Literarische Schwärmereien..Teil 1

In lockerer Folge will ich ein wenig über meine persönlichen Leseerfahrungen berichten. Das Ganze ist natürlich rein subjektiv, ohne jeden literaturwissenschaftlichen Anspruch und möglicherweise nicht unbedingt für Dritte interessant. Aber vielleicht findet jemand ein paar Anregungen zur Lektüre. Allerdings gebe ich zu, dass mein literarischer Geschmack nicht sonderlich originell ist. D.h. es sind nur die „Großen“ vertreten. Aber warum? Nun, meine Ausflüge in die Welt der „Moderne“ bzw. der Gegenwartsliteratur oder bestimmter experimenteller Sachen, haben mich eigentlich immer enttäuscht. Die Empfehlungen der Feuilletons und Literatursendungen, von denen ich mich zur Lektüre überreden ließ, endeten mit jeder Menge Bücher bei denen das Lesezeichen etwa auf Seite 50 für immer kleben blieb. Es mag tolle neue Sachen geben, wer hat schon den Überblick, meine Erfahrung ist aber durchweg negativ. Das Zeug „riecht nach Lampe“ wie Lichtenberg mal so schön sagte. Von vornherein fürs Feuilleton geschrieben nichts wirklich ehrlich und echt Erlebtes und Empfundenes. Alles blass und ohne Esprit. Diese Skribenten „wollen“ mit Gewalt Literaten sein. Man spürt Absicht und ist verstimmt. Wie dem auch sei. Letztlich blieb und bleibe ich also bei den „Klassikern“ (im weitesten Sinne) hängen, wohl wissend, dass die auch mal modern und gegenwärtig waren. Dabei gehe ich natürlich nicht nach den Namen und finde auch nicht alle Werke eines bestimmten Autoren gut. Ich betrachte nur das einzelne Werk. Und es gibt „Klassiker“ die ich schlicht komplett liegen lasse (Lessing z.B. oder Wieland und von den neueren G.Grass). Wie schon erwähnt alles sehr subjektiv. Ich habe übrigens keinerlei Bildungsanspruch bei meiner Lektüre. Mir geht es um Unterhaltung. Es ist aber nun mal so, dass die Klassiker eben auch am meisten Lesevergnügen bereiten.
Es sind die vorgestellten Werke die es meiner Ansicht nach, verdienen gelesen, gelesen und immer wieder gelesen zu werden.
Also dann:
Der unvermeidliche Homer steht natürlich am Anfang.
Ich hatte meinen Anschlusszug um fünf Minuten verpasst und vertrieb mir die Zeit in der Bahnhofsbuchhandlung. Dort entdeckte ich eine deutsche Übersetzung von Homers Illias. Da ich natürlich von Homer schon gehört hatte und auch sonst nichts weiter Interessantes zu finden war, dachte ich mir: Na wenn die Literaturhistoriker so von dem Herren schwärmen: Schauen wir mal rein.
In ein paar Tagen war ich „durch“ und völlig überwältigt –ich bin es immer noch. Ich war natürlich neugierig wie sich das Meisterwerk wohl im Original anhören würde (immerhin war es ja ursprünglich eher für Hörer als für Leser konzipiert) und lies mir ein paar Passagen von einem befreundeten Altphilologen im Original vortragen. Ein Erlebnis! Der Wohlklang, die Musikalität, dass Erhabenen der Sprache- unfassbar. Ich brachte mir so viel Altgriechisch bei, dass ich zumindest in der Lage war die Sachen ordentlich laut zu lesen – seitdem bin ich dem Meister verfallen. Das ich dann auch die Odyssee gelesen habe ist natürlich klar. Aber was ist so genial an diesen beiden Werke? Es ist vor allem die Lebendigkeit der Darstellung. Ich kenne keinen Autor, der in gedrängter Form äußeres und inneres Geschehen in solcher unübertroffenen Plastizität darstellt.
Beispiele (aus der Illias Übersetzung von Rupé ,Verlag Artemis, Sammlung Tusculum ):
„Aber sobald die Sonne versank und das Dunkel heraufzog,
Legten sich alle zum Schlaf bei den Haltetauen des Schiffes
Als aber Eos erschien, die rosige Göttin der Frühe,
Fuhren sie wieder zurück zum weiten Lager Achaias.
Günstigen Fahrtwind sandte der treffende Schütze Apollon ,
Und sie erhoben den Mast und spannten die schimmernden Segel.
Voll erfasste die Segel der Wind, und die purpurne Woge
Brandete brausend gegen den Kiel des gleitenden Schiffes;
Also flog es dahin durch die Fluten, den Weg zu vollenden“
Oder:
„…..Heran jetzt brausten die Völker.
Gleichwie Schwärme von Bienen im dichten Gewimmel sich nahen;
Immer neue strömen hervor aus der Höhlung des Felsens;
Denn in Trauben gedrängt, umfliegen sie Blumen des Lenzes“

Und zum Innenleben (Achills Zorn):
„… da faßte Grimm den Peliden, und schwankend
Unter der zottigen Brust , erwog er im sorgenden Herzen,
Ob er, das schneidenden Schwert alsbald von der Hüfte sich reißend,
Alle verjagen sollte und niederhauen den Atriden,
Oder stillen den Groll und die mutige Seele beherrschen.
Während er solches bei sich beriet in der Tiefe des Herzens
Und das gewaltige Schwert schon zückte, da nahte Athene
..“

Wie ein Film ..oder?
Dazu noch die vielen treffenden Gleichnisse und Charakterisierungen und natürlich die Handlung selbst, die in der Odyssee in kunstvollster Verschachtelung dargebracht wird.
Man braucht übrigens keinerlei Vorkenntnisse in griechischer Mythologie.
Einfach Buch aufschlagen und los geht’s.

„ Gleichwie die Blätter im Walde, so sind die Geschlechter der Menschen“
„Unser Wissen ist nichts, wir horchen allein dem Gerüchte”


9 Kommentare

  1. Mmblfrz’s avatar

    Hallo Mmblfrz, ich habe den Artikel umkopiert. Gruß Sigrid

    1. Mmblfrz’s avatar

      Hallo Sigrid: Dank und sonnige Grüße

  2. Stefan Schürrer

    Was können wir also festhalten? Homer geht immer – wieso muss ich gerade an diese kleine gelbe Trickfilm-Figur denken?^^

    Liebe Grüße
    Stefan

    1. Mmblfrz’s avatar

      DER Homer geht natürlich auch immer
      Allerdings sollte er noch ein wenig an seinen Hexametern arbeiten

      Beste Gruesse

      M

  3. Corina Wagner

    Vielen Dank für die literarischen Schwärmereien. Tja, der gute alte Homer hat einst Sprüche losgelassen, die heute immer noch aktuell sind:
    “Mancher Menschen Weltanschauung ist nur eine Geldanschauung.”
    ;-)
    HG
    Corina

    1. Mmblfrz’s avatar

      “Mancher” durch “Aller” ersetzen und wir nähern uns der Wirklichkeit ;)
      Bestens
      M

  4. cassandra2010

    Nein, nein, nein! Nicht dieser H. Omer, der über die perfiden Machinationen des Odel Dysseus hexametert hat! und seine Iiiih Liiii Assss- nix als ideologisch einseitige Griechenpropaganda. Das sagt dir, o du Fehlgeleiteter, die

    Principessa Cassandra, Tochter des großen Priamos und Schwester des herrlichen Hektor

    P.S.: Die Principessa bevorzugt leichte Lektüre; ihr Pompeldur enthält Baudelaire, Rimbaud, Poe und den unvergleichlichen – jetzt hab ich doch den Namen vergessen, wie heißt er noch gleich, seine Werke sind so unvergleichlich auf-re-gend… ach ja, der Marquis de Sade

  5. Mmblfrz’s avatar

    Hera hat mich bekyrkt was sollte ich machen?

    Einen extra Lacher gibt’s für Poe als leichte Lektüre
    Ich lese Kafka um mich vonHomer zu entspannen :)Gruss
    M

    1. cassandra2010

      Gut erkannt, Kafka ist ja auch wirklich be-zau-bernd. Allein schon die Eingangssätze:

      “Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.” Das ist wunderbar leicht, ätherisch-poetisch, nahezu träumerisch…

      Oder: “Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.” Das ist fein beobachtet, sprachlich fein ziseliert und ganz nah am Leser! Rezeptionsästhetisch wahrlich vollkommene Prosa. Hach, Franz, du Guter, du, du sanfter Pööööt!

      ^.*

Kommentare geschlossen.