Der Bericht über den Inklusiven Kulturtag in Köln

Die Veranstaltung warb damit, dass die Zeit reif sei für Kulturelle Vielfalt für alle, mit Fragezeichen und Ausrufezeichen.

Kultur traf auf Politik und Künstler*innen auf Veranstalter, um gemeinsam Ziele für einen erfolgreichen inklusiven Kulturstandort Köln zu entwickeln und mit konkreten Maßnahmen umzusetzen – so der Flyer.

Die Eröffnung war an die Präsentation der Ergebnisse des “Runden Tisches” für inklusive Kultur gekoppelt. Über ein Jahr haben sich fünf Arbeitsgruppen getroffen, die alle bestimmte Ziele hatten, um ein Konzept für ein mehrjähriges inklusives Kulturprojekt zu entwickeln und zu präsentieren, welches ein nächster Meilenstein auf dem Weg zu einem dauerhaften inklusiven Kulturstandort in Köln sein wird – soweit so gut.

Hört sich erst mal langweiliger an, als es in Wirklichkeit war. Kulturmanagementstudenten im Umgang mit behinderten Künstlern zu schulen oder die Teilhabe von Behinderten in künstlerischen Ausbildungen und Studiengängen voranzutreiben, sind aber wichtige Punkte und sollten schon längst bundesweit funktionieren.

Die Idee der Erfahrungsexperten, die von einer Arbeitsgruppe entwickelt wurde, Experten in ihrem Schicksal, die dem Kulturbetrieb zum Beispiel beratend zur Seite stehen, stieß erst einmal auf fragende Blicke; dazu aber später mehr.

Leider ging es in der abschließenden Diskussion wie heutzutage anscheinend immer zuerst darum, ob die Diversität der Arbeitsgruppen auch eingehalten wurde und wer denn alles in den Arbeitsgruppen vertreten war, ob auch genug Menschen mit Einschränkungen daran teilgenommen hätten und als die Bestätigung kam, dass auch Menschen mit einer Behinderung in den Arbeitsgruppen saßen und voneinander profitierten, konnte sich das Publikum auf die nächste ebenso wichtige Frage stürzen, ob man den Begriff “disabled art” nutzen kann und ob man nicht lieber einen deutschen Begriff dafür benutzen sollte und ob nicht schon Inklusion als Begriff falsch gewählt sei und ob man es nicht besser kulturelle Vielfalt nennen soll; aber auch da ist Vielfalt falsch gewählt, die Betonung sollte hier auf Faltigkeit liegen und nicht auf das Viele (oder war das jetzt doch andersherum?); statt die Zeit kostbar zu nutzen und über die wirklichkeitsgetreue Umsetzung der Arbeitsgruppenziele zu reden, fachsimpelten sie die meiste Zeit darüber, was politisch korrekt wäre und was nicht – ich dachte mir nur die ganze Zeit, wie gut, dass das nicht meine Baustelle ist und bin erst mal pissen gegangen.

In der Mittagspause habe ich mich dann einer kleinen Gruppe, angeführt von Maximilian Dorner, angeschlossen, er fragte mich direkt, was ich von der Präsentation halten würde – als wenn meine Meinung wichtig wäre – und als ich erwiderte, dass es ja schön und gut ist, dass wir jetzt mal alle hier versammelt sind und über so wichtige Themen reden, am Ende läuft es aber immer darauf hinaus, dass man Fördergelder braucht.

Das machte ihn erst einmal stutzig, er flüsterte nachdenklich, ob es nicht darum geht, wie die Fördergelder eingesetzt werden, dann fragte er seine Nachbarin, ob der und der Künstler gar kein politisches Konzept hätte und das der und der Künstler ihn absichtlich auflaufen ließ, damals einmal und jetzt noch einmal, dass die Anwesenden lachten.

Ein Fotograf erzählte dann, dass sie ja jetzt ein relativ geiles Projekt auf die Beine gestellt hätten und so weiter und sofort und erwähnte, dass die Finanzierung leider nur auf ein halbes Jahr beschränkt sei, dass man unter diesen Bedingungen leider nichts gescheites auf die Beine stellen könnte, dass auf Dauer in der Gesellschaft Anstöße schaffen würde, weil man so eben nicht planen kann – das sagen dir alle Kulturschaffenden, wenn du sie fragst; aber am Ende, wenn es darum geht, dass die schwarze Null gesichert werden soll, wird immer zuerst bei der Kultur gespart und die Kulturschaffenden müssen dann sehen, dass sie mit ihren wenigen Mitteln großes Erreichen.

Mein Sitznachbar, ein Vater eines Down-Syndrom-Kindes, schwärmte noch vom Workshop der Akademie inklusive Künste Wuppertal, der nach dem Essen beginnen sollte, da meinte eine am Tisch, dass es ja sooo schade sei, dass die Podiumsdiskussion zur gleichen Zeit wie die Workshops laufen würde, so müsse man sich halt entscheiden.

Um meinen Fauxpas vorher am Büfett gegenüber Maximilian Dorner wieder gut zu machen, als er nämlich fragte, weil er eben im Rollstuhl sitzt und nicht in die Töpfe gucken kann, was es denn geben würde und ich stumpf ohne zu überlegen, in der Schüssel da ist Salat, antwortete, ging ich jetzt noch ein bisschen in die Materie und erzählte, dass die inklusive Kultur ja ein schönes, wunderbares Neuland sei, dass so viele tolle Möglichkeiten bietet; aber wenn ich dann höre, dass sich zum Beispiel bei der leichten Sprache die Wissenschaftler der Museen querstellen, weil dann so viel verloren gehen würde, wurde er wieder hellhörig.

Mein Sitznachbar erzählte noch von den letzten Skulptur-Projekten in Münster, von dem großen LKW, der vor dem Kunst und Kultur-Museum stand und eigentlich eine Reaktion auf die Kunst eines anderen Künstlers war, da wusste ich, den Typ mag ich.

Nach dem Mittagessen und vor dem weiteren Programm hatte ich etwas freie Zeit, in der ich unschuldig mit einer Veranstaltungsassistentin geflirtet habe und mich schließlich mit zwei alteingesessenen Sonderschullehrerinnen unterhielt, die Eine davon war mir sympatisch, die Andere nicht so.

Die Andere war mit ihrer reizenden Tochter da, die das hier fürs Masterarbeitsthema gebrauchen könne und die beiden Älteren sind einfach mit; naja, und dann gibt es ja noch einen eigenen beruflichen Bezug zu der Sache, erwähnte die Eine mit einem Lächeln auf den Lippen.

Die Eine erzählte mir auch, sie sei immer für inklusive Kultur gewesen, wurde vor zwanzig Jahren seltsam angeguckt, als sie mit ihren Schülern Opern durchnehmen wollte, kamen die Sprüche, ob Schlager nicht ausreichen würden.

Die Andere, nachdem ich mich als behinderter Künstler vorstellte, als eben einer jener Erfahrungsexperten, wovon sie heute Morgen schon geredet hatten, nämlich einer, der sein Schicksal akzeptierte, daran gewachsen ist, damit aufgewachsen ist und es für sich verstanden hatte, nun mit einer Lektion für andere Menschen aus der ganzen Sache herausgekommen ist, woran auch sie wachsen könnten, – (das war ja das Thema meines mitgebrachten Textes) – fing dann aber mit diesem dummen Kinderspruch, diesen Mythos aus der Schule, aus dem Pädagogikunterricht, an: “Was ist Mut?”

- für die, die diese dumme Geschichte nicht kennen: Ein Lehrer stellte die Klassenarbeit mit der einfachen Frage: “Was ist Mut?” und ein Schüler schrieb genau drei Worte, stand auf und verließ den Klassenraum, bekam am Ende eine 1 Plus! Was hatte er geschrieben? Einfach: Das ist Mut.

Ich glaube, zwei Jungs neben mir im Zug zurück hatten es, ohne davon zu wissen, ganz gut beschrieben: “Da muss man sich doch mal fragen, in wie weit das Verhalten Absicht war, sich im eigenen Strafraum auf Asche abzulegen, … “, denn ich hab direkt gemeint, dass das ja genauso sei wie bei dem allseits bekannten Musiklehrerspruch, jetzt holen sich alle mal von oben einen Ständer runter - oder so ähnlich und natürlich hatte ich sie damit, sie waren genervt von der unnötigen Sexualisierung und haben es als schlechten Humor abgestempelt, ich gab ihnen den Todesstoß mit auf den Weg: “Tja, sowas finden dann wohl nur Kinder an den Schulen lustig.”

Die Podiumsdiskussion war recht vorhersehbar, Maximilian Dorner hatte es geschafft, mit Ankündigung, wie er vorher noch so schön stolz prahlte, ohne Grund auf der Bühne kratzbürstig zu sein und brachte so Statements wie, nicht wörtlich: Kultur ist ein Luxusgut und sollte nicht von jedem verstanden werden! – um zu provozieren; lange konnte ich mir diese Lachnummer einer Podiumsdiskussion nicht angucken.

Was ich dann aber interessanter fand, da hatte mein kleiner Paranoid-Man mit Superhelden-Umhang und Unterhose über der Hose seinen großen Auftritt in meinem Kopf, als er nämlich von Büchern anfing zu reden, wurde ich hellhörig.

Erst mit Anfang dreißig hätte er realisiert, er schreibe nicht für sich, sondern für ein Publikum. – Das ist mir vor ein paar Monaten auch erst klar geworden, ob er da mit mir redete, als er noch so Sachen sagte, dass in Deutschland gute Bücher 20.000 Mal über die Ladentheken gehen und wenn dann einer so wie Kehlman daher kommen würde, der 100.000 Bücher verkaufen würde, wäre das schon ein Wunder.

So gut wie niemand war dann bei den Workshops, sie saßen lieber zusammen und haben über inklusive Kultur geredet, statt sich hautnah inklusive Kultur rein zu ziehen, was schade war, denn ich hatte unter anderem eben das große Vergnügen die Truppe aus Wuppertal zu bewundern.

Ich war mit einem Vater der einzige Zuschauer, so als ob sie nur für mich spielten. Hier ein paar Eckdaten zu der Truppe: Glanzstoff, die Akademie der Inklusiven Künste, hat am 27. Januar 2018 die Premiere ihres Stückes “Hier kommt keiner durch!”, sollte man sich unbedingt in den Kalender eintragen.

Diese Lebensfreude, die sie auf der Bühne versprüht haben, war wirklich ansteckend – ich bin mit einem Lächeln im Gesicht nach Hause gefahren.

Unterwegs fragte mich noch jemand in Kölns Straßenbahn, ob ich nicht der aus der Böhmer-Schule sei? – Da ich meine Kopfhörer drin hatte und zu laut Powerwolf hörte, war dass das Einzige, was ich verstanden hatte und verneinte freundlich. Er entschuldigte sich für die Verwechslung und wünschte mir einen schönen Tag – den hatte ich, auf jeden Fall!

Naja, soviel dazu; das war auf jeden Fall mein kurzer Bericht von den Inklusiven Kulturtagen.


2 Kommentare

  1. Ostello Jaeger

    danke für den sehr lebendigen bericht, lieber stef
    all diese bemühungen um inclusion… wichtig sind sie, besonders wichtig finde ich, ist es vielfältigkeit zuzulassen. auf allen ebenen, den anpassungsdruck zu minimieren. als künstler sowieso, aber viele menschen mit handicap finden nur in werkstätten und teuren Projekten eine tätig keit, und ob die immer sinnvoll ist ? warum ist es so unmoeglich sinnvolle arbeitsplaetze anzubieten ? interessant es weil wichtige s thema..bin etwas vom kulturtsg abgekommen, sorry

    ciao

  2. MokkaSinn

    Es gehört auch Mut dazu, vor nur zwei Leuten zu spielen.
    Denk ich mir so als NichtKünstlerin.

    Danke für deinen Bericht :-)

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