Das Gesprächsthema

“Was hörst du denn da?”, zieht er an einem meiner Kopfhörer und mich damit aus den Gedanken; worüber ich sehr froh bin, denn, wenn einem die letzte Nacht noch in den Knochen steckt, dann kann man eh nicht geradeaus denken. Wenn man davon geträumt hat, dass man knietief im Wüstensand steckt und mit vorgehaltener Waffe gezwungen wird doch bitte schön sein eigenes Grab zu schaufeln, ist es mit dem friedlichen Schlaf dahin.

Turn Blue von The Black Keys, jetzt gerade ähm … läuft … äh … warte … wow … Years in Review - ha, und wie war der Film gestern?”, lache ich über diese Symbolhaftigkeit. “Genial, das war ja mal ein Spektakel! Nur schade, dass sie sich damit jetzt wohl die Geschichte um Hulks Absturz auf dem Planeten verbaut haben.”, geht er sich nervös durchs Gesicht; er könnte aber auch einfach müde sein, so wie ich. Mit einem Kleinkind zu Hause, ist ein Kinoabend unter der Woche bestimmt ziemlich anstrengend, obwohl man einen Babysitter gefunden hat, kann man nicht richtig abschalten; da möchte ich nicht mit ihm tauschen.

“Ja, konnte man sich wirklich antun – fand ich auch. Schöne, seichte Unterhaltung. Obwohl man von der Story her …” “Ja, damit darfst du gar nicht erst anfangen, ist halt ein Marvel-Film. Was willst du da auch groß erwarten? – Mann! Der neue Thor ist wirklich ein Farbenspektakel gewesen, dass sag ich dir.”, ist er noch immer ganz angetan, diesmal euphorischer, wiederholt er seine Filmkritik, weil sich noch ein Arbeitskollege zu uns gesellt.

“Jetzt hat jeder Held mit Thor auch eine Dreiteiler-Filmreihe bekommen, oder?”, fragt der andere Arbeitskollege. “Ja, bis auf Hulk.”, erinnere ich die Anderen. “Und Spiderman.”, werfe ich noch ein, da werde ich aber direkt unterbrochen: “Ne, mit Spiderman Homecoming haben sie doch jetzt noch einen Versuch gestartet, Spiderman ins Marvel-Universe zu holen.”, geht er sich wieder durchs Gesicht und reibt sich die Augen.

“Und wie waren eure freien Tage? Was habt ihr so gemacht? – Ich war mit einer Freundin im Theater. Italienische Oper, Don Carlos von Verdi. Es war fantastisch!”, singt sie jetzt laut fantastisch ein paar Oktaven hoch und runter, gestikuliert übertrieben, dass ich zusammen zucke. “Es war ein wirklich schöner Abend, aber ich hatte damit so gar nicht mehr gerechnet.”, lacht sie, auch weil ich wie ein scheues Reh zusammen gezuckt bin.

“Auf einmal ruft mich meine Freundin aus heiterem Himmel an und fragt, ob ich denn nun gleich fertig sei, sie wäre dann gleich bei mir, um mich fürs Theater abzuholen. Ich hatte das total verpennt, sodass alles ein bisschen hektisch wurde; aber sonst war es wirklich schön, schön viel Theater – Oper ist ja immer so schön übertrieben.”, begrüßt sie uns mal wieder überschwänglich und betont viel extra deutlich und zieht das anschließende Theater ein wenig in die Länge, um den Rest dann noch schnell hinterher zu schieben.

“Opern sind nicht so meins, wenn ich ehrlich bin.”, erwidere ich, auf dem einen Ohr immer noch die Musik, bereue ich es schon jetzt davon angefangen zu haben – dass ich nicht einmal die Klappe halten kann. Jetzt wollen sie wahrscheinlich eine Erklärung von mir oder wenigstens irgendwelche Gründe, warum ich nicht gerne in Opern gehe, aber sie scheint meinen Einwand gar nicht gehört zu haben oder überhört ihn gekonnt.

“Mittlerweile gibt es ja auch diese LED-Anzeige oberhalb der Bühne, damit man erkennt, was gemeint ist – es kann ja auch nicht jeder italienisch.”, erzählt sie. “Ja, dass ist auch besser so – da lob ich mir ja Musicals, wo sie wenigstens in einer Sprache singen, die man versteht.”, lachen sie und albern herum, reden miteinander.

“Ist der Kaffee eigentlich schon fertig?”, kommt die deutlich jüngere Arbeitskollegin in die Teeküche und gesellt sich wie zufällig direkt neben mich. “Ne, noch nicht fertig.”, “Müssen uns noch ein bisschen gedulden.”, “Hast du auch sauberes Wasser benutzt?”, “Natürlich, ich vergifte meine Angestellten nicht. Das wäre schlecht fürs Geschäft.”, lacht die Opernliebende.

“Na, wie war deine Woche Urlaub so?”, fragt mich die deutlich jüngere Arbeitskollegin jetzt, hat mir auch den anderen Kopfhörer aus dem Ohr gezogen und fragt auch, ob ich gerade wieder irgendwelche spannenden Bücher lesen würde.

Deshalb erzähle ich ihr kurz die Geschichte von Stephan Kings semi-autobiographischen Ratgeber-Buch übers Schreiben; darin beschreibt er den Verkehrsunfall, bei dem er fast zu Tode kam und erwähnt darin auch den Kerl mit Namen, der ihn fast bei dem Autounfall umgebracht hatte; und drei Monate später, nachdem das Buch im Hardcover veröffentlicht wurde oder so, wird dieser Typ doch tatsächlich eines Morgens tot in seinem Bett aufgefunden.

Bis jetzt ist nicht bekannt, was die Todesursache war; worauf sie nur erwidert: “Gut, hatte er bestimmt auch nicht anders verdient.”, und dreht sich zu den anderen Arbeitskollegen – aber eigentlich kannst du uns doch alle in einen Sack stecken und draufhauen, du triffst immer den Richtigen. Wenn sie jetzt anfangen irgendeine Hexenjagd zu veranstalten, wäre das schön blöd; ich bin doch beinahe genauso schlimm, für uns ist das doch nur sowas wie Frühsport, sowas machen wir immer zum Warmwerden.

Das wäre doch mal ein spannendes Thema für eine neue Geschichte, denke ich mir und reibe mir verschlafen in den Augen und gähne; nur blöd, dass ich jetzt erst mal keinen Urlaub mehr habe, um der Sache ordentlich auf den Grund zu gehen und meine Freunde zu besuchen, um sie um Rat nach diesem Thema zu befragen.

Irgendwo habe ich die Tage auch gelesen, dass wir uns selbst immer die dümmsten Fehltritte verzeihen, aber Andere dafür nach so absurden Standards messen, dass sie nur versagen können; schon seltsam irgendwie, wäre bestimmt ein interessantes Thema für einen neuen Text – falls ich die Motivation finde mich hinzusetzen und zu schreiben.

“Habt ihr die neuen Folgen von Family Guy gesehen? – War das jetzt nur Werbung von ProSieben, wo Peter mit Strapse auf dem Bett liegt oder gibt es das wirklich bald als eine Folge in der neuen Staffel?”, fragt der eine Arbeitskollege, der ohne Kinder, und lacht bitter, dumm; wie kann man nur so schäbig lachen, denke ich mir und mache unweigerlich einen Schritt zurück – ob es überhaupt auffallen würde, wenn ich sie alle jetzt einfach in der Teeküche stehen lasse und an die Arbeit gehe?

Was habe ich auch schon zu sagen, sind doch eh nur Worte, alles Schall und Rauch. Man sollte diese Worte einmal pro Woche auf dem Dorfplatz mit einer Guillotine hinrichten lassen, in einem großen Spektakel, so die Verzauberungen über das Volk auflösen und die Massen von ihrem Bann befreien, rattert es schon wieder in meinem kleinen Kopf, dass ich direkt an den Schreibtisch könnte, um zu schreiben; aber die deutlich jüngere Arbeitskollegin erzählt mir gerade von ihrer Urlaubswoche, sie hat den neuen Assassins Creed Teil, Origins, durchgespielt.

“Die Story ist zwar gut, aber … mhh, … jetzt müsste ich spoilern, um dir meine Kritik an dem Spiel zu verraten. Willst du das?”, fragt sie, fasst mich am Arm und lacht. “Ne, tu mal lieber nicht. Ich will den Teil noch selber spielen.”, lächele ich und schüttele gekonnt meinen Arm frei – ich verstehe nicht, was sie auf einmal hat.

Als Mensch finde ich sie zwar umwerfend, sie hat was, dass mich in gewisser Weise fasziniert, weil ich sie im ersten Moment, nicht wie andere Menschen, nicht durchschauen kann, aber ich erinnere mich in letzter Zeit immer öfter an Philips Worte aus unserer Zeit des Studiums, als Philip und ich nämlich auf unserem WG-Balkon damals mit Bier auf den Tag angestoßen haben, meinte er: “Musst du eigentlich mit jeder Frau schlafen, die du triffst?”, was mich ziemlich nachdenklich gemacht hatte – seitdem habe ich versucht mich auch mit Frauen anzufreunden, ohne mit ihnen zu schlafen, aber sie machen es mir wirklich nicht einfach; aber es ist ja auch kein pures Frauenproblem, mit dem russischen Regisseur lief es damals doch genauso, fällt mir gerade wieder ein.

Als ich Jan im Sommer erzählte, dass es für mich Zeit wird, dass ich mir ein neues Umfeld suche, neue Freunde, weil ich mich nicht immer darauf verlassen kann, dass mich meine alten Freunde aus der unumfänglichen Langeweile retten – ich meine, versteht mich nicht falsch, ich gehe gerne alleine ins Theater, aber wenn ich abends noch eine Runde spazieren gehe, weil mich zu viele Gedanken plagen, würde ich gerne mal wieder mit jemandem reden – meinte er fröhlich unterstützend: “Gute Idee!”, aber als ich ihm von der französischen Praktikantin erzählte, war er auch ratlos – irgendwie sende ich wohl immer die falschen Signale aus; nicht mal Sarah wusste darauf einen Rat, sie lächelte, meinte damals noch sowas wie: “Ich weiß gar nicht, wo da das Problem liegt – ist doch schön.”

“Gott! Überall, wo ich dieser Tage bin, höre ich diesen verdammten Song im Radio, als ob sie ihn den ganzen Tag rauf und runter spielen würden.”, schüttele ich mich bei den Lyrics I just need to get it off my chest  … yeah, more than you know.

“Ja? Ist mir gar nicht aufgefallen.”, reibt sich der Arbeitskollege wieder durchs Gesicht, reibt sich die Augen, wahrscheinlich hat er mit einem Kleinkind auch alle Hände voll zu tun, keine Zeit Radio zu hören.


  1. Corina Wagner

    ;-)
    Lieber Stefan,
    Deine Geschichte regt mich zumindest ziemlich zum Nachdenken an. Hoffentlich werde ich nicht zu ausführlich. ;-)
    Mit Kleindkind sieht die Welt anders aus, aber wenn man dann so wie ich im fortgeschrittenen Alter ist und das Kleinkind von damals fast Dreißig, dann hört man nicht unbedingt regelmäßig Radio, hat aber vielleicht auch neue Freunde im Laufe der Jahre hinzugewonnen. Die Mischung macht es, wenn man Freunde für jeden Anlass hat, so finde ich, dann kommt auch keine Langweile auf. Wichtig ist es auch, jedenfalls in meinem Alter, das man auch jüngere Freunde hat, nicht nur auf die erwachsenen Kinder zurückgreifen kann. Neulich las ich z.B. bei einer weltoffenen Studentenverbindung in Mannheim. Studenten hörten mir aufmerksam zu, als ich meine Lesung Leiden ohne Werther hatte. Sie waren von meiner Schreibe begeistert. Wären sie es nicht gewesen, dann hätte ich mich aber auch mit ihrer Kritik auseinandergesetzt. Es war ein lustiger Abend. Da ich eine klassische Gesangsausbildung habe, singe ich auch Arien. Nicht einfach für Freunde, die z.B. mit Oper überhaupt nichts anfangen können. Ich würde niemals aufdringlich werden und quasi betteln, das Freunde von mir ein Konzert besuchen, wenn ich singe. Ein Toningenieur aus dem Bekanntenkreis, der mal meinen Gesang während eines Konzerts für mich aufgenommen hatte, sagte später, dass es absolut nicht seine Welt der Musik sei, aber ich hätte ihn mit meinem Gesang berührt. Es hätte ihm sehr gut gefallen. Ein schönes Kompliment. Ob er nun zum Klassik/Opern-Fan geworden ist, glaube ich nicht. :-) Für mich persönlich ist es wichtig, wenn ich Konzerte besuche oder in die Oper gehe, dann mit Freunden dieses musikalische Vergnügen zu teilen, die an solcher Musik Spaß haben.
    Ich könnte zu dem Thema noch viel schreiben. ;-)
    Herzliche Grüße
    Corina

    PS. Zur Abschreckung noch eine Arie: https://www.youtube.com/watch?v=O-_ZDEx-hYw

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