Faschingsdienstag

„Pack‘ die Saatire endlich ussem Sack unn knall‘ se ungescheent uff de Narretisch!“ Noch so ein Spruch, Bemerkung in Mundart und ich kann mich nicht beherrschen. „Mach‘ was! Werd aktiv! Noch kannschte was schrweiwe, sahn, tun, halt mache. Morje isses doodefier se spät…“,

säuselte mir eine liebreizende Männerstimme mit saarländischem Akzent ins fasenachtsmusikgeschädigte Öhrchen, als ich vorhin im Supermarkt unterwegs war. Ich drehte mich entsetzt um, sah keinen Menschen in meiner unmittelbaren Nähe. „Jesses! Aweil…(Atempause) Jetzt höre ich sogar schon Stimmen!“, nuschelte ich vor lauter Schreck in absolut minimalistischer Lautstärke. Ehrlich. Ich stand ganz alleine dort. Links von mir Toilettenreiniger in allen Variationen, um braune Flecken zu entfernen – rechts von mir eine riesige Auswahl an Scheuer-und Waschmitteln, um alles reinzuwaschen. Der Supermarkt sieht in jenem Moment wie ausgestorben aus. Alle scheinen noch vom Rosenmontag geschädigt und sind malad. Einige liegen noch in dem ein oder anderem ausländerfeindlichen Bett, denke ich spontan. „Wie kann man denn in einem ausländerfeindlichen Bett liegen?“, schießt es mir durch den Kopf, schüttele ihn und denke zeitgleich an den „Mini-Goebbels“, den ich neulich mit Deutschlandfahne sah. Widerlich. Noch immer wird mir speiübel, wenn ich an seine Wortwahl denke und der Fischsemmel von gestern Abend spricht plötzlich mit mir. Ein Fischsemmel mit Migrationshintergrund! Irre. Ich stoße dezent leise auf, ging nicht anders, war vielleicht nicht damenhaft und verdränge den Gedanken daran, was der Fischsemmel aus meinem tiefsten Inneren meinte, aber nicht aussprach: „Es stinkt zum Himmel.“ Wow.  Ich sehe mich um, hat mich jemand dabei beobachtet? Nein. Dabei überlege ich, ob das Normal ist, wenn sich plötzlich ein gegessenes Lebensmittel zu Wort meldet. In diesen Zeiten anscheinend schon.

Keiner außer mir (ich bin weiblich, 1, 65 Meter groß,  Kleidergrüße 44, Mitte Vierzig, blond, intelligent, glücklich leiert, in besten Verhältnissen lebend und kein bisschen spießig), ja wirklich,

keiner außer mir kann meine eigenen Gedanken, aber auch die des Fischbrötchens lesen. Ich stehe immer noch ganz alleine in dem unendlich lang wirkenden Gang, zwischen all‘ den Reinigungsmitteln. Ich bin beinahe für einen großen ausgiebigen Frühlingsputz bereit, würde anderen sogar dabei helfen, wenn sie alleine nicht zurechtkommen. Mein Helfersyndrom hat schon vielen Menschen geholfen, die zunächst in schwierigen Situationen ausharrten. Bis zum 13. März muss in einigen Häusern wie doof geschrubbt werden. Hartnäckiger brauner Dreck muss dringend entfernt werden. Ätzend, dass es zurzeit etliche Leute gibt, die den Dreck absichtlich streuen, um sich als Dreckschleuder zu profilieren. Ich schweife gedanklich ab, bemerke es selbst und drehe mich um, damit ich in die andere Richtung laufen kann, um nach Mülltüten zu suchen, also in diesem Supermarkt, um Missverständnisse zu vermeiden. In jenem Moment wird mir schwindelig. Ich sehe am Ende des Gangs eine Erscheinung, die meinen Kreislauf durcheinanderwirbelt. Oder ist es noch der Restalkohol vom Rosenmontag? Nein! Ich trank nur ein kleines Bier.  Ich betrachte die Situation ganz nüchtern. Ganz vorne rechts sehe ich Pinocchio-Frauke vorbeihuschen. Ich reibe meine übermüdeten Augen. Sie muss es sein.  Jetzt wäre die beste Gelegenheit ihr mal einen Vortrag über braunen Dreck zu halten.  Blitzschnell gehe ich aber in Deckung. Um Gotteswillen, was macht jene Alternative für Doofe hier in der Gegend? Sie schreckt vor nichts zurück. Ich auch nicht und verstecke mich nur wenige Sekunden instinktiv hinter meinem Einkaufswagen. Sie würde nie auf mich schießen, vermute ich, bin sowas von blond. Das Ganze ist binnen dieser wenigen Sekunden eine ziemlich ungelenke Angelegenheit und gehe dann doch lieber in die Offensive. Ich verfolge sie bis zur Kasse, möchte sie am liebsten hemmungslos mit dem Einkaufswagen rammen und sie dann fragen, warum ihre Nase so wächst. Ich tue es doch nicht. Ein menschliches Abziehbild steht vor mir. Die Frau ist eigentlich ein Mann und wahrlich nicht im falschen Körper geboren. „Helau, Allaf und Alleh hopp!“, kommt es ganz leise über meine Lippen und mein Fischbrötchen denkt: „Scheiße!“…

Der Mann grinst mich freudestrahlend an und ich erkenne dabei ganz deutlich den Schalk in seinen Augen.

© Corina Wagner, Faschingsdienstag 2016


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3 Kommentare

  1. Miou’s avatar

    Die Jecken können einen ganz schön auf den Arm nehmen ;-)

    Viele Grüße!

  2. Corina Wagner

    Stimmt. Mancher Jeck wird heute am Aschmittwoch, den/die ein/e oder anderen zwar nicht auf den Arm nehmen, aber dafür “Derblecken”. :-)

    Liebe Grüße
    Corina

  3. Miou’s avatar

    “Es hätt noch immer jot jejange”, sagt der Rheinländer (ich habe den Spruch ja schön öfter von meinen Eltern zuhören bekommen :-) Aber was bedeutet denn “Derblecken”?

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