Vom Eis zum Mitnehmen, Wahlwerbung und anderen Themen

Am Hauptbahnhof traf ich dann Jan endlich wieder.

Ich war nur kurz in der Heimat, kam also gerade von zu Hause, wo ich die dreckige Wäsche in die Waschmaschine gepackt und mir meine Vorfreude von der Seele geschrieben hatte, eigentlich einen Tag Trinkpause einlegen wollte und dann doch im Zug mein nächstes Bier auf und den Laptop aufgeklappt hatte, an meinem Manuskript saß.

Der Typ neben mir hörte lautstark irgendeine DJ-Mukke über seine Kopfhörer, dass man es im ganzen Zug dröhnen hören konnte, aber es war mir egal. Mir war auch egal, dass der Zug brechend voll war, dass der Typ neben mir ständig auf meinen Bildschirm guckte und irgendwo ein Baby schrie, weil es zu warm war, ein Hund unruhig in Kreisen durchs Abteil lief und das Herrin nicht unter Kontrolle kriegen konnte, die Sonne mir den frischen Bierschweiß auf die Stirn trieb.

Als ich Jan zur Begrüßung um den Hals fiel, war er wieder nüchtern genug, um mir eine seiner Anekdoten von seiner Zeit aus Istanbul zu erzählen – er hatte die Ruhe ausgiebig genutzt, nicht so wie ich.

“Die Türken erklären dir, wenn du sie auf der Straße nach dem Weg fragst, voller Selbstbewusstsein den Weg, auch wenn sie keinen blassen Schimmer haben, wo es eigentlich hingeht.” “Stimmt, hattest du schon mal erzählt.”, erinnerte ich mich.

Das Gedächtnis ist schon eine interessante Sache, es erinnert sich an so viel und dann doch nur an kleine Facetten davon, dass, wenn dich jemand fragen würde, du erst einmal schulterzuckend Keine Ahnung sagen würdest, wenn sie dann aber anfangen zu erzählen, du dir am liebsten begriffsstutzig gegen die Stirn fassen würdest: Ah. – Ja, jetzt wo du es sagst!

“So viel Selbstbewusstsein musst du erst mal haben, stell dir das mal vor!”, lachte Jan. “Vielleicht ist deshalb Erdogan so weit gekommen?!”, trat ich gegen eine leere Dose, dass wir in der Fußgängerzone noch mehr Krach machten und sich schließlich ein paar Leute zu uns umdrehten. “Fun fact: Erdogan war mal Busfahrer, vielleicht trauten die Leute ihm deshalb direkt zu, das Land zu führen?”, brachte er mich wieder zum Lachen.

In der Zwischenzeit hatten wir mit den öffentlichen Verkehrsmitteln die Wohnung unseres Gastgebers erreicht und natürlich haben Jan und ich über die letzten Tage geredet, über die letzten Monate und uns über die letzten Jahre ausgetauscht, was wir dazugelernt haben. – Mittlerweile sagten wir oft genug: Ach, das hast du damals damit gemeint!

“Nähe – Die Linke hat auch den Vogel abgeschossen mit ihren Plakaten, oder?”, fing Jan an, als wir die Wohnung wieder fürs Einkaufen verlassen und über das erste Wahlplakat stolperten. “Das Lustige ist, da steht zwar fett Nähe drauf, aber wenn wir näher rangehen, wird es bestimmt kleiner und kleiner, zieht sich vor uns zurück.”, machte Daniel eine geistreiche Bemerkung. “Mir fällt da ein neuer Superheld ein.”, fing ich an, dem ganzen Meta-Gelaber überdrüssig. “Ja?” “Das Sozialchamäleon! Weil es sich jeder Situation so geschmeidig anpasst, ohne etwas von sich preiszugeben.”, erklärte ich. “Wie wäre es mit Egozentrik-Man?”, trat mir Jan unabsichtlich in die Hacken und entschuldigte sich direkt dafür.

“Ehrlich mal! – Es sieht so aus, als hätte ein Grundschulkind mit den Word-Schriftarten rumgespielt.”, kam von Jan beim nächsten Plakat der Linken abfällig, wo das Wort Respekt dick drauf abgebildet war, aber von unten nach oben verschiedene Farben des Regenbogens aufwies. – Ich steckte mir erst einmal eine Zigarette an.

Nachdem meine kindliche Frage Wie lange noch? mit einem So lange, wie wir halt brauchen beantwortet wurde, wandte ich mich an unseren Gastgeber, um mich abzulenken: “Schön hast du´s hier.” “Ja. Zwar ein bisschen groß, mit den vielen Häusern und Straßen, aber man gönnt sich ja sonst nichts.” “Ja, ich find´s ehrlich gesagt ein bisschen dekadent, einen Supermarkt im Garten zu haben, aber wem´s gefällt.”, lachten wir und schlurften gemeinsam die Straße herunter und in die akklimatisierte Atmosphäre des Supermarktes.

Beim Bezahlen an der Kasse fragte mich die Kassiererin, ob sie mein Eispapier nehmen soll. Ich nickte erleichtert: “Ja, bitte – danke.” “Auch nett, er gönnt sich schon das Eis und ihr müsst die Ware einpacken.”, meinte sie zu den Anderen, die den Großeinkauf in Tüten packten und so langsam ins Schwitzen kamen, das Fließband wollte und wollte einfach nicht enden; sie lachten aber nur mit dem Rest der Kunden, in der Schlange wurde ein kleines Mädchen von dem Gelächter erschreckt. Die Oma streichelte ihrer Enkelin deshalb ermutigend über die Stirn, als wolle sie ihr sagen: Ja, lach nur. Du brauchst keine Angst haben.

“Man muss sich das Kind-sein bewahren.”, lächelte ich zur Entschuldigung mit dem Eis im Mundwinkel und bezahlte den Einkauf, dann teilten wir die Tüten unter uns auf, machten uns wieder auf den Rückweg.

“Gott, die FDP hat sich mit Lindner jetzt aber auch übelst zu einem beschissenen Personenkult entwickelt, oder?”, “Tja, wenn man sonst keine Inhalte hat.”, stolperten wir über weitere Wahlplakate. “Oder besser gesagt, wenn die Inhalte nicht gut ankamen.”, ließ Jan noch als Bemerkung fallen, ich hüpfte vergnügt über die Straße: “Ich weiß gar nicht, was sollte da denn nicht ankommen?! - Wir nehmen es den Reichen und geben es den Reicheren - ist doch ein super Wahlkampfthema gewesen. Wieso die damit verloren haben, bleibt mir ein Rätsel.”

Was mich daran erinnerte, dass ich zu Hause die Wahlunterlagen in der Post liegen habe, was direkt zu einer kleinen Meinungsverschiedenheit mit meiner Mutter führte, die felsenfest behauptet hatte, das kleinere Übel zu wählen, ist besser, als gar nicht wählen zu gehen und dadurch die AfD zu unterstützen – ich war da einer etwas anderen Meinung als sie; nicht, dass ich die AfD unterstützen würde, ich hasse menschenverachtende Parteien ebenso wie Leute, die Witze darüber nicht vertragen können, aber dann schaue ich mir doch lieber das Wahlprogramm der anderen Parteien genauer an und entscheide dann, wen ich wähle, denn es gibt genug Parteien, die bestimmt irgendwas für mich im Angebot haben …

Es wird ganz gross, dröhnte es zwischenzeitlich in den Boxen … heute Abend wurde es mit jeder Stunde größer und größer, jede Stunde klingelten weitere Pappnasen und Philip regte sich irgendwann über die Proteste in Charlottesville auf, meinte: “Die Leute aus Charlottesville haben ihre Fackeln aus´m Kik!” “Und die NPD lässt ihre Parteiprogramme in Polen drucken – ein bisschen Standhaftigkeit in ihren politischen Überzeugungen könnten sie ja schon an den Tag legen.”, mischte sich noch einer in die Diskussion ein.

“Ich finde es einfach nur so absurd. – Aber, wenn ich es mir recht überlege, wo soll man sonst heutzutage Fackeln für einen Fackelmarsch herkriegen, wenn nicht aus der Gartenabteilung von `nem 1-Euro-Shop um die Ecke.”, schloss Philip seine Argumentation, dass wir alle lachten.

“Du, sag mal – hast du mittlerweile Zeit gehabt, Speech & Dings auf Netflix zu sehen? Ich wollte da nämlich noch einen Text drüber schreiben und wäre gespannt auf deinen Input.”, richtete ich das Wort an Philip. “Speech & Debate. Ne, noch keine Zeit zu gehabt.”, blieb er kurz angebunden.

Dafür waren die Anderen aber an der Idee interessiert und löcherten mich mit Fragen, dass ich schließlich zu einer Erklärung ausholte: “Das Schulsystem ist für’n Arsch, wenn du mich fragst. Ihr kennt doch mit Sicherheit noch die erste Folge von Rick and Morty, wo der Lehrer vorne steht und seine ganz wichtigen Fragen stellt und die Schüler nur 1-Wort-Antworten raus blöken wie dumme Schafe -” “2+2″, “4″, “Jessica.”, unterbrachen sie mich und lachten.

“Ja, genau. Das beschreibt den meisten Unterricht an den Schulen leider ganz gut, würde ich sagen, wenn die Lehrer zu faul oder zu dämlich sind, um andere Unterrichtsmethoden auszuprobieren, verkommt der Unterricht zu einem Worte-Rate-Spiel. Da finde ich den Film Speech & Debate eine gute Sache, um Kindern eine Alternative aufzuzeigen, sich außerhalb der Schule weiterzubilden – fun fact: Schon in meiner Schulzeit habe ich einen Debattierclub an meiner Schule ins Leben gerufen, wir haben uns zwar nur ein paar Mal ernsthaft getroffen, den Rest der Zeit waren wir in der nächstbesten Kneipe, um uns zu besaufen, aber von der Idee her war das Ganze nicht so dumm. Über aktuelle Sachen reden, voneinander lernen, sich eine eigene Meinung bilden und auch dazu stehen, das sind Dinge, die jeder irgendwann lernen sollte und diese Botschaft bringt der Film gut rüber.”

Später saßen wir natürlich noch vor den Rechnern, hatten ein paar Runden Age of Empires gezockt, hatten Filme schlecht gemacht im Stil von Mystery science theater 3000, hatten Nintendo 64 Klassiker eingeworfen und saßen irgendwann gemeinsam auf dem Balkon, bis die Sonne unter ging und länger, bis sich der nächste Tag wieder ankündigte, die Sonne sich hinter den Häusern zeigte und den Himmel in bunte, wache Farben tauchte.

“Irgendwelche Musikwünsche?”, fragte einer von drinnen. “Mach doch mal Blank and Jones.” “Ne, mach mal July von Boy.”, rief einer überzeugter rein. “Du weißt aber schon, dass es beim E-Sports als legitime Taktik gilt bei AOE die Dorfbewohner des Gegners einzumauern, um seinen Gegner zu schwächen?”, fragte Jan, als Anspielung auf meinen letzten Text.

“Wisst ihr, ich hab letztens einen Zukunftsforscher auf Youtube gesehen, … ” “Ha! – Zukunfsforscher, sowas gibt es?”, unterbrach mich Jan direkt. “Ja, und der hat Politiker zum Grundlosen Bedingungseinkommen … ” “Bedingungsloses Grundeinkommen.”, unterbrach er mich wieder, verbesserte mich wie so oft über die Jahre. “Was? – Ach so, ja. I did it just for the laughs – oder wie würde Philip es jetzt wieder ausdrücken.”, “Hey, lass mich da raus.”, erwiderte der nur.

“Der Zukunftsforscher hat auf jeden Fall Politiker danach gefragt und mit Sarah Wagenknecht darüber geredet und ihr in diesem Zusammenhang den Kommunismus erklärt; wahrscheinlich, um sie zu provozieren und eine ehrliche Antwort aus ihr raus zu kriegen und meinte halt, Marx´s Idee war damals ja, dass du sowohl morgens Fischer, als auch abends König sein kannst und was die Beiden in ihrer anschließenden Diskussion nicht verstanden haben, wo doch wirklich das Problem liegt, ist doch: Wenn du keine Ahnung hast vom Fischen und sie dich trotzdem Fischen schicken würden, du fischen darfst.”, regte ich wieder eine Diskussion unter den anwesenden, betrunkenen Gästen an.

Philip erklärte mir schließlich, dass man Fischer ja nicht alleine aufs Boot lassen würde. Da sind ja immer Fischer bei, die helfen würden, sich gegenseitig Tipps geben könnten.

“Sag mal, warum hast du damals die Blume, die Corina dir geschenkt hatte, bevor ich ins Ausland gefahren bin, eigentlich so lange aufbewahrt, obwohl sie zwischendurch schon eingegangen war, um sie dann vor meinen Augen wegzuwerfen, als ich wieder zurück kam?”, fragte Jan jetzt vorsichtig zum ersten Mal.

“Vielleicht, weil alles eine große Metapher ist?”, gab ich als Breitseite zurück, was in gewisser Weise ja auch stimmte. Alles kann im Nachhinein eine Metapher sein, wenn man geschickt genug argumentiert – um ehrlich zu sein, weiß ich die meiste Zeit doch selbst nie, was ich da gerade tue, sondern vertraue nur, wahrscheinlich wie jeder von uns, auf mein Bauchgefühl, kenne ein paar Fakten und richte mein Handeln danach aus; manchmal schieße ich damit übers Ziel hinaus und manchmal liege ich damit auch richtig.

Daniel, dem unser übliches Spiel nicht fremd war, der es aber so langsam durchschaut hatte, fragte mich schließlich forschend: “Kennst du eigentlich Der Mondmann mit Jim Carry? – Der lief gestern im Fernsehen.” “Ne, kenn ich nicht. Hab ich nicht gesehen, hat der was mit dem Lied Man on the Moon zu tun?”, zuckte ich desinteressiert die Schultern.

“Mh, ja – irgendwie schon.”, wurde er still und die Gegend lag heute zum ersten Mal ruhig vor uns, dass du dieses nächtliche Wummern der Großstadt klar wahrnehmen konntest, du hörtest das Brummen eines großen friedlichen Lebewesens, dass langsam aus seinem Schlaf erwachte.

“Wie ich das vermisst habe … “, flüsterte ich.

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