Ein Blutbild in Worten

Ich hätte nicht in seiner Haut stecken wollen, als ich ihm eben diese teilweise abzog. Manchmal genügt ein Extrakt aus zerstampften Schlaftabletten und Schnaps, um einen erwachsenen Menschen temporär ins Jenseits zu befördern. Ich benutze gerne ein Teppichmesser für den kleinen Mord zwischendurch.

Das Morden zu einem simplen Vorgang zu machen, ist mir immer schon ein wichtiges Anliegen gewesen. Hat nicht der Nationalsozialismus das Töten perfektioniert? Ich meine mich an Todesfabriken erinnern zu können … Auschwitz, oder wie das hieß. Das Herz der Finsternis, Bilder in Köpfen, wenn des Nachts die Toten rufen. Wenn du alleine in Block 10 stehst und anklagende Blicke deine Seele durchbohren. Unendliche Reihen von Fotografien an den Wänden: Die Opfer starren dich an, egal aus welchem Winkel du sie in deiner Scham und deinem Entsetzen beobachtest. Ich bin der Überzeugung, das die Perfektion des Tötens auch bei Einzeltätern möglich ist. Immer diese hingepfuschten Taten. Absolut Lächerlich. Wenn ein Schriftsteller unliebsame Konkurrenten oder dämliche Verleger ins Jenseits befördert, dann muss es auf effektive Weise geschehen. Ein Keller, ein Giftcocktail und ein Messer. Dazu die passende Propaganda, um das alles zu rechtfertigen.

Meine Bücher: Schriften zum Fürchten, Sätze zum Denken, Worte des Unheils! Selbstverständlich haben die anderen Autoren den Tod verdient. Den Mainstream-Vampirroman-Verkäufern in den Buchläden der gedruckten Dummheit, muss man ebenfalls den Garaus machen. Und so lade ich sie zu mir ein. Sie hören zu und sterben in den Tiefen des literarischen Untergrunds. Die “Methode Gestapo” nenne ich es. Ich lese ihnen was vor, betäube sie mit groteskem Humor, Melancholie und Gift, schneide ihnen die Tätowierungen vom Körper und lasse sie nach einem Schnitt in die Halsschlagadern wie Schweine ausbluten. Das mit den Tätowierungen habe ich mir aus so einem Film abgeschaut: Nach der Trocknung verarbeite ich diese ekelhaften Relikte zu Lampenschirmen aus menschlicher Haut. Man mag gar nicht glauben, wie schön das Licht dadurch wirkt, welches in meinem Kopf immer heller wird.

Ich bin scheinbar wach. Ein sanfter Augenblick lässt mich tief in dich und diesen Tag hineingleiten. Du ruhst neben mir. Für immer. Ich schlafe jeden Morgen mit dir. Um mich von den unerträglichen Alpträumen zu befreien, die des Nachts über mich kommen. Seit 3 Jahren liegst du tot in meinem Bett. Du hast zu Lebzeiten schlechte Liebesromane verfasst. Ich hätte kotzen können, so mies war deine Art zu schreiben! Aber dein Körper erschien mir unbeschreiblich schön und so beschloß ich damals, dich nicht zu entsorgen. Ich habe dir die Kehle durchgeschnitten und dich neben mich gelegt. Sicherlich ist der Geruch hier in meiner Dachwohnung gewöhnungsbedürftig, diese Mischung aus altem Sperma und Verwesung, aber es hat auch etwas von Romantik.

Hättest du mich nicht gefragt, ob ich Mitglied in deinem Literaturclub werden wolle … dann hätte ich dich vielleicht sogar am Leben gelassen.

Dies ist ein Gastbeitrag von Marc Domin. Vielen Dank!


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6 Kommentare

  1. MokkaSinn

    Irre gut.
    Gut irre.
    Ein wenig Roald Dahl dazwischen.

    Sehr gern gelesen und das mache ich sicherlich noch mal.

  2. Corina Wagner

    O wie schön fies. Herrlich böse. Klasse! Danke! ;-)

    1. Corina Wagner

      Nachtrag
      Ich freue mich auf einen weiteren Gastbeitrag von Marc Domain!
      Beste Grüße

  3. S. Steinebach

    Dem mag ich mich gerne anschließen :-)

  4. Ostello Jaeger

    wenn ich mich drauf einlass, auf die sperrigkeit, kann ich diesem elaborat ne menge abgewinnen. ich muss es gleich nochmal lesen.
    hg

  5. cassandra2010

    Ehmals hatte man Einen Geschmack. Nun gibt es Geschmäcke,

    Aber sagt mir wo sitzt dieser Geschmäcke Geschmack?

    Xenien. JW Goethe & F. Schiller

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