Von wegen haarsträubend

Von wegen haarsträubend

Alles fing unspektakulär an. Ich hatte keinen Einfluss darauf. Meine Existenz habe ich ganz banal der Evolution zu verdanken, somit Fluch und Segen zugleich, aber auch Bestimmung. Ich wuchs in einem seltsamen Milieu auf und bin nicht der einzige meiner Art. Nicht einfach, aber für mich kein Problem, so dachte ich zu Anfang. Meine Vorfahren können nichts dafür und deshalb bin ich auch nicht traurig, dass ich in keinem adeligen Körper groß wurde. Wenn ich ganz ehrlich zu mir selber bin, dann muss ich mir eingestehen, dass ich mir ein anderes Vorhandensein gewünscht hätte. Mein Dasein hätte ich zu gern in einer klügeren Person erleben möchten und dies unabhängig vom Geschlecht. Wählerisch bin ich absolut nicht, aber dieser Mensch ist schon eine echte Herausforderung für mich. Wenn ich mich nun beschreiben müsste, dann würde ich spontan behaupten, dass ich klein bin, ziemlich starr, aber stabil erscheine und mich trotzdem verbiegen kann. Seit Monaten werde ich länger und länger. Damit ist Ärger vorprogrammiert. Es liegt wohl am Alter meines persönlichen Umfelds. Der Typ ist ätzend, lebt in Amerika, hat aber deutsche Wurzeln. Im Laufe der Zeit lernte ich Gedanken lesen. Keiner der vielen anderen, die mich Tag und Nacht umgeben, besitzt diese Gabe. Vielleicht ist es auch eine Mutation. Wissenschaftlich betrachtet ist nicht auszuschließen, dass es eine neue Strategie sein könnte, um länger als meine Eltern überleben zu können. Mein Vater wurde ganz trivial beim Niesen getötet und meine Mutter wurde ohne jegliche Vorwarnung mitten aus dem Leben gerissen. So eine Situation kann sich negativ auf Gehirnareale auswirken, aber nicht auf meine, um Missverständnisse auszuschließen. Diese entzündliche Veränderung durch eine Pinzetten-Attacke könnte jetzt auch erklären, warum, weshalb und wieso dieser ätzende Typ von Mann mit dem ich alltäglich zu tun habe, Twitter-Meldungen tätigt, die man als unterirdisch bezeichnen kann. Es sind aber reine Spekulationen.

Die Nase eines Menschen ist immer in Gefahr und dies unabhängig von ihrer Größe und ihrer Anerkennung in der Gesellschaft. Man kann sie überall hineinhängen, damit schnüffeln und damit auffallen, wenn man den Inhalt hochzieht, wo auch immer hin. In der Atemluft sind immer fiese Schmutzpartikel, Popel aus Staub, Umweltgiften oder verseuchtem Sand, die dann die Lunge schädigen können, aber auch das Gehirn, so meine eigene Wahrnehmung. Manche haben eine total hübsche Nase und sterben trotzdem viel zu früh, wenn es nicht so taffe Individuen wie mich geben würde, die dann zum Einsatz kommen. Nachts agiere ich als Spinnenabwehrsystem, aber das möchte ich nicht mehr machen. Mein Freund Flimmer auch nicht mehr. Wir wollen in Zukunft keinen Widerstand mehr leisten. Ich existiere gemeinsam mit anderen meiner Art als Filtermechanismus und einige beneiden mich deswegen keineswegs. Zählen mich aber trotzdem zu den Helden des Alltags. Bis vor einigen Monaten machte mir der Job noch einigermaßen Spaß, habe genetisch bedingten Galgenhumor. Im Dunkeln lässt es sich gut munkeln, so sagt man doch im deutschen Volksmund. Doch neuerdings werde ich mit entsetzten Gesichtern konfrontiert, dadurch wurde ich depressiv, denke immer häufiger an Suizid. Schuld daran hat dieser ätzende Typ. Ich möchte seinen Namen nicht in der Öffentlichkeit nennen. Er nervt mich schon sehr lange mit seinem Getue, aber ich bin Gefangen in seinem Körper. Man soll immer das Beste aus sich herausholen, wenn er es nicht tut, muss ich es für ihn tun und fing zu wachsen an. Viele werden nun sagen: Es ist seine Bestimmung, dass er eines Tages wächst. Vor einigen Monaten habe ich mir vorgenommen, ihm endlich zu zeigen, dass er wirklich alt wird. Auch, dass es da noch etwas anderes in ihm gibt, mich, eine haarige Stelle, die vorausschauend sein möchte. Ich bin mitten in seinem Gesicht, nicht in seinem Gehirn und sitze, hause im linken Nasenflügel, ganz vorne. Ich hätte nie gedacht, dass ich so weit vorne wie angewurzelt stehen würde und mal über mich hinaus wachsen könnte, um ihn zu ärgern. Aus mir wurde ein kleiner Revoluzzer. Andere sehen mich vielleicht nur als lapidare Alterserscheinung eines Regierenden. Schade, man unterschätzt mich. Jetzt bekomme ich noch mehr von seinem Leben mit, das außerhalb seines Kopfes stattfindet. Zweimal wurde ich nun schon von einem Friseur zurechtgestutzt, aber überleben kann ich dadurch trotzdem. Haha. Ich will nicht mehr dreist, vorwitzig aus dem Nasenloch eines Narzissten linsen, sondern nun zum haarigen Widerstandskämpfer werden. Ich filtere nichts mehr, gebe meine Funktion auf und fordere zum Kollektivstreik meiner haarigen Artgenossen auf. Dann hat der ätzende Typ vielleicht demnächst endgültig die Nase gestrichen voll und macht den Abgang. Irgendwann muss ihm doch die Luft ausgehen. Ich tendiere tatsächlich zum Suizid und dies zum Wohle der Menschheit. Ich denke über das Sterben nach, will selbst aus dem Leben scheiden, selbstbestimmt sterben, ohne das mich jemand mit ihm gemeinsam… Sie wissen schon…  Es gibt so viele Menschen, die ihn inzwischen nicht leiden können. Ich sehe ja immer wieder mal das ein oder andere Gesicht, wenn ich aus seiner Nase linse und kann dann  von diesen Menschen, die ihm gegenüber stehen oder sitzen die Gedanken lesen… Haha, wenn er wüsste, was die meisten von denen über ihn denken, dann würde er nur noch twittern…

So und nun stell‘ ich mich tot und probe den Ernstfall. Mal sehen, was die anderen 299 Flimmerhärchen machen…

© CoLyrik, Juli 2017


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11 Kommentare

  1. Ostello Jaeger

    moin liebe corina, witzige idee, die perspektive eines nasenhaares einzunehmen, und dann in humorvoller überraschender weise seine sicht auf mensch und dinge darzustellen, eine art abenteuer,
    da steckt tiefsinn drin, die menschliche existenz, makro und micro, anpassung und freiheit, schicksal &&& ein nasenhaar hat viel zu erzählen…
    hg

    1. Ostello Jaeger

      ha ha hatschieee ! !! ! !

    2. Corina Wagner

      Moin, moin lieber ostello!
      Fein, dass dir meine neue Kurzgeschichte gefällt. Neulich stand ein Herr, so Anfang 60 vor mir, um sich mit mir zu unterhalten. Er wirkte sehr gepflegt, bis auf zwei Nasenhaare, die vorne dreist aus einem Nasenloch herauslinsten. Die konnte er aber anscheinend durch seine Alterssichtigkeit selbst nicht mehr sehen. Dies brachte mich dann auf die Idee…
      HG
      Corina

      1. MokkaSinn

        Corina,
        das sind Antennen!

        :-)

        1. Corina Wagner

          Aha!
          :-)
          HG
          Corina

  2. Mmblfrz’s avatar

    Also, Dein Protagonist soll sich mal nicht beschweren,
    wenn er ein Schamhaar wäre, wäre er, nach heutiger Mode, schon längst abrasiert.

    1. Corina Wagner

      :-) Tja, ein Restrisiko bleibt immer, wenn sich ein Nasenhaar beschwert…
      Schamhaare – ein heikles Thema. Es ist immer Ansichts-und Trendsache, was nun gefällt, ob nun abrasiert oder natürlicher Wildwuchs. Jeder Mensch, ob jung, ob alt, sollte nach seinem Wohlfühlprinzip den Intimbereich verwalten und gestalten. ;-)
      Jede einzelne Person muss also genau überlegen, was nun mit dem ein oder anderen Nasen-oder Schamhaar passiert. ;-) Denn es wird immer Leute geben, die darüber schreiben werden. :-)

  3. Stefan Schürrer

    Irgendwie scheint jeder gerade das Sommerniesen zu haben… aber interessante Geschichte!

    Liebe Grüße
    Stefan

  4. cassandra2010

    Iiiiih, Corinna, Hexenschwester, was für ein Sujet! Ein Nasenhaar- so eklige Dingerchen, die bei alten Bajuwaren ins Bierglas reinhängen… mich deucht eine Ohnmacht

    ^-*

    1. Corina Wagner

      Oh. Eine Ohnmacht, eine Ohnmacht. Nein. Nein. Bitte nicht, denn es hängt nicht in jedem Bierglas ein Nasenhaar oder in einer Suppe, einem Gericht. ;-)

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