Das Leben ist eine Party – und du gehst nicht hin…

Ich hätte eigentlich mit diesem berühmten Samuel Beckett-Zitat antworten sollen – Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better. – als sie hochnäsig meinte, dass hast du schon nach deinem ersten Buch gesagt und das zweite Buch habe ich auch nie zu Ende lesen können – in diesem Moment hatte ich mich wirklich wieder gefragt, warum ich mir das eigentlich wieder antue.

Aber ich war in letzter Zeit auf zu wenig Partys, war zu lange und zu oft zu Hause vor meinem Laptop geblieben und habe mir auf meinen schön formulierten Sätzen einen runter geholt, metaphorisch gesprochen; ich musste wieder unter Leute - ich verhalte mich in der Öffentlichkeit in den Augen der Anderen wahrscheinlich nur noch seltsam.

Eine Diskussion über Fahrrad-Helme sprenge ich zum Beispiel, weil ich sie nicht ertragen kann, mit meiner aufrichtigen Art. Diese prätentiösen Arschlöcher, die eigentlich keine Arschlöcher sind, stehen im Kreis und unterhalten sich auf der Party aus dem Blauen heraus über das Tragen von Fahrradhelmen und dass es ja so sicher sei und ihnen einen riesigen Vorteil an Sicherheit verschaffen würde, wenn sie denn dann angefahren werden und einen Helm dabei tragen würden; naja, solange sie bei dem Unfall auf den Kopf fallen, ist ein Helm sinnvoll.

“Also, ich trage nur einen Helm beim Mountainbiken, denn, wenn man dann stürzt, dann bla …”, erzählt er uns seinen ganzen Lebenslauf. “Und du?”, werde ich schließlich gefragt, weil ich mich bis jetzt wohlwissend zurückgehalten habe. “Ich trage keinen Helm. Nie. – Warum auch? Das ist der Vorteil, wenn dir dein eigenes Leben so wunderbar egal ist. Du brauchst dir keine Gedanken um Fahrradhelme und zerstörte Frisuren zu machen.” “Wow – was machst du denn? – Wie meinst du das? – War das ernst gemeint?”, fragen sie durcheinander und sind erst einmal schockiert  und amüsiert. “Ach, als Schriftsteller gehört das irgendwie dazu.”, lache ich fast schon selber über die Parodie meiner Rolle, in die mich die Party vor der Party gebracht hatte.

Da wurde ich Leuten nämlich mit dem Zusatz: “… und er ist Schriftsteller.”, stolz vorgeführt, wie ein Tanzäffchen. Ich sage doch auch nicht überall: “… und er ist Schreiner.”, „… und er ist Bankangestellter.”, „… und er ist Krankenschwester.” – Mir kann man es anscheinend wieder mal nicht Recht machen.

Auf der einen Seite ärgere ich mich, wenn mich Leute nicht ernst nehmen und auf der anderen Seite ärgere ich mich, wenn Leute mich zu ernst nehmen; manchmal bin ich auch einfach nur ein ganz normaler Mensch, der morgens zur Arbeit geht und sich abends noch ein paar Stunden ans Schreiben macht oder seine freie Zeit auf einer Party verschwendet und sich da selber kräftig in den Arsch treten muss, dass er dabei Spaß hat.

“Hilft es, dieses ganze … ?”, wedelt sie deshalb auch mit ihren Händen vor meinem Gesicht, als hätte sie einen Zaubertrick vorgeführt, eine Karte verschwinden lassen, als wolle sie jemanden damit verwirren, erschrecken oder einen ausprobierten Duft in einer Druckerie ihrer Wahl in der Luft verteilen, weil er bei ihr überraschend aufstößt.

“Dieses ganze … was?” “Na, depressiv sein.”, antwortet sie mir direkt. “Ungemein.”, zaubere ich mit einem hämischen Lächeln eine Flasche Jim Beam aus meinem Dr. Jekyll und Mr. Hyde Arzt-Kittel, den ich mir jetzt in einem großen Schluck requisitenhaft gönne – den Jim Beam natürlich, nicht den Kittel.

Es hilft aber auch ungemein auf einer Notaufnahme-Krankenhaus-Motto-Party zu sein, wenn ich hier wegen einer Alkoholvergiftung in meinem Kittel umkippe, sehe ich vielleicht wenigstens wichtig genug aus, um eine Extrabehandlung zu bekommen. Wenn die echten Rettungssanitäter dann für mich kommen müssten, wäre bestimmt auch große Verwirrung auf der Tanzfläche, mit all den verkleideten Damen und Herren, lache ich über meinen eigenen Witz; mit all den verkleideten Oberärzten und Oberärztinnen und Krankenschwestern und Krankenbrüdern und dem ganzen Notfall-Personal und den VerletzInnen – god damnit, warum sage ich sowas nicht laut?, frage ich die Flasche in meiner Hand still und heimlich, aber sie hat keine Antwort für mich. – Die Menge würde jubeln. “Touchdown!”, ruft eine Miniaturversion von mir in meinem Kopf, als sie den Ball über die Linie, das Runde in das Eckige, das Dreckige zum Dreckigen, Asche zu Asche, Staub zu Staub … ich lache und schaue mich in der partyseken Gegend um.

Eigentlich bin ich ja so einer, der im Zug neben einem dicken Menschen sitzen bleibt, obwohl woanders ein Platz frei geworden ist, weil ich genau weiß wie es ist alleine gelassen zu werden. – ich armes, kleines Kind muss wohl einmal zu oft von meinen Eltern in der Kindheit alleine gelassen worden sein.

Auf jeden Fall fange ich ein Gespräch mit ihr über ihr letztes Theaterstück an. “Ich hab schon deiner Kollegin hier gesagt, wie cool ich euer Theaterstück fand!”, “Oh, Der Zweite Mensch.”, mischt sich die Kollegin von meinem ersten Gespräch dieser Art über das Theaterstück direkt mit ein. “Genau.”, stimme ich zu und frage ganz aufrichtig, wissbegierig beide: “Habt ihr das Stück selber geschrieben?” – Ich frage aus einem ganz einfachen Grund, traue mich aber nicht, sie direkt danach zu fragen: Ich möchte wissen, wer die grandiose Idee für diese gefühlvolle Szene hatte, ungefähr bei drei-Viertel des Stückes, wo sich zwei wildfremde Menschen zufällig in die Arme laufen und offen und ehrlich zueinander sind, sich eingestehen, dass sie es leid sind, wie die Welt sie sieht und sie eigentlich einfach nur als das wahrgenommen werden wollen, was sie sind, und schließlich in den Armen des Anderen liegen und weinen. – das war so menschlich, so echt, dass ich, als ich im Publikum saß, meine Tränen unterdrücken musste; ich habe mich darin wiedererkannt.

“Ja. Einige Dinge sind davon auch wirklich nur durch reinen Zufall entstanden. Zum Beispiel die Eröffnungsszene mit den Toiletten, das war ganz amüsant. Wir reden so, dass wir ja alle mal was in unserem Leben erreichen wollen, dieser Drang etwas zustande zu bringen, ist doch in jedem von uns, da kam irgendwer auf diese lustige Anekdote wie die kleine Schwester vom Klo kam, gerade fünf Jahre alt oder so, und sie lief ganz stolz durch das Haus und brüllte dabei, sie habe einen Delfin gemacht! – Du weißt ja, wie kleine Kinder so sind. Die finden es ja ganz toll, etwas zu produzieren.”, “Und die Theaterwerkstatt hat uns dann extra für die Eröffnungsszene diese fünf Toiletten gekauft.”, “Ich hätte mich auch nicht auf eine Gebrauchte gesetzt.”, lachen beide und der ganze Raum lacht mit.

“Kommst du nicht aus Münster? Lohnen sich die Skulptur-Projekte? Lohnt sich dafür ein Besuch in Münster?”, werde ich auch gefragt und erzähle, dass es einige ziemlich coole Dinge gibt und erzähle und erzähle und wundere mich so langsam, ob die Menschen nur mit mir über bestimmte Themen reden, damit ich darüber schreibe; oder ob da noch mehr dahinter steckt, auf das ich auf den ersten Blick nicht komme? – Mh. Ich gebe ihm also, um meine Pflicht zu erfüllen, einen kleinen Einblick, dass ich zum Beispiel dieses Projekt eines Künstlers besichtigen durfte, der alle Schrebergarten-Vereine der Stadt vor zehn Jahren zur letzten Skulptur-Projekte angeschrieben hatte, ihnen die Aufgabe übertrug, zehn Jahre lang bis zur aktuellen Skulptur-Projekte-Ausstellung über alles Notiz zu führen, was in dem Kleingarten-Verein um die Ecke so passiert. Alle Kleingarten-Vereine der Stadt haben an der Aktion teilgenommen. Ob Geburtstage, Feste, Feiern und Events, große Stürme, Ernte-Erfolge und natürlich auch Gärtner-Tipps, all das haben sie aufgeschrieben und für die Ewigkeit festgehalten – schon eine geile Idee.

Aber auch ein bisschen dreist vom Künstler zu sagen: Ich hab da dieses Projekt gemacht!, dabei hat er es eigentlich gar nicht selber gemacht, die Kleingarten-Vereine haben ja eigentlich die ganze Arbeit geleistet. Die haben gefeiert und geerntet, geweint und gelacht – und dann alles aufgeschrieben.

Ach ja, und als ich mir, warum tue ich mir das eigentlich an?, durch den Kopf gehen ließ, hatte ich diese beiden wunderbaren Partys schon lange hinter mir gelassen und hatte mich wieder mit Menschen umgeben, die meine Arbeit nicht wertschätzten. Die mal meine ersten ernst zu nehmenden Arbeiten gelesen hatten, meine ersten Schritte sozusagen mitverfolgt hatten und sich darauf immer noch für ihr Urteil berufen, sowieso schon immer eine vorgefasste Meinung dazu gehabt haben, nicht einsehen wollen, dass man dazu lernen und sich verbessern kann; solchen Leuten würde ich gerne die ersten Filmaufnahmen von Quentin Tarantino vorführen oder die ersten geschriebenen Worte von Max Frisch – ach ja, Moment! Das geht ja nicht! Er hatte in weiser Voraussicht alles verbrannt, sein ganzes Frühwerk hat er in Flammen aufgehen lassen – vielleicht sollte ich solche Menschen einfach in Flammen aufgehen lassen?!

Solche Leute schaffen es nämlich ohne viel Mühe und Anstrengung, die Anerkennung und das Lob von tausend anderen Menschen zu vernichten, mit nur einem dumm daher gesagten Satz.


  1. Corina Wagner

    Dumme Sätze sind immer schwierig. Mit zunehmendem Alter wird es dann auch noch anstrengend, da man sich dann in solchen Situation beherrschen muss, um nicht zynisch zu antworten.
    Manche Menschen ändern sich nicht, auch nicht nach Jahren und können keine Fortschritte von jenen anerkennen, die andere machen. Desinteresse macht’s möglich, vielleicht auch Neid.

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  2. Mmblfrz’s avatar

    jaja kenne das. Bin aber mittlerweile sehr milde geworden und sage mir :

    Der Pöbel besteht immer aus einem mehr als man denkt.

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  3. Stefan Schürrer

    Für den Pöbel habe ich folgendes zu sagen:
    Hier gibt es einen interessanten Artikel darüber wie Sprache verschandelt werden kann.

    http://www.achgut.com/artik…/transphobisches_stueck_scheisse

    Genau das ist ja auch das Neben-Thema meines letzten Textes “Das Leben ist eine Party – und du gehst nicht hin…” gewesen. Wie unsere Sprache, vor allem in literarischen Texten, in Blogs und Ähnlichem, heutzutage verschandelt wird, um den Maßstäben Geschlechtergerechter Sprache gerecht zu werden. – Ha!^^

    Es gibt elegantere Wege als “VerletzInnen”, würde ich einfach sagen. Lest euch dazu doch einfach mal “Das Leben ist eine Party – und du gehst nicht hin…” selber durch und sucht nach anderen Varianten, um dem Problem her zu werden. – Ich habe einige gute Beispiele im Text verstreut, vielleicht findet ihr ja welche :P

    Ich möchte nämlich jetzt klarstellen, ich bin nicht gegen Geschlechtergerechter Sprache. Ich finde nur, es gibt gute Möglichkeiten und schlechte Möglichkeiten, um mit dem Problem umzugehen.

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