Deutscher Hinterhof-Bahnhof, 23:08 Uhr

“Ihre nächsten Anschlüsse sind…”, stottert die Ansage, während ich meine Augen zusammen kneifen muss, um ein Schild genauer zu lesen.

“Bahnsteig hat Gefühle. Rollstühle und Kinderwagen und Koffer mit Rollen nicht ungefragt abstellen.”, steht das da wirklich oder entwickele ich schon eine Leseschwäche? – Ach, wahrscheinlich lese ich einfach wieder, was ich will. Oder ich bin schon wieder vieeeel zu betrunken; das jedenfalls könnten die Anderen vorhin von mir gedacht haben, als ich dem Kellner fast zehn Euro Trinkgeld zuviel geben wollte.

Dabei war ich gerade nur so tief in meinem Gedankenpalast á la Sherlock, dass ich irgendwie zu dieser verrückten Schlussfolgerung kam, dass ich nun in einem Alter bin, wo mich so Serien wie New Girl nur noch traurig machen, weil sie mir keine wunderbare, abgedrehte Zukunft des Erwachsenwerdens vorleben, sondern, weil sie mir zeigen, dass selbst imaginäre Figuren, die eigentlich, wenn wir mal ehrlich sind, im echten Leben total lebensunfähig wären, ein aufregenderes Leben haben als ich – aber warum sitze ich dann trotzdem abends vor dem Fernseher und schaue mir solche Sitcoms an?

“Behalt`.”, drücke ich ihm die Zigarettenschachtel in die Hand, damit er mich in Ruhe weiter grübeln lässt. Es ist auch schon zu spät, um dann doch nicht mehr unfreundlich zu sein – habe heute auch schon zu viel Freundlichkeit am eigenen Leib erfahren; das bin ich gar nicht mehr gewohnt.

“Aber dann haben Sie ja nichts mehr. Ich hätte mir auch Eine gedreht.”, werfe ich ihm nun auch noch mein Feuerzeug entgegen. Ein Anderer, der etwa fünf Meter entfernt steht und dem Bettelnden gerade keine Zigarette abgeben wollte, bietet mir nun großzügig seine Zigaretten an, sieht wohl, dass ich heute mit irgendwas abgeschlossen habe, hofft, dass es nur mit dem Rauchen ist.

Eine Schriftsteller-Freundin würde mir jetzt wieder vorwerfen: “Du schreibst auch trauriger, als du in Wirklichkeit bist, oder?” – “Nein, ich schreibe nur, wenn ich traurig bin.”, wäre jetzt wieder so ein Zitat, was Literatur-Wissenschaftler später nach meinem Tod auf dicken Sammelbändern meiner Kurzgeschichten auf den Einband schreiben lassen würden, damit sie sich besser verkaufen.

“Ich hab aber keine zum Drehen.”, lasse ich mich erschöpft auf die Bank fallen. “Danke. – Aber das Feuer wollen Sie schon noch wieder haben, oder?”, fragt er vorsichtig, aus Angst, wenn ich das Feuerzeug nicht wieder zurück nehme, könnte ich mich vor den nächsten Zug werfen – was totaler Quatsch ist; dafür stelle ich mir viel zu gerne selber ein Beinchen.

In letzter Zeit habe ich festgestellt, dass das romantische Herantasten, das Kennen lernen von zwei Menschen wie eine gute Schach-Partie sein kann, wo jeder Zug im Spiel sitzen muss, jeder seine Strategie hat, um den Anderen nicht vorschnell gewinnen zu lassen. – Ich hingegen werfe, ob absichtlich oder nicht, da muss ich wohl mal meinen Psychiater nach fragen, alle Figuren vom Spielbrett, werfe die Arme in die Luft und rufe: Ich gebe auf!

“Ey, jetzt chill ma. Wo willst du eigentlich grade hin, ma?! Sach doch ma! – Renn doch nich so, ma!” “Wo soll ich denn hin wollen, hä? – Zum Strom, digga!”, antwortet er anscheinend seiner Mutter, oder mutterähnlichen Freundin – hey, i don’t judge.

“Da is abgegrenzter Bereich. Wir haben nur für zweite Klasse, ma!” “Das is Zweite, Mann!”, lassen sie sich jetzt im freien Vierer des Zuges neben mich fallen und atmen schwer, wie es nur Kettenraucher können. The Wombats Give me a try vom Album Glitterbug klimpert schon die ganze Zeit aus ihrem Handy durch den Zug zu mir rüber – Gott sei Dank haben sie jetzt wieder Strom, so kann ich das Album bis Isabel aus ihren schlechten Handyboxen mitverfolgen, während sich meine Gedanken noch in einem Labyrinth befinden.

Als der Eine zur Anderen meint und mich schließlich in meiner Spirale des Selbstmitleids unterbricht: “Ey, ich hab Durst. Ich mach gleich mal dein Wasser leer, ja?”, erwidert sie nur: “Ma, mach doch.”, und reicht ihm ihre Cola-Flasche, die mit Wasser gefüllt ist.

Ich hab genug gehört, lasse mir Adele durch meine eigenen Kopfhörer strömen, genieße die letzten Meter mit dem Zug nach Hause und habe River Lea auf Wiederholung, es trägt mich jetzt durch die letzten Minuten des Tages, bis nach Hause in mein leeres Bett.

Copryright © 2017 Stefan Schürrer


4 Kommentare

  1. Stefan Schürrer

    Anmerkung an die Admins:
    Irgendwie macht das Programm mir zu viele Wörter kursiv. Ich stehe nun schon seit ein paar Texten mit dem Programm auf Kriegsfuß^^
    Kann man da was gegen unternehmen?

    Liebe Grüße
    Stefan

    P.S.: Ich muss an dieser Stelle mal eure Arbeit loben. Wenn das einzige Problem zu viele kursive Wörter sind, dann macht ihr eure Arbeit super!

    1. S. Steinebach

      Schau mal in den Bearbeitungsbildschirm. Wenn du die kursiven Stellen makierst, siehst du oben bei Icons das I (2. Icon von vorn) unterlegt. Einfach draufklicken und speichern und schon sind die kursiven Stellen weg. Ansonsten helfe ich dir gerne, ich müsste nur wissen, ob du alle kursiven Texte in normal verwandelt haben möchtest.

      1. Stefan Schürrer

        In der Anwendung der Technik liegt nicht das Problem. Es ist die Technik selber, die die Einstellung nicht speichert, bzw. einfach zu viel kursiv macht, ohne dass ich es ausgewählt habe.
        Bei diesem Text ist zum Beispiel eigentlich alles nach River Lea nicht kursiv eingestellt, dann speichere ich bzw aktualisiere und wenn ich es mir in der Vorschau angucke, hat er es nicht übernommen.
        Aber dieses Problem können wir auch im Chat weiterführen.

        Danke für die schnelle Antwort.

        Liebe Grüße
        Stefan

  2. Corina Wagner

    Hm, Einzelkinder im Erwachsenenalter werfen oftmals bei Brettspielen alle Spielfiguren mit einer Handbewegung herunter, wenn sie verlieren. Denen wird dann vorgeworfen, sie könnten nicht verlieren, weil ihre Eltern sie früher als sie noch klein waren, immer absichtlich gewinnen ließen. ;-)

    Schriftsteller, Autoren sind für viele Außenstehende seltsame Wesen, denn sie können brutal morden, völlig absurd Suizid begehen, Millionäre oder Obdachlose sein, Schweine oder Butterblümchen züchten oder nur banalen Humbug schreiben, aber auch Anpsruchsvolles mit viel Humor, obwohl sie eigentlich nichts zu lachen haben – alles ist möglich und auch nichts…

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