaufen musste auch noch. Aber daran war in dieser Phase meines Martyriums nicht zu denken.
Musste jemanden anrufen, damit er dich zur Bank fährt? Aber dann musste das ja erklären und landest wieder beim leidigen Frischkäse und dem Staubsauger. Ein bisschen was weg arbeiten musste auch noch.

Fragen über Fragen.

Was den Arzt betraf, entschied ich mich, meiner alt bewährten Drei-Tages-Regel zu folgen: Wenn es innerhalb von drei Tagen von alleine weggeht, dann war es nicht so schlimm und du musst nicht zum Arzt bzw. hast nicht gemusst.

Ich mag Ärzte nicht, und das aus verschiedenen Gründen. Der Hauptgrund ist der selbe, warum ich auch Mechaniker nicht mag:

Man will eigentlich nur neue Bremsbeläge oder die Reifen wechseln und der Mechaniker erklärt einem im Brustton der Überzeugung, dass das Auto ein kompletter Schrotthaufen sei, mit dem er einen guten Gewissens nicht mehr auf die Straße lassen könne. Erst dann wieder, sobald er einem das halbe Auto in Form von Reparaturen und Ersatzteilen noch einmal verkauft hat.

Bei Ärzten ist es genauso. Man geht mit einem Zipperlein hin und der Arzt erklärt einem erst einmal im Brustton der Überzeugung, dass man ein kompletter Schrotthaufen sei, den er guten Gewissens nicht mehr auf die Straße lassen könne, zumindest nicht bevor er einem für 300 Euro Medikamente verschrieben und einen an mindestens drei Fachärzte überwiesen hat.

Also kurz gesagt: Man geht halbwegs gesund in die Praxis und kommt todkrank wieder heraus.

Das sind so Dinge, die ich nicht haben muss.

Nach dreizehn Stunden ließ der autonome, komisch pulsierende und heftige, Schmerz so langsam nach und beschränkte sich nur noch auf Bewegungen, sodass ich dann auch noch so zwei Stunden schlafen konnte. Da war es dann zwar schon früher Nachmittag, aber das war mir dann auch egal.

Nach dem Aufwachen beschloss ich dann, mich an meine Erledigungen zu machen. Die Schmerzen hatten ja ein wenig nachgelassen und am morgigen Sonntag hätte ich es nicht mehr gekonnt. Gut, gehen war immer noch nicht so prickelnd, aber was muss das muss. Und immerhin hat mein Knie mir zu gehorchen und zu dienen und nicht umgekehrt.

Ich wohne hier recht zentral und habe eigentlich alles Notwendige innerhalb eines maximal 15 minütigen Fußmarsches um mich herum.
Joa, was soll ich sagen, ab da jagte dann ein Erfolgserlebnis das nächste. Ich konnte mir meine Hose anziehen, ohne dabei umzukippen und bin doch erstaunlich zügig aus dem dritten Stock die Treppen herunter gehumpelt. Als ich unten war, fiel mir ein – wie sollte es in so einer Situation auch anders sein – dass ich etwas oben vergessen hatte. Das war dann wiederum Scheiße. Ich entschloss mich aber, die Treppen nicht wieder mühsam herauf zu humpeln und machte mich auf die Socken.

Die Wege dauerten zwar doppelt so lange und jeder Schritt war schmerzhaft, aber es klappte doch recht gut.
Joa, was soll ich sagen? Jetzt wo ich hier so sitze, ich kann dankenswerter Weise wieder sitzen, was ich ab heute nicht mehr als Selbstverständlichkeit betrachten werde, und schreibe: Beim Aufstehen muss ich noch etwas aufpassen und beim Gehen habe ich hin und wieder noch so ein leichtes Zwacken im Knie, aber ich fühle mich doch wieder ganz gut wiederhergestellt.

Auf dem Rückweg vom Einkaufen fischte ich noch dumme Gerichtspost aus dem Briefkasten und ich dachte mir, “euch Bastarden werde ich es zeigen”. Na also, schon fast wieder der Alte.

Sehr lehrreich diese Erfahrung, alles in allem genommen. Auch wenn ein Löwe humpelt und angeschlagen ist, ist er trotzdem und immer noch ein Löwe. Viel schmerzhafter wäre die Erkenntnis nie ein Löwe gewesen zu sein.

P.S.:

Ich habe mich früher immer über diese Memmen und Tunten von Fußballprofis lustig gemacht, wenn sie Knieaua hatten und sich theatralisch, vor Schmerzen krümmend und mit Tränen in den Augen, vom Platz haben tragen lassen. Das werde ich ab heute wohl nicht mehr tun.

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2 Kommentare

  1. MokkaSinn

    Ganz ehrlich:
    ich habe Schritt für Schritt, Flug für Flug mitgelitten.

    Memo:
    Kein Frischkäse am Abend!
    :-)

    PS: es gibt Menschen, die rutschen mit nackten Füßen auf Katzenkotze aus. Also immer Licht anmachen…..

  2. cassandra2010

    Ha, da lob ich mir doch meinen Caniden! Der mag keinen Frischkäse und ansonsten tut der alles für mich… der gibt mir sogar den Weg frei.

    Aber gegen deine Verdunkelungsmanie musste wat unternehmen, sonst merkste ja irjenswann gar nicht, wenn de doot bist.

    Salut
    c

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