Eine deus ex machina für den Seelenfrieden

Ich komme am Bahnhof an und bin erschöpft, erschöpft vom Zugfahren, vom Wochenende und sowieso vom Alltag und von den Menschen – kurz: ich bin erschöpft vom Leben; trotzdem entscheide ich mich dazu, zu Fuß nach Hause zu gehen.

Ich brauche keinen digitalen Schrittzähler, der mir sagt, ich habe heute noch zu wenig Schritte gemacht; ich weiß auch so, dass ich ein fauler Sack bin. Mir wird es ganz gut tun, so laufe ich mir auf jeden Fall den Kater von der Seele und bin für das Familienfest nachher nüchtern. Da ist es halt nun nur etwas kontraproduktiv, dass ich mir schon wieder ein Bier für den Weg gegönnt habe, aber was will man machen – was muss, das muss, schmunzele ich.

An dutzenden Geschäften komme ich vorbei, alle haben Sonntagmorgens geschlossen. Die Zeiten aber, dass meine Heimatstadt ein perfekter Drehort für Zombiefilme wäre, sind nun auch vorbei – unter der Woche pulsiert es vor Leben, auch jetzt sieht man einige aufrechte Bürger ihren Sonntagsbummel machen.

Zwischendurch halte ich mal an, wische mir den Schweiß von der Stirn und schultere meine zerfleddernde Reisetasche noch einmal richtig, werfe sie mir über die Schultern und die Zigarettenstümmel auf die Straße; ich weiß, sowas macht man nicht, aber es stehen eindeutig zu wenig Mülleimer in der Gegend herum, lege ich mir selbst als Ausrede zurecht, auch wenn es gar nicht stimmt.

Nun haben wir selbst in meiner Heimatstadt einen Escape-Room, lohnen die sich finanziell überhaupt? Du machst das einmal und dann kennst du ja das Programm, was soll man da dann noch neues lernen? – Oder verändern die immer wieder die Inhalte, sodass man immer neue Abenteuer erleben kann?

“Try 2 escape”, ist das jetzt eine Aufforderung, eine Drohung oder eine Einladung?

Als ich Zuhause unter der Dusche stehe und mir den Bass-Riff von i will possess your heart von Death Cab for Cutie auf den Kopf rieseln lasse wie warmes Wasser, kommen die Gesprächsfetzen des Wochenendes wieder hoch; ich habe wirklich versucht den politischen Gesprächen soweit es ging aus dem Weg zu gehen, auch um mir mein Seelenheil zu bewahren, aber einiges habe ich dann doch aufschnappen müssen.

“Ich hab mit siebzehn Prozent für die AfD gerechnet, bin also eigentlich positiv überrascht worden.”, stolperte ich sprichwörtlich in die Diskussion der Raucherecke. “Echt? – Ich mit neun Prozent.”, “Ich hab mittlerweile das Gefühl, die Welt ist 2012 untergegangen; wir haben es nur nicht gecheckt – schaut euch doch nur mal an, was alles schief läuft!”, “Die SPD ist doch freiwillig in die Oppositionsrolle geschlüpft, um der AfD die führende Position in der Opposition wegzunehmen und sie so klein zu halten – alles ein rein taktisches Manöver.”, rauchten sie sich gegenseitig die Köpfe voll.

Nachdem ich an meinem Tisch ein Gespräch auf gewohnte Art und Weise sabotierte, diesmal musste Philip dran glauben, erzählte eine Koreanerin, in ihrer Kultur sei es eine Sache von sprachlicher Grammatik den älteren Bürgern Respekt zu zollen, so wie sie mit ihrer Mutter redet, könnte sie mit niemandem sonst reden; ich musste mir verkneifen, dass Respekt immer erarbeitet werden müsse, alles andere ist hohles Gehabe und Autoritäten, die sich alleine darauf berufen müssen, Autoritäten zu sein, um sich durchzusetzen, haben bei mir sowieso direkt verschissen; ich will mich auch nicht direkt unbeliebt machen.

Es ist eine komplett andere Kultur und da herrschen andere Sitten, ich halte mich zurück – reicht ja auch schon, dass ich mir den Schuh zur Frage nach guter Kunst oder schlechter Kunst angezogen hatte, die einer an unserem Tisch stellte, der zu jedem Thema mal ein Seminar belegt hatte, sei es Bogenschießen oder Kaffee kochen, er wusste immer direkt mit Wissen zu glänzen. Guten Kaffee machen die Bohnen aus, bei teurem Kaffee werden vorher die schlechten Bohnen raussortiert; du bezahlst wirklich nur die Sortierung – so unterhielt er die Massen.

Ich hatte meinem Sitznachbarn, einem von Der Partei, erklärt, dass gute Kunst immer neue Wege einschlägt und die Genre-Grenzen zu sprengen vermag. Er schien von dem Moment an einen Narren an mir gefressen zu haben, als ich diesen alten Internet-Witz aufgegriffen hatte, dass Politiker doch bitteschön wie Fußballspieler ihre Sponsoren auf der Kleidung tragen sollten und ich hatte einen Narren an ihm gefressen, weil er des Wahlkampfes müde war, sich amüsieren wollte.

Die Kunst-Theorie begründete ich mit Neil Gaiman´s Sandman und der Rolle von Shakespeare, die er darin spielt, die Gaiman darin kreiert.

Ich erzählte, schon ziemlich beschwipst von der guten Stimmung, zum Ende des Abends, dass Shakespeares Sohn über Shakespeare redet und behauptet, Shakespeare ist nicht mehr wirklich da, er kann den Tod eines Angehörigen zwar empfinden, aber nicht mehr als Mensch, sondern nur noch als Writer-Material. Und als Kit Marlowe, der Freund von Shakespeare, gestorben ist, hatte er keinen mehr zum Reden und ist in seine Welten geflohen und am Ende meines Gebrabbels entschuldigte ich mich mit den Worten: “Schau dir einfach das Video von nerdwriter dazu an, der hat es besser erklärt als mein unzusammenhängendes Rumgestotter gerade.”

“Danke für den Tipp – ich mag übrigens Delirium, die Schwester von Dream – die ist zwar ein wenig verwirrt, aber total super drauf.”, lachte er nur und machte mir wieder Mut, erzählte mir dann von einem anderen Comic, Maus, ein Comic über Auschwitz, wo die Nazis Katzen, die Juden Mäuse und die Polen Schweine sind.

Es spielt wohl auch in mehreren Zeitzonen und erzählt nicht nur die Geschichte des Sohns, der die Marotten seine Vaters ertragen muss, sondern auch in der Zeit des Vaters, der in Auschwitz von den Nazis gequält wurde.

Familienfeiern sind immer wieder etwas schönes, muss ich mir einreden, als ich an der Tür stehe und die Klingel durchdrücke. Schließlich liefern deine engsten Familienmitglieder die Prototypen der Menschenbilder, die du im späteren Leben treffen wirst; du wächst mit ihnen auf. Du gehst von da an durchs Leben und sagst dir, dieser Typ von Mensch ist mir vertraut, den kenn ich schon, die kommt mir irgendwie bekannt vor – ich würde mir nur wünschen, wenigstens meine Familie würde nicht so tun, als wären sie Woody Allen auf Crack und über Dinge sprechen, indem sie über andere Dinge reden.

Ich sitze mit meinem Cousin zusammen, der Experimental-Physik studiert. Er erzählt mir von dieser Ausstellung, die er mitgemacht hat und von den dummen Leuten, die vorbei gekommen sind und solche Fragen zum Versuchsaufbau stellten wie: Ist das nicht gefährlich, wenn sie hier mit Strahlung arbeiten?, Habt ihr keine Angst, den Planeten in die Luft zu jagen mit eurem Teilchenbeschleuniger? – Also ich glaube ja, dass das gefährlich ist; würden sie selbst den Worten der Profis keinen Glauben schenken, regt er sich auf.

Philip schreibt mir aber gerade, dass er die letzte Folge Rick and Morty endlich gesehen hat und es gut fand, wie sie mit dem Problem des übermäßigen Gebrauchs von deux ex machina umgegangen sind, dass Morty eine Anspielung darauf gemacht hatte, als der Vater seine Beziehungsprobleme damit lösen konnte, denn mittlerweile wurde es wirklich offensichtlich. Irgendein Problem tritt auf, die Charaktere kreisen um ihre Beziehungsprobleme wie Fliegen um die Scheiße und von irgendwoher kommt gerade zur richtigen Zeit zum Ende der Folge eine deux ex machina daher und alles ist wieder tipptopp.

Ich hatte ja schon länger die Theorie, dass Bojack Horseman eine bessere Serie ist, da, wenn man keine Aliens hat, man eben eine bessere Story abliefern muss; aber diesen Vergleich konnte er so nicht unterschreiben; er fand ihn witzig, wie Zombies jedes Computerspiel besser und Nazis jeden Kriegsfilm besser machen, aber mehr auch nicht.

Obwohl er eingestehen musste, dass Bojack Horseman die vierte Wand besser durchbricht, als Rick and Morty das je tun könnten, irgendwie subtiler, – meinte er letztens noch – nicht so on the nose, aber da hatte ich leider schon nicht mehr zugehört und mir den Sonnenuntergang auf ihrem Balkon angeschaut, während Sarah sich im Bad für die Party fertig machte, hatte ich mich in diesen abendlichen Farben verloren, hatte mich auf meine Atmung konzentriert, hatte ein – und ausgeatmet und bin für einen Moment wirklich zur Ruhe gekommen.

Mein Cousin fragt mich, auch um meine Aufmerksamkeit wieder zu erlangen, wie man mit solchen Leute umgehen soll und mit meiner Erklärung, dass du den Leuten auf den Zahn fühlen musst, ihren Glauben hinterfragen musst, sie solange sprechen lassen musst, bis sie sich selber widersprechen, ist er nur teilweise zufrieden.

Als dann auch noch seine Mutter, meine Tante, fragt, wie man mit asozialen Kindern in der Hausaufgabenbetreuung umgehen soll, habe ich den Kaffee endgültig auf. “Da muss man ein dickes Fell entwickeln.”, antworte ich nur kurz angebunden und verständlicherweise meint sie: ”Es ist nur schade um die, die wirklich lernen wollen.”

Natürlich hat sie da Recht, aber diese Verantwortung kann man nicht bei Nachmittagsbetreuerinnen abtreten, da hat das System bei den Kindern schon von klein auf versagt, so einfach ist das – ob das jetzt schlecht ist, ist eine andere Frage.

Mein Kopf raucht, ich sitze unruhig am Esstisch, stochere in meinem unappetitlichen Kuchen auf meinem Teller herum und frage meinen Cousin, ob er die letzte Folge South Park gesehen hat, die mit Tweek, Trump und Twitter, und weil er meine Frage verneint und ein anderes Thema anfangen will, starre ich nur auf den Boden meiner Kaffeetasse und ergreife die Chance, als mein Bruder aufs Klo geht, sich deshalb bei mir vorbei quetscht, mich zum Aufstehen zwingt, und verabschiede mich, mache mich zu Fuß auf den Weg nach Hause und habe für heute bestimmt meine empfohlenen neuntausend Schritt zusammen.

Copryright © 2017 Stefan Schürrer


3 Kommentare

  1. Corina Wagner

    Was tut man nicht alles für den Seelfrieden?
    Viele sind erschöpft, ihnen raucht der Kopf und sie würden sich zugern wegbeamen. Der “innere Schweinehund” wird dann doch noch überwunden und man rafft sich auf, um die liebe Verwandtschaft nicht zu entäuschen, aber der Kopf ist dann doch nicht bei der Sache…, denn das Debattieren strengt an.
    Man ist dann froh, wenn man frühzeitig wieder gehen kann, um Abstand zu gewinnen wenn man dann überhaupt kann… Gedanken kreisen, belasten…
    Liebe Grüße
    Corina

  2. Stefan Schürrer

    Danke für den Kommentar, Corina. Schön, dass du den Text verstanden hast. – aber nach ein paar Tagen muss ich zugeben, es war nicht meine beste Arbeit.

    Der Text hatte viel mehr Potenzial! Ich hätte zum Beispiel viel mehr auf die Sandman Comics eingehen können und unter Anderem die Bedeutung von Delirium für die Geschichte herausarbeiten können, viele Kritiker sagen ja, Delirium sei in ihrer eigenen Logik die intelligenteste der “Endless”; hätte noch viel mehr auf die Inhalte von Sandman eingehen können, dass Neil Gaiman sich zum Beispiel für den groben Storyaufbau bei den Mythen und Legenden bedient und nicht nur altbekannte Götter und Dämonen in seiner Geschichte verarbeitet hat, da hätte man dann auch auf den Comic-Ableger von Lucifer eingehen können, der in Sandman eingeführt wird und die Amazon(?)-Serie dazu, die dann wiederum einen schönen doppelten Boden zur Moral der Hauptfigur geschaffen hätte, die ja auch irgendwie über Leichen zu gehen scheint … ach, so viel ungenutztes Potenzial alleine im Neil Gaiman-Teil!^^

    Schönen Abend noch
    Stefan

  3. Ostello Jaeger

    tja, finde einen standpunkt, aber sei mittendrin, wasch mich, aber mach mich nicht nass,
    zeige dich, aber sei keine zielscheibe& fällt mir ein, der unfrieden ist allemal gesichert, das infantile bricht durch, aber das ist nur meine bescheidene erfahrung, zu gewissen familienfeiern…
    hg

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