“Friends don´t lie”

Vorab: Dies ist kein zufällig auf dem Tisch liegen gelassener Zettel, hier schreibt einer, der alles, woran er geglaubt hat, nicht mehr wahrhaben will. Einer, der ab jetzt an allem zweifelt, weil er schon immer hätte an allem zweifeln müssen, weil sich endlich alles zusammengefügt hat – als hätte ich mein anderes Ich, mit all den negativen Gefühlen und Beweggründen und bla bla bla, weggesperrt, in einen Kanister und nun wäre das andere Ich schlussendlich ausgebrochen, nun wären wir wieder vereint und ich könnte endlich wieder klar sehen. Oder kurzgesagt: Es ist eine Abrechnung mit der Vergangenheit; meinem Schmerz – fühl dich also nicht angesprochen.

„Als Joan Didion darüber redete, wirkte sie nicht sehr glücklich. Obwohl sie so Sachen sagte wie: Das ist pures Gold wert, so eine Szene in real life zu sehen!, ist sie ganz offensichtlich nicht unbelastet aus der Sache rausgegangen. Wenn du in einen Raum stolperst und da ein vierjähriges Kind auf Acid vorfindest, ist das natürlich voll die Geschichte, aber sowas lässt dich nicht kalt, vor allem nicht, wenn du dein zweijähriges Kind zu Hause sitzen hast und deine Partygäste schon öfter Drogen im Kinderzimmer konsumiert haben.“

Darauf meinte er dann nur sowas wie: „Sie wirkt auch, als hätte sie ihr Leben lang Drogen genommen. Alleine schon, wie sie artikuliert und dabei mit den Händen gestikuliert.“ „Sie ist in der Dokumentation einfach schon alt und hat nach den richtigen Worten gesucht, hat sie sprichwörtlich aus der Luft gegriffen. Wenn du dich dein ganzes Leben mit Sprache und dem geschriebenen Wort auseinander gesetzt hast, weißt du um ihre Bedeutung, dann überlegst du dir dreimal, welche Worte du wie einsetzt.“, erklärte ich ihm.

„Wie findest du eigentlich das Zitat aus der letzten Anstalt-Folge?“, fragte er noch, während ich schon wieder mit dem Kopf über der Tastatur hing. „Welches?“ „Kunst ist immer der Schmerz, nicht die Therapie.“, zitierte er. „Ach, totaler Blödsinn! – Kunst ist, wenn überhaupt, Spaß und Erziehung.“ „Weil du dabei Spaß hast?“, entgegnete er, worauf ich nur geistesabwesend nickte. „Ok, aber Erziehung und Therapie sind doch ein- und dasselbe!“, fing er jetzt aber an und wollte auf irgendwas hinaus. „Nein, sind sie nicht.“, fühlte ich mich in dem Moment ein bisschen wie ein scheiß Kindergartenkind im Sandkasten – ich hasse es, wenn ich auf das Niveau von Anderen herunter gezogen werde und basic shit erklären muss!

„Therapie kann man vergleichen mit einer Reparatur. Erziehung ist keine Reparatur, bei der Erziehung muss vorher nichts kaputt sein.“, definierte ich ihm mal wieder die Welt. „Wenn bei einem Auto das Fenster kaputt ist, fährt es ja trotzdem noch! Damit ist es nicht kaputt, trotzdem reparierst du das Auto, wenn du die Fensterscheibe ersetzt!“, erwiderte er und versuchte es zu abstrahieren – ich dachte die ganze Zeit nur, natürlich fährt das Auto noch, aber dir wird verdammt kalt, wenn das scheiß Fenster kaputt ist! – ließ ihn aber unverrichteter Dinge sitzen, dafür hatte ich gerade keine Nerven.

Jetzt würde ich sagen, um bei dem Autobeispiel zu bleiben, Erziehung ist das Zusammenbauen des Autos und Therapie ist die Reparatur des Autos und eigentlich bräuchte jedes Auto nach einer bestimmten Kilometerzahl eine Generalüberholung; aber das ist auch nur meine dumme Meinung; bleiben wir lieber bei der eigentlichen Geschichte – sie wird noch interessanter.

Also, ich musste den Text Mein Wochenendhaus noch zu Ende schreiben.

“Bist du dir sicher, dass du es so schreiben willst? Es ist nur so, dass du für ein paar Tage in deren Leben einfällst und dich aufspielst wie der Retter, der, der direkt eine Idee von allem hat, der, der direkt weiß, was der alten Frau fehlt. Ist das nicht ein bisschen dreist und von oben herab? – Ich meine, die verhalten sich ja auch nur so, weil die mit der Oma schon jahrelang leben, die kennen das bestimmt nicht anders. Es war immerhin ein schleichender Prozess.”, warf er noch als Kritik ein, bevor ich den Text veröffentlichte.

“Ja, aber das hab ich doch mit eingebaut in dem Satz: Mein Vater und ich haben ja nichts dagegen auch mal Dinge fünf mal zu erklären. Ich zeig doch nur eine andere Möglichkeit auf, damit umzugehen – und vor allem habe ich vorher gefragt, ob ich darüber eine Geschichte machen darf. Ich frage immer, ob ich daraus eine Geschichte machen darf, wenn es zu persönlich wird.”, rechtfertigte ich mich und bereute all die schönen Momente des Wochenendes, die ich nicht mit in der Geschichte aufnehmen konnte, weil sie der Geschichte nicht dienlich waren – es war ja nicht alles anstrengend, aber nicht alles war eben storyrelevant.

Wir guckten jetzt noch ein paar Folgen Mindhunter und erfanden den coolen Super-Cop, der alle Morde aufklärt, bei seiner Schicht immer wieder über Leichen stolpert, jeden Fall löst und die Mörder schnappt und als er versetzt wird, in ein anderes Revier, ist er da auch wieder so erfolgreich, deckt alle Morde auf. Zufälligerweise ist in seinem alten Revier die Mordrate um fast hundert Prozent gesunken, nachdem er versetzt wurde; aber wer da einen Zusammenhang herstellen möchte, ist einfach nur paranoid, machten sie ihre Witze und lachten sich schlapp, bis ich Philip fragte, ob er die neue Staffel Stranger Things gesehen hätte. Darauf erwiderte er nur: “Ich hab nur von Beyond Stranger Things gehört, wo die Schauspieler und die Regisseure ihre Kommentare zu der Serie abgeben und man hinter den ganzen Produktionsmist schauen kann.”

„Warum rennst du denn so? Wir haben noch zehn Minuten, bis der Bus kommt.“, versuchte er sich an einem Lächeln. „Ich hab einfach Angst den Bus zu verpassen. In letzter Zeit verpass ich die Busse nur noch, da bin ich lieber etwas voreilig, als dass ich ihn verpasse – oder er fuhr nie und ich hatte mich von der Anzeige täuschen lassen.“, kam jetzt ein bisschen zu eingeschnappt von mir rüber. „Oh, guck mal. Bald ist ja wieder Zeit für Adventskalender.“, zeigte er auf eine Werbung, um abzulenken – schließlich waren wir in der Öffentlichkeit, da ist kein Platz zum Streiten; was mir mittlerweile aber sowas von egal ist.

Ich hätte jetzt wirklich ein paar ruhige Tage gebraucht, aber irgendwie beschleicht mich das Gefühl, ich stolpere in all die Löcher, die ich mir selbst vor langer Zeit gegraben habe und falle so nur noch mehr auf die Fresse bei dem Versuch, mich aus meinen Problemen heraus zu graben.

„Ja, auch wieder nur so eine Verschwendung von Schokolade und Papier.“, warf ich meine Tasche auf die Bank der Bushaltestelle und holte meine Zigaretten raus. „Tja, dann muss man auch mal was sagen und nicht nur irgendwelche luftleeren Gesten machen, wo man dann stundenlang da sitzt und grübelt.“ „Wo ist denn dann bitteschön die Romantik, wenn man alles tot quatschen muss, weil einer zu paranoid ist, um die einfachsten Geschenke anzunehmen?“, wurde ich wütend und verlor das eigentliche Gesprächsthema aus den Augen.

„Du bist ganz schön paranoid, weißt du das.“, schaute er mich dann einen Moment lang skeptisch an. „Ich und paranoid?“ „Natürlich! Du bist doch derjenige, der dachte die Merci – Danke für deinen Humor-Werbung wäre für dich alleine gewesen!“, lachte er noch. Dass wir zu der Zeit bei Crazy Ex Girlfriend binge watching betrieben hatten, mein Kommentar eine Anspielung darauf war, wollte er auch nicht wahrhaben.

„Ich weiß gar nicht, warum sie sich alle so anstellen. Sie sagen doch immer: Oh, das ist so witzig gewesen, da musst du einen Text drüber machen – und wenn ich dann einen Text darüber mache, ist es auch wieder falsch.“ „Weil du nie aus ihrer Perspektive schreibst, weil du nicht die Geschichte schreibst, die sie gerne lesen wollen, die sie anscheinend in ihrer kleinen Welt erlebt haben.“, war er jetzt ganz zahm und versuchte den Schaden zu begrenzen.

Ihre Worte hallten noch in meinen Gedanken nach wie ein plötzlich aussetzender Rasenmäher, der schon den ganzen Morgen lang lief und dieses tiefe Brummen bleibt auch nach dem plötzlichen Absterben noch ein paar Augenblicke erhalten und macht dich taub für alle anderen Geräusche.

„Du wunderst dich, warum wir dir nicht mehr helfen, nachdem du so eine Tirade von Beleidigungen abgelassen hast?“, hatte sie mir an den Kopf geworfen. „Ich weiß wirklich nicht, warum sie sich alle immer so anstellen müssen.“, fing ich jetzt wieder an, laut genug, dass der Kerl neben uns an der Bushaltestelle das Gespräch bestimmt mitgekriegt hat.

„Letztens hab ich wieder diese Geschichte über Trump gehört, dass er mal auf eine Pfadfinder-Veranstaltung eingeladen worden ist und da sollte er eine Rede halten und natürlich hat er wieder den Trump gemacht! – zu der Zeit hätte man doch schon gelernt haben müssen, wenn man Trump einlädt, bekommt man auch Trump.“, daraufhin war er erst einmal still, überlegte ein paar Sekunden, um dann zu erwidern: „Ja, der Trump ist schon ein Kaliber.“ „Ja, ein einmal zu oft getretener Hund.“, lachte ich bitter und warf die halb aufgerauchte Zigarette vor den anhaltenden Bus.

Er hatte nach dem Stranger Things-Ding und unserem Streit danach noch versucht das Thema zu wechseln, eine neue Unterhaltung zu beginnen, indem er mir von dieser Serie vorschwärmte und meinte, genau so eine Serie hätten wir uns damals in unserer Studenten-WG doch immer vorgestellt, wenn wir Blödsinn gelabert hätten. Er zeigte mir ausgerechnet die letzte Folge Aqua Teen Hunger Force und meinte noch sowas wie: “Nur doof, wenn die Simulation zu echt wirkt und der Protagonist die Wirklichkeit aus den Augen verliert.”

Philip meinte zu Sarah, als ich danach etwas genervt meine Tasche packte, dass ihr die Serie Castle gefallen könnte oder Psych, denn da läuft ja auch einer rum, der allen von Anfang an gesagt hat, ihr müsst nur mal euren logischen Verstand einsetzen, aber da ihm keiner glauben wollte, er kurz darauf einen Hellseher-Laden aufgemacht hatte, um Verbrechen aufzuklären. Bei Castle würden sie alle rumlaufen und schusssichere Westen tragen, wo dick und fett Polizei hinten drauf steht, nur bei ihm würde halt Writer draufstehen, dass beide schäbig lachten.

- das ist dann wohl mein Schicksal. Wenigstens habe ich jetzt keinen Grund mehr, ein schlechtes Gewissen zu haben für den Text Ein Abend zu zweit.

Und zum Schluss, um den Bogen zu schließen, noch dieses wunderbare Rick Zitat aus der “Rest and Ricklaxation”: „Man, i really overthink shit, when i´m angry.“


1 Kommentar

  1. Ostello Jaeger

    hallo stef, bei deinen texten fühle ich mich alle augenblicke genötigt intensiv nachzudenken, aber sofort sagt ein beruhigende gefühl: lese einfach weiter und lass es softly wirken..

    hg

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