Über Schriftstellerei und Mut

Schriftsteller gelten im Allgemeinen als intellektuelle Sinnstifter und bewunderungswürdige Autoritäten. Letztendlich ist ein Schriftsteller jedoch nur eine mutige Person, aber das ist nicht wenig.
Warum?
“Ein guter Schriftsteller…”, so oder ähnlich fangen viele Ratgeber an, die vorgeben Tipps und Tricks für das Handwerk des Schreibens parat zu haben. Vornehmliches Ziel dürfte bei den meisten dieser Art wohl eher ein möglichst hoher Absatz als eine wirkliche Hilfe zum Schreiben sein. Die nun geäußerten Gedanken beginnen mit den gleichen einleitenden Worten, wollen allerdings weder Rat geben noch helfen, sondern einen Aspekt des guten Erzählens beleuchten, der, sagen wir, etwas ausgenüchtert und entromantisiert daherkommt. Mit Genie-Kult und Intellektualität hat die Schriftstellerei nämlich nicht unmittelbar zu tun.
Ein guter Schriftsteller ist ein von Bremsen befreiter Mensch. Im Endeffekt könnten viele Menschen gute Schriftsteller sein, aber sie trauen sich nicht. Sie trauen sich nicht loszulassen von Konventionen, flüchten sich in die Hülle des scheinbar Erwachsenen, meinen im altersgerechten Denken zu denken und zu sprechen, meinen grundsätzlich schreiben und denken zu müssen. Müssen sie nicht! Sie müssen nicht, denn niemand schreibt es vor. Müssen ist eine antithetische Kategorie des Ästhetischen (, was nicht ausschließt, dass Kunst sich dieser Imperative bedienen kann (muss)). Dieser selbst auferlegte Bann oder diese selbst eingebaute Bremse bremst die Menschen aus, bremst sie Literatur zu produzieren, bremst sie alten Bildern und Nostalgien einen angemessenen Platz und Raum in Sprache und Ton zu geben. Schriftstellerei steht deshalb in direkten Zusammenhang mit innerer Emanzipation. Sie ist deshalb eine fortwährende Reise zum eigenen Ich und eine ständige Korrespondenz mit einer nie zum Abschluss kommenden Identität. Selbst eingebaute und/oder nicht gelöste Bremsen sind selbst eingerichtete Bevormundungsmechanismen. Schriften zu erstellen bedeutet, seine eigene innere Bremse zu lösen.

Der Schriftsteller ist deshalb von der Bremse. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass er schneller fährt, denn neben gerader Strecke und Abfahrten existieren ebenso Hügel und Berge. Gas gibt er eher selten.


6 Kommentare

  1. Ostello Jaeger

    “von inneren bremsen befreit” – das wünsche ich mir auch, sehr oft. manchmal bin ich aber auch froh, rechtzeitig gebremst zu haben. fazit: genau dazwischen irgendwo agiert der offbeat?
    hallo und herzlichen gruß an den soahc

  2. Stefan Schürrer

    Ja, das ist schön gesagt.
    Freundliche Grüße
    Stefan

  3. MokkaSinn

    Ist die erste Bremse nicht die, auf den Lohn zu schauen
    und nicht auf das, was geschrieben werden will?

    1. Stefan Schürrer

      Lohn? – Das ist meiner Meinung nach die völlig falsche Motivation.
      —-
      Das reimt sich sogar^^

  4. SOAHC

    ich will nicht sagen, dass der monetäre Lohn eine Bremse sein muss (er kann vielleicht sogar ziemlich motivierend wirken), aber eindeutig korrumpieren kann er und auch in die falsche Richtung lenken, wenn man etwas macht, das man nicht mag oder nicht so gut kann, es aber fürstlich entlohnt wird. Irgendwann wird einen der Selbstekel ereilen.
    Generell glaube ich, dass für die meisten Künstler der Lohn, eher eine Form der gesellschaftlichen Anerkennung und Huldigung ist.

    1. Stefan Schürrer

      Da gebe ich dir hundertprozentig Recht. Geld korrumpiert. Geld macht gefügig. Geld macht bestechlich. Heutzutage ohne die Verantwortung von Geld zu leben, ist natürlich auch utopisch.
      Es ist aber eine Schande, dass man erwartet, dass Künstler oder allgemein Kunstinteressierte, da sie das machen dürfen, was sie machen wollen, ob Theaterregisseure, Maler, Bühnenbildner, Autoren etc, damit zufrieden sein sollen, was sie verdienen – was meistens am Existenzminimum ist.

      Ein erfülltes Leben kann man so nie leben. Aber das ist ein anderes Kapitel und ein anderes Thema.

      Gruß
      Stefan

      P.S.: Natürlich treibt einen Künstler die gesellschaftliche Anerkennung an, bzw. die Huldigung. – Aber kann er davon die Miete bezahlen? Wie viele Künstler sind in der Geschichte an Geldnöten drauf gegangen? Muss das sein?

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