Zugabe für alte Freunde

“Schade, dass er heute nicht kann.” “Ja, er meinte sowas wie, er muss noch unbedingt diese Klausuren korrigieren.”, warf ich meine Jacke in die Ecke und setzte mich im Schneidersitz aufs Sofa.

“Ach, die sind doch schnell korrigiert – ein paar weinende Sonnen für schlechte Leistungen und lachende Sonnen für gute Leistungen und bums, fertig ist die Kiste.” “Ha, und bei einigen gibt es dann fünf weinende Sonnen und eine lachende Sonne, weil es so traurig ist, dass es schon wieder lustig ist.”, bediente ich mich bei den Katzenleckerli, um die übliche, anfängliche Scheu der beiden Hauskatzen mit hohler Bestechung zu überwinden – ich habe schon immer gesagt, wenn man mit einer Geschichte nicht voran kommt, sollte man sich die Beine vertreten; was bietet es sich da mehr an, als alte Freunde zu besuchen?

“Oder es gibt drei verschiedene Sonnen. Eine lachende Sonne, eine weinende Sonne und eine vor Lachen weinende Sonne – Gott, wir müssen ihn das nächste Mal wirklich mal fragen, ob er nicht vielleicht doch Aufkleber unter die Arbeiten seiner Kinder setzt, dass wär’ schon der Hammer!”, schüttelte er nur über meinen ersten fehlgeschlagenen Versuch den Kopf, die ältere Katze mit einem Stück Leckerli auf meinen Schoß zu locken, und setzte sich ebenfalls, bot mir im gleichen Atemzug noch was zu trinken an.

Wir machten noch ein paar schulrelevante Witze, ob die Kinder von heute überhaupt noch Zettel zum Ankreuzen rumgeben mit Willst du mit mir gehen? Ja [ ] Nein [ ] Vielleicht [ ] oder ob sie sich das auf den Handys zu schicken? Oder ob sie die Handys wie Spickzettel rumgeben? Und dann, ob der Mülleimer am Ende der Schulstunde voller Handys wäre … danach quatschten wir noch über den neuen Blade Runner, soll ja Harrison Fords Musterrolle sein, wie für ihn gemacht und das ja bald schon wieder ein neuer Star Wars Film in den Kinos kommt und welchen der neuen Star Wars Filme ich denn nun am Besten gefunden hätte, fragte er schließlich.

Und was wären alte Freunde, wenn sie nicht deine dummen Sprüche durchschauen würden, durch dich hindurch schauen wie auf den Grund eines klaren Sees – was er sah, machte ihm Angst, dass konnte ich spüren; aber er war auch fasziniert von dieser Angst, das sah ich in seinem Blick – oder projizierte ich gerade wieder meine eigenen Gefühle auf mein Gegenüber?

Er musste wohl ahnen, dass ich mich beinahe panisch davor fürchtete, ein normales Leben zu führen, weil es nie an meine Träume heranreichen kann, ich musste enttäuscht werden, da ich mir doch schon früh die Fähigkeit angeeignet hatte, mich in meine Fantasiewelten zurückzuziehen, wenn es in der echten Welt für mich zu heikel wurde, verabschiedete sich mein Gehirn, zog die Reißleine und gab die Realität auf, so musste ich doch schlussendlich enttäuscht werden, wenn das bunte Feuerwerk am Himmel nicht dieselbe Strahlkraft hat wie aus meinen Träumen oder der Schnee nicht auf meiner Haut kitzelt, sondern nur ein stumpfes Gefühl der Kälte zurücklässt.

Ich wiederholte nur das, was ich bei meinem Bruder vor ein paar Monaten noch kritisierte, dass die Szene am Ende von Rouge One mit Vader fantastisch war und als ich mich noch fragte, ob ich mittlerweile nur noch zu einem Fähnchen im Wind der Modernen Zeiten geworden bin, kam er damit um die Ecke, dass er die gängigen Kritiken so auch unterschreiben würde, dass die Szene mit Vader cool war, es aber sonst natürlich kein üblicher Star Wars Film war, weil ja zum Beispiel der ikonische Schriftzug am Anfang gefehlt hatte und eigentlich reichte ihm meine Antwort auch – er verlangte nicht mehr von mir und redete nur noch um des Redens Willen.

Am Ende waren wir uns aber einig, dass es einfach toll ist, neue Filme aus dem Star Wars Universum sehen zu können. Dann fragte er mich, ob ich jetzt unter die Comic-Nerds gegangen bin und ich erklärte, dass ich seit Sandman einen kleinen Fetisch für gut erzählte Geschichten habe und vorher einfach dachte, Comics sind nur die üblichen kleinen Heftchen vom Bahnhof; dass es auch in diesem Medium gut erzählte Geschichten gibt, hat mich positiv überrascht, gestand ich – daraufhin kramte er voller Eifer alle möglichen Comics hervor, ich hatte mittlerweile die Katze auf dem Schoß, ließ mich von seiner Comic-Sammlung berieseln, hörte mir aufmerksam die verschiedensten Plots an und blätterte durch die unterschiedlichsten Art-Cover.

Bis er mich fragte, wie ich denn mit meinem Manuskript voran kommen würde, kraulte ich die Katze hinter dem Ohr und ließ ihn reden.

“Ganz gut. Zum ersten Mal ist meine Arbeit authentisch, würde ich sagen. Aber ich komme im Moment nicht ganz weiter mit einem Text. Ich weiß nicht, welche Schiene ich fahren soll. Ob ich ein paar Sachen aus meiner Kindheit erzähle, wie ich es für den Auftritt bei MenschMünsterMensch gemacht habe oder ob ich nur bloße Geschichten erzählen soll oder ob ich eine Geschichte erzählen soll und dann noch erzähle, wie diese entstanden ist …” “Wow!”, machte er eine Explosionsgeste mit seinen Händen vorm Kopf, und zog die nächste Explosion übertrieben dramatisch in die Länge: “Paaaaauuow! – Also, ich würde mit meiner bescheidenden Meinung glatt sagen: Mach doch alles drei.” “Ja, meinst du? Ich weiß nicht, … mhh … ich …” “Was ist?”, hing er mir an den Lippen.

“Ach, nichts – mir fallen die passenden Worte nicht ein, ‘tschuldigung.”, streichelte ich die Katze noch ein letztes Mal, dann kratzte sie mich genervt, wie es Katzen manchmal aus einer Laune heraus tun, und sprang von meinem Schoß.

“Ich weiß, ich weiß; ein Schriftsteller, dem die Worte fehlen.”, machte ich noch eine Bemerkung, die im Katzengejammer aber unterging. Dann ist mir noch die Nerf-Gun aufgefallen, die jeder gut geführte Haushalt haben sollte, darüber lachte er, dann merkte ich noch an: “Falls der dritte Weltkrieg ausbricht, bist du wenigstens gut vorbereitet!”

Als er mich als Zielscheibe missbrauchte, unterhielten wir uns über die unterschiedlichsten Munitionsarten und ich gab ihm den Hinweis, dass nicht alle Pfeile, falls er sich mal Nachschub kaufen will, zu allen Nerf-Guns passen, weil sie unterschiedliche Generationen von Waffen auf den Markt geworfen haben, um natürlich mehr Geld damit zu machen und dann fragte er mich schließlich noch, woher ich sowas nur immer wissen würde.

“Ach, das ist bloßes Cocktailparty-Wissen; was man halt so auf Partys aufschnappt.”, “Dann gehst du wohl auf die richtigen Partys! – Ich will auch!”, lachte er wieder und ließ die zwei Katzen, die an seiner Zimmertür kratzten, schließlich raus.

“Die eine denkt sich wahrscheinlich auch, voll unfair, dass nur die andere Katze verwöhnt wird.”, warf er ihr noch ein ausgleichendes Leckerli zu, dann waren beide Katzen die Treppe runter verschwunden.

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