Alexa´s Hymn

“Jetzt sag doch auch mal was! – Nicht nur zuhören, auch mal was sagen! Wir sehen uns so selten, da kannst du dich ruhig mal am Gespräch beteiligen.”, haut mir Jan brüderlich auf die Schulter, holt mich aus meinen Tagträumereien.

“Ja, tschuldigung! Ich verarbeite noch immer den LSD-Trip von gestern Abend.”, lächele ich verkrampf, in der Hoffnung hier ist das richtige Publikum für solche Witze. – Dabei stehe ich so dermaßen neben mir und bin so fertig, weil ich gestern von der Arbeit gekommen bin und den ganzen Abend über wie ein kleines Kind in mein Kopfkissen geheult habe.

Ich weiß auch nicht, woher das auf einmal kam. Es ist, als ob mir das Leben im Moment zwischen den Fingern entrinnt und je stärker ich zupacken will, desto schneller verschwindet es. Hier eine vielleicht passende Allegorie dazu: In Münster sind ja noch die Skulpturprojekte und bei der Führung, die ich mal mitgemacht hatte, starteten wir vor dem Kunst und Kultur Museum bei dem großen LKW, und die Führerin meinte: “Alle bemerken zwar den LKW, aber keinem fällt die Angst auf, die da auf eines der Gebäudefassaden geschraubt wurde.”

“Ha! – Ok, das ist ein berechtiger Grund, um neben sich zu stehen.”, lacht Jan und reicht mir den Joint. “So, und was machen wir heute Abend?”, frage ich in die kleine Runde, um vom Thema abzulenken. “Genau das selbe, wie jeden Abend Pinky.” “Wir versuchen, die Weltherrschaft an uns zu reißen.”, unterbrechen sich Jan und Philip gegenseitig und beenden jeweils füreinander ihre Sätze, dass wir lachen.

Ich glaube, ich hatte einfach mal Zeit dafür. Wenn man im Alltag ständig gefordert wird, kommt man irgendwann an den Punkt, wo man sich selbst sagen hört: “Das könnt ihr jetzt nicht auch noch von mir verlangen!” – und in diesem Augenblick sollte man alles stehen und liegen lassen, sich umdrehen und nach Hause gehen, ansonsten geht man bald auf dem Zahnfleisch.

Ich selbst hasse mich zum Beispiel dafür, so viel von meinem Umfeld gefordert zu haben; manchmal mehr, als sie zu geben in der Lage waren.

“Habt ihr das mitgekriegt, dass sie Nordkorea jetzt wieder neue Sanktionen aufdrücken wollen, nur weil sie jetzt auch eine Atombombe haben oder haben wollen?”, fange ich ein Thema an. “Wie? – Darf der Kleine keine Atombombe haben? Ich finde es ja ehrlich gesagt total lächerlich. Auf der einen Seite haben wir die westliche Welt mit ihren tausenden Atomsprengköpfen; die haben so viele, die machen sogar zehn oder zwölf Stück pro Jahr verloren!”, nimmt mir Philip den Joint aus der Hand. “Anscheinend dürfen nur die westlichen Mächte ihren Spaß haben! – Apropos Spaß, ich finde dieses Amazon-Gerät einfach zum Fürchten!”, macht Jan in einer fließenden Bewegung sein Glas leer. “Oh Gott, nicht schon wieder! – Du meinst doch nicht etwa Alexa, oder? Damit liegt uns Sarah schon die ganze Zeit in den Ohren.”, “Was tue ich?”, unterbricht sie mich aus dem Wohnzimmer kaum hörbar. “Dich über Alexa aufregen!”, ruft ihr Philip liebevoll erklärend zu.

“Ja, das ist ja auch ein scheiß Ding! Sitzt in deinem Wohnzimmer und zeichnet alles auf! Weiß, was du wann tust und mit wem, weiß, was du magst und du fütterst es auch noch umsonst mit Informationen, dass jeder Stasi-Agent neidisch werden würde.” “Ok, und was machen wir dann jetzt? Gucken wir irgendeinen Film?”, unterbricht Jan die aufkeimende Diskussion und geht ins Wohnzimmer voraus.

“Wie wär´s mit dem neuen Mad Max?”, frage ich. “Den haben wir letztens erst gesehen.”, kontert Jan. “Haben wir? Da kann ich mich gar nicht mehr dran erinnern, war ich wieder so betrunken, dass ich das vergessen habe?”, frage ich sarkastisch. “Hast du das Protokoll der letzten Sitzung nicht bekommen?”, wir haben auch ein Leben ohne dich, erklärt er und behält den Rest für sich. “Aber warte mal, bin ich nicht immer der, der das Protokoll schreibt?” “Tja, wenn du nicht da bist, gibt es wohl auch kein Protokoll.”, lachen alle drei mich auf einmal an und aus.

“Wir könnten 2001 Odyssee im Weltraum gucken!”, gehe ich aber schon wieder die Bibliothek bei Netflix nach einem Film durch. “Oder den Anderen! Hier, Mann, wie hieß der denn noch?!”, meint Philip aufgeregt und dreht sich zu Jan, quatscht ihn voll mit seinem neu gewonnenen Wissen: “Wir haben bei Arte letztens eine Dokumentation über diese Verschwörungstheorie gesehen, dass The Shining nur der Versuch von Stanley Kubricks war, seine Arbeit für die amerikanische Regierung zu verarbeiten. Odyssee im Weltraum soll nämlich der Versuch gewesen sein, dem Publikum den Weltraum schmackhaft zu machen und realistisch zu verkaufen, sozusagen als Probe für die gefakte Mondlandung.”

“Und er soll überall im Film kleine Botschaften versteckt haben.”, lache ich. “Genau! Die Theorie ist, Stanley Kubricks hat für die Regierung die Mondlandung gedreht und in The Shining hat er seine Erfahrungen mit der amerikanischen Regierung verarbeitet und für den Zuschauer überall kleine Hinweise gestreut.”, fasst Sarah unser nervöses Gebrabbel zusammen. “Waaaaaas? – Echt jetzt? Krass, ok. – Dann auf geht`s! Worauf warten wir noch? – Aber, halt! – Fangt nicht ohne mich an!”, stürzt Jan mit einem Kampfschrei in die Küche, holt für uns alle neues Bier.

Die Tage war ich noch auf dem Weg zur Arbeit in Gedanken versunken, schlurfte nur so zwischen den anderen Pendlern den Bahnhofsvorplatz entlang, hatte noch den Traum von letzte Nacht im Kopf, trug ihn sozusagen noch als morgendliche Kopfschmerzen mit mir herum, bis ich endlich meinen ersten Kaffee trinken würde, als dieser Straßenmusiker, ein wirklich begabter Kerl Hymn von Barclay James Harvest spielte und gerade … you stand up there with your head in the clouds don´t try to fly you know you might not come down … sang.

Noch im Büro war ich wie in einer anderen Welt, in meiner Welt – schließlich, bald, in ein paar Tagen (jetzt endlich wieder) würde sich die alte WG treffen, würde sich das alte Chaos wieder in meinem Leben verbreiten und es wäre doch eine Schande gewesen, wenn wir uns in diesem Jahr nicht wenigstens einmal getroffen hätten – und jetzt sitze ich zwischen ihnen und bin doch nicht da.

“it´s gonna be ok”, riet mir letztens noch ein alter Freund; solange wir uns gegenseitig als die kleinen Kinder sehen, die wir tief drin noch sind, von unseren Eltern verzogen, verlassen und im Stich gelassen, geliebt und umsorgt, auf ihre Art versorgt und in die Welt hinaus geschickt, in ihrem besten Gewissen und Wissen, und wenn wir nur zusammen arbeiten, dann kann können wir es auch schaffen, ohne verrückt zu werden, alt zu werden…

“Hier, Trottel!”, hält mir Jan auf einmal die Bierflasche unter die Nase, wirft sich in das eine Sofa und prostet den anderen Beiden neben mir zu, die sich gerade gegenseitig piksen und zum Lachen bringen wie kleine Kinder, als der Film mit seiner Kamerafahrt über das Land beginnt und meine Aufmerksamkeit einnimmt, streiten sie wieder darüber, dass der Anfang des Films genauso wie das Ende des Films ist und dass man das ja übereinander legen könnte und es würde perfekt übereinander passen und … ach, das ist doch völliger Quatsch, wirft der Eine in die Unterhaltung mit ein und sie streiten sich und reden und reden und reden und ich sitze dazwischen, wie ich es immer getan habe und immer tun werde und höre mir ihren Blödsinn an, mit einem Lächeln auf den Lippen.


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