Der Herbst kommt unweigerlich…

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oder

Nachdenklich am Wasser

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Trotz, oder gerade wegen einer trüben Stimmung, die ich in den vergangenen Tagen nicht in den Griff bekam, wollte ich heute mit dem Rad raus. Wie meistens an solchen Tagen sollte es wieder die Erft sein.

Mein persönlich liebster Ort dort ist die erste Bank, nach circa 100 m Einfahrt in das Waldgebiet. Sie steht an einer Flussbiegung und von ihr aus hat man einen wunderbaren Blick die Erft hinauf. Letzten Sonntag war sie besetzt, aber heute gehörte sie mir.

Ich setzte mich, legte meine Arme seitlich ausgestreckt auf die Rückenlehne und ließ die beruhigende Ansicht auf mich einwirken. Dankenswerterweise schützte mich ein belaubter Ast vor der schon recht tief stehenden Sonne, so dass ich nicht geblendet wurde. Ich saß eine ganze Weile so und schaute nur.

Und wie immer hier ebneten sich schon nach wenigen Minuten meine Gedanken, die seit einigen Tagen ein ziemliches Durcheinander erlebten. Dieses kleine Stück Welt ist schon seit einigen Jahren für mich immer wieder ein Quell der Ruhe und Entspannung. Wie heute. Ich fühlte, wie sich meine Emotionen langsam der Umgebung anpassten.

Das Wasser der Erft war ruhig. Fast wie ein Spiegel. Ich konnte das Fließen kaum erkennen, so glatt war die Oberfläche. Nur an den Blättern, die auf ihm schwammen, bemerkte ich die Bewegung des Wassers. Ein ganz leichtes Kräuseln wurde erst sichtbar, wenn ich die auf dem Kopf stehenden Bäume im Wasserspiegel beobachtete. Ständig wurden meine Augen abgelenkt, wenn Blätter innerhalb meines Sichtfeldes herabschwebten, um sanft aufzusetzen und vom Wasser fortgetragen zu werden. Oft formierten sie sich zu kleinen Inseln und schwammen fortan im Verbund. Zwischendurch bemerkte ich manchmal kaum erkennbare Strudel, die immer wieder den Ort wechselten. Merkwürdigerweise standen diese Strudel scheinbar bewegungslos, während die Blätter daran vorbei zogen. Und wenn sich zufälligerweise mal ein Blatt inmitten des Strudels befand, blieb es mit ihm stehen, drehte sich nur. Die Strudel blieben eine kleine Weile und verschwanden so unversehens, wie sie gekommen waren. Die Blätter, die kurz in ihnen gefangen waren, machten den Eindruck, als wenn sie eilig den Vorsprung der anderen einholen wollten.

Es herbstet, sagte meine Oma früher immer, wenn das Laub sich zum Jahresende färbte. Ja, er scheint sich nicht aufhalten lassen zu wollen, der Herbst. Obwohl für mich nur die zweitschönste Jahreszeit nach dem Frühling, fühlte ich Melancholie aufkommen, die – wie mir heute zum ersten Mal klar wurde – von Jahr zu Jahr, kaum merkbar, intensiver wird.

Ich sah mich genauer um. Ja, es war offensichtlich. Jeder Baum, egal welcher Art, beginnt langsam, sich vom Laub zu lösen. Manche leuchten schon in wunderschön warmen, rötlich-braunen Farben, andere sind noch grün. Bei wieder anderen sieht man, wie das Geäst deutlicher als noch vor einer Woche zu erkennen ist. Lange kann es nicht mehr dauern. Hier draußen nicht, und nicht bei mir.

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Plötzlich wurde ich nachdenklich. Was hatte ich gerade gedacht?

Na sicher! Ist mir vorher noch nie aufgefallen. Aber meine biologische Uhr tickt. Muss sie ja! Mein ganz persönlicher Herbst ist es also, an den ich überraschend denken muss. Mein Herbst kommt. Genauso unaufhaltsam, aber im Gegensatz zum jahreszeitlichen wird es mein einziger sein.

Ich muss mich beizeiten darauf einstellen. Jetzt ist die beste Zeit dazu. Keine Überraschungen!
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Mir fallen Menschen ein. Viele Menschen aus vielen Jahren. Leute, denen ich einmal sehr viel mehr als die Tageszeit gesagt habe. Gesichter und Begebenheiten wechseln sich ab, angenehme und weniger schöne. Einige dieser Menschen waren und sind mir noch sehr nah und ich vermisste sie fast schmerzlich in diesem Moment. Ich sah fast die geliebten Gesichter vor mir und streckte unwillkürlich eine Hand aus, um das eine oder andere kurz zu streicheln.

Mein Herbst kann kurz sein oder länger. Wer weiß das? Aber vor meinem persönlichen Winter – diesen Vorsatz fasste ich heute -, will ich Frieden schließen mit einigen dieser Menschen. Frieden mit Menschen, die mich ein Stück meines Lebens begleitet haben und mir wichtig wurden. Frieden mit Menschen, denen ich zwar Dank schulde, die mir aber leider abhanden kamen. Und Frieden mit Menschen, die ich irgendwann, irgendwie verletzt habe. Mit diesen besonders!

All diese Menschen bedeuten mir viel. Sie sind mir so wertvoll, dass ich sie, tief und geschützt in meinem Herzen, in meinem Winter bei mir haben will.
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Nach einer kurzen Zeit der Besinnung setzte ich mich wieder auf mein Rad und fuhr weiter. Immer noch ein wenig nachdenklich, aber auch ein wenig friedlicher.

Ich fahre dem Herbst entgegen. Meinem Herbst.

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:(  Danke:/  Danke:)  Danke:)) Danke;)  Danke (12 Bewertung/en: 4.92 von 5 Sternen)

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14 Kommentare

  1. cassandra2010

    Ein wunderschöner, besinnlicher und sehr privater Text. Schöne Bilder und Tiefgang zugleich. Mehr kann Literatur nicht leisten.
    c.

    1. ChromiD verst. 6.2.2011

      und mehr als “danke” kann ich jetzt auch nicht sagen! :-)
      c.

  2. Harald Blumenau

    Wäre ich ein 14Jähriges Mädchen, dann würde ich Dich vermutlich mit Höschen bewerfen, hast Du ein Glück!
    Na gut, das ist maßlos übertrieben, nein, gelogen!
    Aber der Text ist mal wieder erste Sahne! *****

    1. ChromiD verst. 6.2.2011

      harald, harald! mit dem höschen-werfen verwirrst du mich jetzt vollends!! ;))

      nichtsdestotrotz, herzhaften dank für dein lob. es geht mir herunter wie feinstes olivenöl. sei bedankt!

  3. cassandra2010

    Harald, die jungen Mädels werfen nicht (mehr) für literarische Großtaten! Habe ich in dem Alter auch nicht getan… Dafür werfen wir. Mit Lob um uns.

    1. ChromiD verst. 6.2.2011

      …was mir – ganz und gar ehrlich – um etliches lieber ist!!!
      was soll ein älterer herr auch mit höschen, die ihm eh nicht passen!?
      :-)

      1. Harald Blumenau

        Im Winter die Glatze wärmen!

        :-))))

        1. ChromiD verst. 6.2.2011

          …womit die ohren endlich auch mal untergebracht sind, gell?
          oder verwechsele ich jetzt slips mit vorzelten??

          ;-)))

    2. Harald Blumenau

      @ Cassandra2010
      Nicht?
      Dann liegt es gar nicht an meiner Schreibe, dass ich mich schon so lange umsonst anstrenge? Warum hat mir das Keiner vorher verraten? Wozu sitze ich denn dann all die Stunden alleine am Monitor? Wozu das Ganze? War denn Alles umsonst? Das soll es gewesen sein?

      :-(
      :-(.-…..
      ….
      ich geh`in den Rhein rein!
      :-/

      Aber Sie liegen dennoch falsch!
      Wenn man(n) eine Frau zum Lachen bringt, ist es schon die halbe Miete.
      Das Blöde ist nur, die muss man(n) meistens selber zahlen.

      (Könnte natürlich an meinem Humor liegen.)

      1. ChromiD verst. 6.2.2011

        ich kann das alles nachvollziehen. vor allem das “selber zahlen” yepp!

        :-)))

  4. cassandra2010

    Harald, ich lade Sie mal zu einem Zwiebelkuchen mit Federweißer ein. Das wärmt das Gedärm und macht gute Gedanken.

    ^-^
    c

    1. Harald Blumenau

      Mmmmh, lecker! Das klingt gut, aber glauben Sie ja nicht, ich sei bestechlich.
      Obwohl, Zwiebelkuchen,……

  5. MokkaSinn

    Der Herbst ist die Zeit der Vorbereitung auf die weniger üppige Zeit.
    Vieles ist zu Ende und das Ende gibt es auch für uns.
    Und zwar endgültig.

    Wir sollten aufräumen, unbedingt.
    Denn wir lassen zurück, wenn wir gehen.

  6. ChromiD verst. 6.2.2011

    wie wahr!
    nur – wann fängt man an? und womit?

    gedanken an allzu endgültiges verarbeiten wir nicht sehr gut…

    :-)

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