Artikel von Frau Donnerstagine Weib-Lich, Redakteurin der Fachzeitschrift Carne vale

Alaaf, Helau und Alleh hopp!

Ursprünglich wollte ich heute ruckizuckifaktisch „uff die Gass, die Strooß unn ä bissje, ein bisschen Remmindemmie machen“. Aus persönlichen Gründen ist dies nun nicht möglich. Ich sitze seit Stunden völlig isoliert in den Redaktionsräumen mit roter Pappnase und Hirschgeweih aus eingefärbten Altpapierkügelchen auf dem Kopf. Seit 11.11 Uhr höre ich beklemmenden Straßenlärm, der durch die Dachgeschossfenster dringt und trinke deshalb ein Piccolöchen nach dem anderen. Die Flaschen waren ursprünglich für Rosenmontag bestimmt. Alle anderen Redaktionsmitglieder sind bereits seit heute früh 9 Uhr undercover unterwegs und drehen mit versteckter Kamera bis in die Nacht hinein, um dann einen tollen Bericht zu präsentieren. Einer von denen hat mich heute früh weggesperrt. Wenn ich nur wüsste, welche Gurke es war? Die laufen alle wieder als Salatgurke herum, um schlanker auszusehen. Es war eine Internetbestellung bei einem umweltfreundlichen Karnevalskostüm-Hersteller. Ich war die einzige, der das Gurkenkostüm nicht passte, weil ich ein Vollweib bin. Damit ich dieses Jahr nicht wieder einen Imageschaden anrichten kann, hat mich bestimmt die Chefredakteurin, diese fiese Giftspritze eingesperrt. Nun schreibe ich trotzdem meinen Artikel quasi aus reiner Notwehr und lege ihr den dann breitgrinsend am Montagmorgen auf den Schreibtisch, sollte ich bis dahin noch überleben. Die Putzfrau hat seit gestern bis Aschermittwoch Urlaub. Ansonsten hätte sie hier schon längst die Schweinerei weggewischt und mich liebevoll angeschrien.

Seit Stunden werde ich mit Faschingsmusik von der Straße aus vollgedröhnt. Die kollektiven Vollrausch-Gesänge des für die närrischen Tage extra gegründeten Altweiberchors gehen nüchtern dermaßen an die Substanz, dass man das wirklich nicht ertragen kann, wenn man nur kalten Kaffee trinkt. Wenn der Frauenmob völlig hemmungslos auf den Straßen tobt und in Endlosschleife wirklich nicht schön singt, dann muss man sich selbst irgendwie ruhig stellen, wenn man keine Ohrstöpsel dabei hat. Denn der Text „Atemlos durch die Nacht, habe selten so gelacht. Trump und Erdogaaaaaaaaaaan sind für uns der helle Wahn!“ klingt wirklich nicht nach Opernchor, wenn die Weiber auf der Straße grölen, als wolle man ein Schwein abschlachten. Dieser neue spontane Karnevalssong vom Altweiberchor mit Trommelwirbel und Fanfarenbegleitung hört sich eher beängstigend als närrisch an. Deshalb sitze ich nun trotzdem völlig tiefenentspannt hier herum und lasse alles von Draußen auf mich wirken. Ich bin wahrlich gefangen im eigenen Körper. Mein Faschingskostüm mit künstlicher Hirschhaut aus eingefärbter Gelatine löst sich langsam in Wohlgefallen auf, liegt wohl auch daran, dass sich Sekt darüber ergoss, als ich nach dem achten Piccolöchen griff. Ich komme auch einfach nicht mehr von meinem Bürosessel hoch, denn die fünf Kilo schwere Chips-Tüte, dich ich extra für meine Kollegen als Gag herstellen ließ, ist mir vorhin völlig aus den Händen geglitten. Überall liegen Chipsfetzen wie nach einem Bombenanschlag herum. Wenn ich jetzt aufstehe, dann kündigt man mir bestimmt. Deshalb sitze ich das Ganze seit Stunden aus und suche ganz nebenbei noch eine plausible Erklärung für diesen Schlamassel. Ich habe den Schlüssel heute früh vom Großraumbüro nicht abgebrochen, als das Chaos begann. Ich nicht. Nein. Ich habe den Kurzschluss am Kaffeevollautomaten nicht absichtlich verursacht, also nur bedingt, als ich ihn ein bisschen manipulieren wollte, um ein wenig für Heiterkeit zu sorgen. Schließlich ist heute der berühmt berüchtigte Weiberfasching, besser unter den Namen Weiberfaasenacht, Schmotzinger Dunschtig, Fett- oder Schwerdonnerstag, Weiberfasnet, aber auch als Altweiberumtrieb bekannt.

Ein Rechtspopulist im Wahlkampffieber-Modus, der gerne Büttenreden hält, hatte sich für heute früh zu einem Interview bei der Chefredakteurin angekündigt und kam gerade als vertrauenserweckendes weißes Kaninchen kostümiert in das Besprechungszimmer, als es diesen Kurzschluss gab. Durch die kleine Rauchentwicklung ging die Sprinkleranlage an und verursachte ein bisschen Panik unter den Anwesenden. Ich harre hier vermutlich aus reinem Selbstschutz hinter verschlossenen Türen aus. Man hat mich eingesperrt, da ich immer unbequem bin und stets eine dicke Lippe riskiere, wenn ich an solchen Tagen im Jahr unterwegs bin, um Narren zu interviewen. Ich trete immer ins Fettnäpfchen, auch wenn keiner das gelbe Kostüm Fettaugen einer Hühnersuppe trägt. Ich behaupte ganzjährig Narren zu interviewen, aber das hört meine Chefin nicht gerne, die ein echtes Mannsweib ist.

Frauen laufen an Tagen wie diesem, heute meist kreischend und nicht mehr ganz nüchtern und selten schüchtern durch die Straßen, um zu demonstrieren, dass sie an diesem Tag besonders närrisch sind. Da geht’s „HumbaHumbaHumbaHumbaTäteräTäteräTäterä-geil voll ab“, sagt man im junggebliebenen Faschingsjargon. Nicht selten hört man mehrstimmig mit übelstem angekratzten monströsen Stimmchen haarscharf daneben, aber mit 120 Dezibel Lautstärke: „Heute blau, und morgen blau, und übermorgen wieder. Wenn wir dann in Stimmung sind, besaufen wir uns wieder…“. Die meisten Frauen denken dann währenddessen positiv über Männer nach, aber heute ist anscheinend alles anders. Die Welt bleibt schließlich nicht stehen, wie man so schön sagt.

Sogar die Auswahl der Kostüme wird immer besser, aber auch krasser, in die sich manche Frauen hineinpressen, zwängen, als wäre es das allerletzte Mal für sie, ein Aufbäumen gegen das Bravsein. Einmal im Jahr gehen sie so richtig aus sich heraus. Vom Seelensammler Geisterfrau-Outfit, über den Klassiker Skelettoverall, dem Scrabble Deluxe-Kleidchen, dem edlen Designer-Drogenqueenstöffchen aus feinstem Organza bis hin zum billigen Dildoganzkörperplastikfummel und Haifischflossenponcho sieht man immer mehr außergewöhnliche Massenware. Allerdings auch Einzelanfertigungen, so zum Beispiel das auf den ersten Blick harmlos erscheinende  dunkelbraune Höcke-Kostüm mit völkischem Motivaufdruck und passender Gruselmaske im Germanenstil. Da will Frau mal stundenlang ohne aufgeklebtes Hitlerbärtchen den Führer spielen. „Herrlich“, denkt sich da so mancher naive Mann, wenn er bereits torkelnd so eine Frau mit 1,8 Promille im Blut anhimmelt, wenn sie ihm begegnet und ihm die schönste Krawatte des Universums in der Fußgängerzone mit einer rostigen Schere aus Kruppstahl abschneidet.

Unsere Redaktion der Fachzeitschrift Carne vale empfiehlt für dieses Jahr den Männern: „Seien Sie bitte auf der Hut, wenn Sie in den kommenden Tagen unterwegs sind, man weiß nie, welches böse Weib hinter einer Maske, einer Maskerade steckt.“ Mein diesjähriger Artikel zum Thema Weiberfasnacht wird bestimmt genial, muss ihn nur noch in die richtige Form bringen. Prost.

© CoLyrik, Altweiberfasching 2017


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2 Kommentare

  1. Ostello Jaeger

    achjaa, carnevalia a la corina, die närrische zeit, danke für die witzigen insider ein- bzw ansichten. ist ja nun auch schon wieder gewesen. ich muss gestehen, dass ich an diesem treiben gänzlich unbeteiligt war, hab irgendwie keinen zugang mehr dazu, seufz…
    hg

  2. Corina Wagner

    Lieber Ostello,
    vielleicht hättest du wie ich am Rosenmontag zur Welt kommen sollen, aber ich war dieses Jahr ausnahmsweise auch zu Hause und ganz unbeteiligt. Nächstes Jahr will ich wieder Richtung Rhein…
    HG
    Corina

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