Realpräsenz

Mein Lieblingsschriftsteller Stefan Zweig beendete sein Leben bekanntlich mittels Selbsttötung. Wenn man hier überhaupt von Tötung sprechen kann. Freitod klingt vielleicht noch am besten. Er nahm das Barbiturat Veronal zu sich. Angeblich 25 Stück. Seine Frau folgte ihm freiwillig. Stunden später.

Warum ich den Begriff Tötung in Zweifel ziehe? Ganz einfach: Im Universum verschwindet nichts.
Materie ändert immer nur ihre Erscheinungsform, dessen bin ich mir absolut sicher.
Stefan Zweigs Realpräsenz ist allerdings Vergangenheit. Aber er selbst ist mitnichten tot.
Das Adjektiv (tot) gibt es nur in unserem menschlichen Verständnis – ergo in der Sprache des Homo Sapiens – welche ihm bekanntlich als fantastisches Kommunikationsmittel dient. Stefan Zweig ist eben jetzt da, wo wir alle landen werden, wenn wir die sogenannten irdischen Gefilde verlassen haben.

Wahrscheinlich befindet sich Stefan einfach in einem anderen Universum und existiert dort auf irgendeine andere Art und Weise munter weiter. Echt spannend. Denn am Ende werden wir alle selbst erfahren, wie es weitergeht, denn wir alle werden natürlich Stefan folgen. Todsicher. Manchmal kann ich meine Neugier kaum noch zügeln…

Lesenswerter Welt-Artikel mit einem handgeschriebenen Abschiedsbrief von Stefan Zweig:

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article162270682/Der-wahre-Grund-fuer-den-Selbstmord-von-Stefan-Zweig.html#Comments


3 Kommentare

  1. Mmblfrz’s avatar

    uiuiui Bamulie, schön mal wieder was von Dir zu lesen, aber “heavy stuff”

    auch das vorgehende Poem von Dir..hoff das hat keinen realen Hintergrund.
    Ansonsten halte ich es eher wie Epikur: Der Tod geht uns nichts an, denn solange wir sind ist er nicht und wenn er ist sind wir nicht

    Gruß
    M

  2. Stefan Schürrer

    Kann mich da nur anschließen. Falls es da eine Verbindung zum vorangegangenen Poem gibt, ist es pretty deep. Für sich genommen sind beide Beiträge sehr schön und es ist wirklich schön, mal wieder etwas von dir zu lesen.

    Liebe Grüße
    Stefan

  3. Bambulie

    In der Tat: Gevatter Tod hatte mir bereits seine linke Hand auf die Schulter gelegt. Mittels der modernen Medizin (Endoskopie) wurde er aber bis jetzt davon abgehalten mir auch noch seine rechte Hand auf die andere Schulter zu legen. Dennoch der Sieger in diesem Ringen steht natürlich bereits fest, denn ihm kann ja bekanntlich keiner entkommen. Man kann höchstens Zeit schinden.

    Fazit: Die Reihen lichten sich. Ein Musikerfreund von mir ist mit 67 gestorben. Aorta geplatzt Sekundentod. John bekam natürlich Medikamente, aber er hat die Hälfte weggelassen und stattdessen Knoblauch genommen. Aber dafür ziert eine schöne Gitarre seinen Grabstein.

    Ich halte es mit Marc Aurel

    Aus dem elften Buch

    Welches kleine Teilchen der unendlichen und unermesslichen Zeit ist jedem von uns zugemessen! Und wie schnell wird es wieder von der Ewigkeit verschlungen!
    Welch’ winziges Teilchen der ganzen Wesenheit sind wir selbst, welch’ winziges Teilchen von der Weltseele! Wie winzig endlich ist das Erdklümpchen, auf dem du herumkriechst!

    Das alles beherzige und halte dann nichts für groß, als zu tun, wie deine Natur dich leitet, zu leiden, wie die Allnatur es fügt.

    LG
    Jonathan

    Marc Aurels Selbstbetrachtungen, etwa zwischen 170 und 178 entstanden, gehören zu den eindrucksvollsten Zeugnissen der Weltliteratur. Das erste der zwölf Bücher zählt in der typischen aphoristischen Kürze die Eigentümlichkeiten seiner Lebensanschauungen und Lebensformen auf und benennt jeweils die Vorbilder, denen er sie verdankt. Nicht nur der letzte Stoiker, sondern auch der letzte, der Wesentliches zu schreiben wusste, liegt in Marc Aurels Aphorismen ein Ton der Resignation, gelegentlich der Melancholie. Aber was für Pessimismus gehalten werden könnte, ist tatsächlich Zeugnis von Illusionslosigkeit, Demut, Ernst und nüchterner Wahrhaftigkeit. Frei von didaktischem Eifer, frei von Urteilen über andere Ansichten und Menschen, berührt besonders die große Aufrichtigkeit Marc Aurels sich selbst gegenüber.

    Sie vor allem ließ diesen Kaiser als Ideal eines Fürsten erscheinen, dem Herrscher wie Julian, Justinian oder Friedrich der Große nachzueifern suchten.

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