Die Polizei Essen berichtete vor einigen Wochen von einem erschütternden Todesfall mitten in Borbeck: Dort ignorierten vier Bankkunden nacheinander einen am Boden liegenden Mann im Vorraum einer “Deutsche Bank”-Filiale – einige stiegen über den 82-Jährigen sogar noch hinweg. Dem Rentner wurde so erst nach mehr als 20 Minuten geholfen. Wenige Tage später verstarb der Essener.

Am Nachmittag eines Feiertages Anfang Oktober wollte der 82-Jährige im Vorraum der Deutschen Bank an der Marktstraße 37 am Kundenterminal Geld überweisen. Dabei geriet er in eine medizinische Notfallsituation, die später zu seinem Tod führte. Der Mann fiel zu Boden und blieb mitten im Vorraum liegen.
Vier weitere Kunden der Bank halfen dem am Boden liegenden Mann nicht, obwohl er offensichtlich in einer ernsten Notlage war. Keiner weiß, welchen Eindruck diese vier Zeugen hatten, aber der Mann hat sich noch bewegt.
Das ist auf den Videoaufnahmen der Bank zu sehen, die den Ermittlern vorliegen. Vier Personen – darunter Männer und Frauen unterschiedlichen Alters – ignorierten den hilflosen Mann neben sich, erledigten stattdessen sogar noch ihre Geldgeschäfte.


Ihr alle habt vermutlich von dieser unerhörten Begebenheit gelesen. Und die hat mich auf einen Gedanken gebracht. Stellen wir uns nun vor, in eben diesem oder einem anderen Vorraum einer Bank läge wieder eine hilflose Person. Ein kräftiger Mann, um die 30 Jahre alt. Sein äußeres Erscheinungsbild wenig einladend: kahl rasierter Schädel, Hakenkreuz-Tattoo auf dem rechten Unterarm, auf den Fingerknöcheln beider Hände die Wörter HATE und RAPE, Springerstiefel und weitere Embleme einer uns bekannten Szene. Der Typ scheint ohne Besinnung zu sein – im eigentlichen, will sagen physischen Sinne. Welche Bilder entstehen in unseren Köpfen? Was bestimmt unsere Reaktion?


4 Kommentare

  1. MokkaSinn

    Dieser Vorfall fand ganz in meiner Nähe statt und macht rat-hilflos und traurig.

    Das äußere Erscheinungsbild bestimmt sicherlich mein Verhalten.
    Davon spreche ich mich nicht frei.

    Wenn ich bei dem alten Mann in die Hocke gegangen wäre und nach ihm geschaut hätte, würde ich bei deinem Beispiel mit dem Handy den Notruf wählen.
    Nicht, weil er HATE tätowiert ist, sondern ich bei ihm eher an Alkohol/Drogen denke und ich in dem Fall Körperkontakt vermeiden möchte.

    Das ist das erste Bild und mein erster Gedanke dazu.

  2. cassandra2010

    Hm, seh ich grundsätzlich genauso, aber meine Bereitschaft zu helfen wäre im ersten Falle unmittelbar und ohne Zeitverlust, im Falle eines vermutlich rechtsextremen Skins müsste ich mich ganz schön überwinden…

  3. Ostello Jaeger

    weiss nicht, wie ich reagieren würde, ich hoffe, dass ich in beiden fällen geholfen hätte. es käme auf meine gefühlslage an. die bereitschaft dem alten mann zu helfen wäre wahrscheinlich stärker ausgeprägt.
    wegschauen…ist vielleicht eine abwehrreaktion, aus angst vor unannehmlichkeiten? ein verhaltensmuster, egoistisch vielleicht. helfen setzt mitgefühl voraus. viele verdrängen ihr mitgefühl. warum? interessante frage…
    lg

  4. Corina Wagner

    Vermutlich hätte ich beiden geholfen. Ich gucke nicht weg und helfe, denn ich könnte auch mal in eine medizinische Notlage geraten, da zählt jede Sekunde.
    Bei einem Herzstillstand sterben viele durchs Wegsehen, Nichtbeachten oder behalten Hirnschäden, wenn nicht schnell genug gehandelt wird. Bei der Mund-zu-Mund-Beatmung hätte ich wahrlich meine Schwierigkeiten und ich weiß nicht, ob ich mich tatsächlich bei dem jüngeren Mann überwunden hätte. Eine Herzmassage hätte ich gemacht, habe gelesen, das ruhig auch mal dabei eine Rippe brechen darf, aber dadurch steigt die Überlebungschance, bis der Notarzt eintrifft. Bislang musste ich noch keine Herzmassage machen. Ich habe mal bei einer älteren Nachbarin als Laie sofort eine Thrombose diagnostiziert und mir das Ganze nicht von ihr schön reden lassen. Es war ein Samstag. Sie wollte bis montags warten und dann zum Arzt. Sie dachte, dass die Schwellung, die Rötung, die Schmerzen und die Hitze im Bein nachlassen. Ich hab’ sie dann gefragt, wo sie ihr Versichertenkärtchen aufbewahrt und wo ihre Handtasche ist. Ich habe da nicht lange abgewartet und sie ins Krankenhaus gefahren. Später hat sie sich bei mir bedankt, dass ich mich in dieser Situation durchgesetzt habe. Sie wurde damals stationär im Krankenhaus aufgenommen und meine Diagnose war richtig. ;-)
    Schönes Wochenende!
    HG
    Corina

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