Mein Wochenendhaus

Als ich ihn in seinem alten Golf vorfahren sah, streckte ich den Daumen in die Luft, hatte wieder gute Laune. Sonnenbrille, Lederjacke und Radio laut aufgedreht, lächelte er mich auch an, war froh mich zu sehen, schüttelte zufrieden den Kopf, weil ich sowas sagte wie: „Haben Sie noch Platz?“ „Ah, hast du ihnen endlich wieder mal gesagt: Fick euch, ich bin in meinem Wochenendhaus in meiner Fickt euch Allee?“, kam von ihm zur Begrüßung. „Mehr so, on the road again.“, warf ich meine Reisetasche hinten auf die Rückbank und schwang mich auf den Beifahrersitz.

Schon fuhren wir mit quietschenden Reifen an, dem Sonnenuntergang entgegen. „Boah, ich könnt jetzt so langsam ein Bier vertragen, wenn ich ehrlich bin.“ „Arbeit so anstrengend gewesen? – Ich hab schon eine Kiste kalt gestellt.“, drehte er das Radio ein Stück auf. Ich ließ mein Fenster runter und ließ meine Hand im Fahrtwind auf und abwirbeln, ließ meine Gedanken kreisen bei dem etwas unüblichen Radio-Klassiker Your Love von The Outfield.

Achja, meine Oma ist gerade bei uns. - Die kann man ja nicht mehr alleine lassen und weil meine Tante im Moment im Urlaub ist, ist sie bei uns; nur damit du Bescheid weißt.“, legte er einen niedrigeren Gang ein, bremste und machte einen Bogen auf die Schnellstraße. „Hat deine Mutter uns wieder beim Essen eingeplant?“, fragte ich deshalb vorsichtig und machte das Fenster wieder hoch, weil er das Gaspedal durch drückte. „Jo, ich hab ja oben in meiner Wohnung noch keinen eigenen Kühlschrank.“, entschuldigte er sich und drehte am Radio einen anderen Sender rein.

Nach dem Essen half er seiner Mutter beim Abtrocknen, der Vater war neues Feuerholz aus dem Garten holen, so kam es, dass ich mit seiner Oma alleine am Esstisch saß, sie hatte der Unterhaltung am Esstisch vorher nicht richtig folgen können, hatte bei einer witzigen Anekdote der Tochter gemeint: „Ja, alte Menschen sind nun mal vergesslich. Ich wüsste auch nicht mehr, was für Augentropfen ich kaufen müsste. Vor allem, wenn alte Leute so oft alleine sind, dass sich niemand um sie kümmert, dann vergessen sie eben einige Sachen.“

Da niemand drauf eingegangen ist, bekam ich schon ein schlechtes Gewissen; jetzt schaute sie mich vorsichtig an, lächelte und: „Schade, dass draußen so ein mieses Wetter ist. – Sonst hätte man jetzt noch ein bisschen in der Sonne sitzen können.“ „Ja, nun wird es draußen kälter. So sind eben die Jahreszeiten, wir hatten einen schönen Sommer, aber nach dem Sommer kommt nun mal der Herbst und der Winter.“, erwiderte ich, fühlte mich wie ein Blindenhund, der sich in einer neuen Umgebung zurecht finden muss, während das Herrchen einfach auf die Straße läuft – sie wollte reden, aber worüber redet man mit einer dementen Frau?

Ich hab gesehen, Sie haben vorhin gestrickt? Was stricken Sie denn?“, tastete ich mich an ein Gesprächsthema ran. „Ach, ich stricke nur noch so drauf los. Mit dem Alter kann man sich nicht mehr so richtig konzentrieren, um ganze Pullover oder Strickjacken zusammen zu stricken, fehlt einfach die Konzentration. Da ist das alles ein bisschen komplizierter geworden, verstehen Sie? Ich bin ja auch schon neunzig Jahre alt. Wissen Sie, ich bin auf einem Bauernhof groß geworden, da kannte man ja nichts anderes, als abends gemeinsam zusammen zu sitzen und zu stricken. Am Tag malochen und abends dann stricken, Pullover und Strickjacken habe ich für mein Leben gern gestrickt, wissen Sie?!“, leuchteten auf einmal ihre Augen.

Das glaube ich. Wahrscheinlich haben Sie auch viel für die Kinder und die Enkelkinder gestrickt.“ „Oh ja! Das war generationsübergreifend! Die Kleinen saßen immer bei unseren Füßen und sahen uns zu, während wir strickten, saßen sie bei uns und haben uns Gesellschaft geleistet. – Heute ist das ja anders. – Ich hab wunderschöne Pullover gestrickt, die verschiedensten Farben verwendet, die Pullover haben gestrahlt!“, strahlte auch sie wie eine Wunderkerze, die jeden Moment verglühen konnte.

Oma, noch einen Kaffee?“, kam mein ehemaliger Bandkollege kurz an den Esstisch zurück und schickte mir einen Blick, der sowas ausdrückte wie: Alles in Ordnung?Klar, signalisierte ich ihm und seine Oma nahm das Angebot des Kaffees liebend gerne an, fragte mich, ob ich auch Kaffee trinken würde und dass sie ja nur schwarzen Kaffee trinken würde; obwohl sie damals auf einem Bauernhof gearbeitet hätte und abends immer die Kühe melken musste, Milch auch so trank, trank sie ihren Kaffee nur schwarz, ohne Milch.

Nicht mal Zucker?“, fragte ich vorsichtig, bemerkte auf einmal, dass ich nervös mit dem Nachtischlöffel zwischen meinen Fingern spielte. „Nein, nicht mal Milch. Obwohl ich abends immer die Kühe melken musste, hab ich nie Milch in meinen Kaffee getan. Auf dem Bauernhof musste man ja immer mithelfen, vor allem im Krieg – das waren ganz schlimme Zeiten, als dann all die Männer an die Front gingen und wir mithelfen mussten.“ „Ja, das waren schlimme Zeiten.“, brachte ich noch raus, ganz in meinen eigenen Gedanken, sie überging mich aber einfach und redete weiter, als säße es ihr schon länger auf der Brust, als ob ihr schon lange keiner mehr richtig zugehört hätte, fing sie jetzt an mit: „Mein Vater war damals der Ortsvorsteher und jedes Mal, wenn eine Nachricht kam, dass einer an der Front gefallen war, jedes Mal, wenn bei der Poststelle gegenüber wieder ein Brief von der Front kam, klingelte bei uns das Telefon und dann musste mein Vater immer los, die schlimme Nachricht übermitteln. – Das war ganz furchtbar, ganz grausam.“, kommentierte sie noch ihre eigene Geschichte.

Alte Leute klingen doch immer irgendwie gleich, wenn sie von damals reden, hab ich nicht Recht? – Jedenfalls kommt es mir so vor und mir kommt es auch so vor, als ob ich immer derjenige bin, dem sie es anvertrauen – mein Gott, schon wieder läuft es darauf hinaus, dass ich der Seelsorger für die Menschen sein muss; macht sich keiner mehr die Mühe, sich richtig zuzuhören? Sich mal Zeit zu nehmen und einfach mal mit seinem Gegenüber zu reden? Wie kommt es, dass ich anscheinend der Einzige bin, der aufmerksam durch die Welt geht und über so viel versteckten Schmerz stolpert? Ich kann doch nicht die ganze Welt retten, verdammt! – ich brauch auch mal Urlaub, verdammt nochmal!

Aber damals war ja nicht alles schlimm, oder?“, fragte ich sie schließlich, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Sie nuschelte nämlich durchweg, wie schlimm die Zeiten damals doch waren und dass sie sich die Zeit für niemanden wünschen würde und dass so etwas nie wieder passieren sollte und dass wir froh sein könnten, dass so etwas gerade nicht passiert, damals da war es ja so grausam; wie eine kaputte Schallplatte war sie in sich versunken.

Nein, wir hatten es nicht nur schlimm.“, wurde sie wieder heller, sie fing wieder an zu leuchten. „Sie haben wahrscheinlich auch viel gelacht, haben auch Spaß gehabt?“, fragte ich noch einmal und dann erzählte sie mir wieder von ihrem Bauernhof und der schweren Arbeit und der Arbeit auf dem Feld und dass die benachbarten Bauern sich gegenseitig ja immer so nett geholfen haben und wie viel Spaß sie bei der gemeinsamen Arbeit hatten, dass es im Krieg zwar schlimm war, aber nach dem Krieg, als die Maschinen kamen, da wurde die Arbeit ja einfacher und da konnte man auch mal raus gehen, zusammen feiern.

Weißt du, ich hab erst mal ganz schön doof geguckt, als ich die Platte das erste Mal aufgelegt hatte. Ich hab die Band beim Rockpalast gesehen und mich voll gewundert, weil die da viel gitarrenlastiger waren.“ „Ja, Erwartungen sind des Glückes Tod, oder wie heißt das noch gleich.“, war ich vollkommen in meine Gedanken vertieft, machte mir erst mal einen Whisky. „Keine Ahnung, wie das heißt.“, zuckte er nur mit den Schultern. „Mann, dann musst du mir gleich auf jeden Fall mal den passenden Rockpalast-Ausschnitt zeigen.“, erwiderte ich jetzt zeitversetzt. „Jo, auf jeden Fall.“, machte er sein Bier leer, stellte es vor sich auf den Tisch und ließ seinen Kopf kreisen, legte seine Hände in den Nacken und knackte mit seinem Kopf von links nach rechts und von rechts nach links, drückte einmal seinen Rücken durch und ließ sich dann in sein Sofa fallen.

„Ich hoffe, das war gerade nicht zu anstrengend mit meiner Oma. Mein Vater und ich haben ja nichts dagegen auch mal Dinge fünfmal zu beantworten.“, fing er jetzt an, sodass ich ihn direkt unterbrechen musste: „Ach, so schlimm war das gar nicht. Ich fand es ehrlich gesagt sehr aufschlussreich, wie sie das Gespräch angefangen hatte, dass sie es nicht mehr schafft ganze Pullover zu stricken, nur noch so vor sich hin strickt. Das ist wirklich der Wahnsinn, wie Menschen, selbst alte demente Menschen kommunizieren, wenn man nur richtig zuhört – hat sie denn wirklich Pullover gestrickt damals?“ „Ja, jetzt kommen nur noch Socken dabei raus und die unterscheiden sich auch immer in Form und Farbe, dann muss man sozusagen erst mal zwei Paare finden, die zusammen passen und erst noch den Menschen dazu, der die Socken tragen kann.“, lachte er verlegen und kratzte sich am Hinterkopf.

Hast’e denn noch ein paar Songs geschrieben?“, reichte ich ihm ein neues Bier, woraufhin er anfing gedankenverloren in seinem Notizbuch herum zu blättern, dass zwischen Gitarrenzeitschriften und Schallplatten von dutzenden Zetteln begraben war: „Ja, ach … ich hab ein paar Ideen gehabt; aber richtig was zustande gebracht, hab ich nicht mehr. Damals lief das besser, als wir uns noch jede Woche getroffen haben, hat das irgendwie einfacher geklappt. – Eine Idee, die ich schon vor ein paar Monaten hatte, geht um einen Raser, der nur auf der Überholspur fährt und … ach, ist jetzt auch egal. Kurz gesagt geht es darum, dass er sich nicht anzuschallen braucht, Geschwindigkeitsbeschränkungen brauchen ihn auch nicht zu interessieren, weil die Feuerwehr ja da ist, um ihn aus seiner Karossiere zu schneiden, falls er mit hundertzwanzig Sachen in der Leitplanke hängen bleibt – dann noch eine Idee, die mir erst kürzlich gekommen ist, das wäre wahrscheinlich was fürs Neo Magazin Royal. B-Promis, die Affen das Zähneputzen beibringen müssen. Die kriegen dann Affen als Hausgäste und müssen denen in einer Woche das Zähneputzen beibringen und in dieser Zeit verwüsten die Affen wahrscheinlich vollkommen ihre Wohnungen – oder eben Obdachlosen; aber ich weiß nicht, ob man das den Obdachlosen antun kann; die armen Obdachlosen.“ „Hehe, ja genau. Am Ende holen sich die Obdachlosen noch was weg von den B-Promis – das kann man nicht zulassen!“, lachten wir.

Die Platte My Baby Loves Vodoo! lief als Hintergrundrauschen, während wir nun zu den Gitarren griffen.