Karl R. ist tot. Nachruf

Dieser Entwurf des Nachrufes zum Tod von Karl R. ist nie in Druck gegangen. Er wurde verfasst von Heinz-Peter Ü., der das Schriftstück dem Chefredakteur vorlegte, um ihm durch die vermeintlich hohe Qualität seiner enormen Recherchearbeiten die Einstellung als Lokalredakteur nahe zu legen, was letztendlich nicht zum Erfolg führte. Heinz-Peter Ü. zerknüllte in einem völlig unkontrollierten Wutanfall seinen Entwurf, warf ihn dem Chefredakteur an den Kopf und ging, pausenlos fluchend und schimpfend,  zurück in seinen alten Beruf als Ableser von Wasseruhren beim lokalen Wasserwerk.

Anmerkung des Autors

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Karl R., ein sowohl tragischer wie unbekannter und völlig erfolgloser Möchtegern-Frauenheld , ist tot. Nachbarn, die ihm täglich die besseren Reste ihrer Mittagsmalzeit brachten, bevor sie die weiteren Abfälle ihrem Schwein zukommen ließen, fanden ihn heute Morgen tot inmitten von tausenden von Liebesbriefen, die nie abgeschickt worden waren.
Seine durch Gicht bereits grottenhässlich verkrüppelten Finger umklammerten noch im Tode einen billigen Kugelschreiber, den er irgendwo wohl mal hatte mitgehen lassen.

Karl R. starb nach nicht offizieller Untersuchung durch einen örtlichen Hobby-Veterinär eines natürlichen Todes, wurde erstaunliche 89 Jahre alt und roch bereits sehr streng, als er gefunden wurde.

Karl R. war der sechste Sohn eines Dorfbriefträgers mit beträchtlichem Vorbiss und dessen untersetzter Frau, die ihrerseits wieder die sechste Tochter eines tumben, aber angeblich sehr trinkfesten Bäckers war. Fünf ihrer gemeinsamen Söhne gelang spät, aber immerhin der Sprung in einigermaßen angesehene Handwerksberufe, während Karl seit frühester Jugend von der Idee besessen war, Frauen wie in einem Harem um sich zu scharen. Dadurch kam es nie dazu, dass er eine Lehre antrat, was seine Eltern wiederum sehr befremdete. Da sie aber der sicheren Meinung waren, ihr Nachkomme sei ein außergewöhnlicher Junge mit großen Talenten, ließen sie ihn gewähren. Verschiedene Leute allerdings munkelten, dass er mit diesen merkwürdigen Verwachsungen, die es ihm nicht gestatteten, normale Kleidung von der Stange zu tragen, wohl kaum einen normalen Beruf hätte ausüben können. In manchen Kreisen war gar von Inzucht die Rede. Aber wie so häufig bei derartig hartnäckigen Gerüchten konnten Nachweise dafür nicht erbracht werden.

Nach dem späteren, fast zeitgleichen Ableben seiner Eltern bis zu seinem eigenen Tod lebte Karl R. sehr zurückgezogen in seinem ehemaligen Kinderzimmer im Elternhaus und beschäftigte sich mit dem Schreiben von Liebesbriefen.

Obgleich er aufgrund ständiger, allerdings gleichermaßen gemäßigter Vorhaltungen seiner hochreligiösen Eltern, die keine Sonntagsmesse in der Kirche des Nachbarortes versäumten, immer wieder auf den Umstand hingewiesen wurde, dass sein unstatthaftes Vorhaben in dieser Region der Welt auf ziemlichen Ärger und Unverständnis stoßen würde, wollte und konnte Karl sich nicht von seiner Manie lösen. Immer tiefer verrannte er sich in die Vorstellung, irgendwann in seinem späteren Leben einmal mehrere Frauen sein eigen nennen zu wollen. In seinem Wahn orientierte er sich an seiner Lieblingszahl 7, was in seiner Fantasie wohl bedeutete, sich in jeder Nacht der Woche mit einer anderen seiner Frauen vergnügen zu wollen.

So fing Karl R. schon sehr früh damit an, Liebesbriefe zu schreiben. Die ersten wenigen hatten derart knappen Inhalt, dass er sie in einer abgeschiedenen Ecke der Dorfkneipe heimlich auf Bierdeckeln notieren konnte. Erst im Laufe der letzten Jahre perfektionierte er jedoch seinen Schreibstil und war schlussendlich davon überzeugt, nun der Vollendung dieser seiner wichtigsten Lernphase sehr nahe zu sein. Seine eigenen Vergleiche mit literarischen Beispielen, von denen er zahllose Gedichte, Verse und Poeme auswendig kannte, überzeugten ihn schließlich restlos von seinen Fähigkeiten.

Karl R. wurde lebend zuletzt in der kleinen Postabteilung, die sich zwischen Wursttheke und Brotstand des Lebensmittelladens von Frau Kalkowski befindet, gesehen, wo er bei ihr persönlich die Preise von Briefmarken erfragte. Nach Aussagen von Frau Kalkowski, die aufgrund ihrer enormen Hasenscharte in Kombination mit einem sehr mangelhaft sitzenden Gebiss allerdings nur äußerst undeutlich zu verstehen war, hatte sich Karl R. angeblich nach Bekanntgabe der Briefmarkenpreise außerordentlich über deren unverschämte Höhe ereifert und verließ das Geschäft sehr übellaunig schimpfend mit nur 7 Briefmarken. Die allerdings ließ er nicht anschreiben, sondern er bezahlte in bar und bestand auf Herausgabe des Kassenbons.

Karl R. wird am kommenden Freitag im Beisein des uralten und fast tauben Pfarrers aus der Nachbargemeinde sowie eines unfreiwilligen Messdieners, der, schließlich durch fortwährendes Pochen der harten Pastorsfinger gegen seinen Schläfenknochen wider seinen Willen zermürbt und seiner wahrscheinlich unverdienten Mittagspause nun beraubt, beerdigt. Ein bei sonstigen Beerdigungen durchaus üblicher und auch gern in Anspruch genommener Umtrunk wird mangels Trauernden diesmal nicht stattfinden. Vermutlich wäre ohnehin niemand bereit gewesen, für diesen Anlass die Spendierhosen anzuziehen.

Angeblich gewissermaßen als Ausgleich soll sich der örtliche Taubenzüchterverein in stiller Absprache flugs entschlossen haben, an diesem Abend gehörig auf die Pauke zu hauen und einen außerterminlichen Saufabend ohne die Ehefrauen stattfinden zu lassen.
Es sei eine zwar nicht ursprünglich geplante, aber durchaus Sinn machende Veranstaltung in Hinblick auf den zu erwartenden positiven Zuchterfolg in diesem Jahr und habe, so der Vorsitzende des Taubenzüchtervereins auf Nachfrage, wirklich überhaupt nichts mit dem plötzlichen Ableben von Karl R., der ihm und seinen Vereinskollegen im Übrigen persönlich völlig unbekannt sei, zu tun.

Die persönliche Hinterlassenschaft von Karl R. passte in einen Umzugskarton und wird mangels Interesse von Familienangehörigen, die letztendlich nur noch aus zwei mittlerweile kreuzdebilen Brüdern besteht, zusammen mit vier weiteren Kartons, die – notwendig für die Berge von nicht abgeschickten Liebesbriefen Karl R.´s – in der Nachbarschaft erbettelt wurden, der wöchentlichen Müllentsorgung am kommenden Mittwoch überantwortet werden. Die 7 Briefmarken allerdings, für die sich Frau Kalkowski während ihrer unerwartet freiwilligen Hilfeleistung beim Aufräumen betont auffällig interessierte und durch ihr echauffiertes Verhalten dabei fast den Verlust ihres Gebisses hinnehmen musste, waren nicht mehr auffindbar.

Wie bei späteren, jedoch bislang unbestätigten Recherchen bekannt wurde, trafen sich die Frauen der Männer vom Taubenzüchterverein noch am selben Abend spontan mit dem männlichen Kegelverein aus einem weiteren Nachbarort in einer wiederum anderen Kneipe. Der sowohl unerwartete als auch weitestgehend unbekannt gebliebene Tod von Karl R. soll bei dieser Zusammenkunft allerdings nicht thematisiert worden sein. Demgegenüber hält sich ein Gerücht, demzufolge sich die sexuellen Übergriffe weit oberhalb des bei derartigen Verabredungen gewohnten Ausmaßes befunden hätten.

Die Beerdigung ist angesetzt für 11:oo Uhr; gleich im Anschluss daran bittet Ferdi Rüther, Inhaber der örtlichen Schreinerei, am Ausgang des Friedhofs um angemessene Spenden für die Sargbereitstellung. Frau Käthe Witthuhn ihrerseits als Verantwortliche des Blumengeschäftes an der Hauptstraße legt Wert auf die Feststellung, dass der Kranz als Grabbeilage eine Schenkung im Sinne der christlichen Nächstenliebe sei.

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4 Kommentare

  1. S. Steinebach’s avatar

    Immer wieder überraschend, Deine Geschichten! Chapeau!

    1. ChromiD verst. 6.2.2011

      man glaubt es nicht, aber es ist ungleich schwieriger, “lustig” zu schreiben als ernst. zumindest ist das mein persönlicher eindruck.
      danke umso mehr! :-)

  2. cassandra2010

    Eine stinkende Nieswurz auf Karl R.s Grab und ***** für den Nach-Rufenden!
    Ein köstliches und originelles Lesevergnügen.

    1. ChromiD verst. 6.2.2011

      eine gute idee! unsere nasen wirds nicht tangieren. :-)
      danke sehr!

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