Das intersexuelle Symbol

Jessica Purkhardt (Frankfurter Neue Presse vom 9. November 2017) bringt das, was am 08.11.2017 zwar medial begleitet, aber keineswegs in dem Maße, wie es verdient wäre, auf den Punkt: “Ist es gerecht, eine Frage zu stellen, bei der unter den zwei vorgegebenen Antwortmöglichkeiten die richtige gar nicht dabei ist?” Die rhetorische Frage, deren Beantwortung ich mir an dieser Stelle spare, sagt viel über die bisherige Gesetzeslage und das dominante heteronormative Klima unserer Gesellschaft aus. Ich sag es mal in meinen Worten: Männlein oder Weiblein ist zu wenig, um der komplexen Debatte um Geschlecht und Geschlechterkonstruktion gerecht zu werden. Vermutlich gibt es schon immer seit Bestehen der Menschheit Chromosomenabberationen und Geschlechtervarianz trotz scheinbar klarer Ausprägung primärer und sekundärer Geschlechtsmerkmale. Leider hat es lange gedauert bis der verspäteten Erkenntnis der Wissenschaft nun auch die Justiz gefolgt ist. Noch länger wird es vermutlich dauern, bis sich eine breite gesellschaftliche Akzeptanz herausgebildet haben wird. Gestern (08.11.2017) war ich zwei Stunden nach Veröffentlichung des BVergG-Urteils durch Eilmeldungen auf ZEITonline, einer liberal eingestellten Zeitung, und las mir die Kommentare zum Urteil durch. Über 700 Kommentare und unzählige Binnenkommentare der Leser*innen untereinander (http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-11/bundesverfassungsgericht-fuer-drittes-geschlecht-im-geburtenregister?cid=16135656#cid-16135656). Erschreckend nicht nur die aggressiv vorgetragene Irrelevanz des Themas, sondern auch tendenziell ablehnende und ja, natürlich auch diskriminierenden Kommentare. Entlang der hyperventilierenden Kritik in der Zeit-Kommentarleiste möchte ich kurz versuchen das Gericht wieder schmackhaft zu machen, indem ich reichlich Relevanz dazugebe.

Erster Kritikpunkt: “Wen betrifft das – 1000 Leute?” An dieser Stelle erscheint mir der Kritikpunkt der Relevanz am nachvolziehbarsten. Dieser Kritik möchte ich erstens entgegenhalten, dass es an dieser Stelle keine Frage der Quantität sein kann, wenn Persönlichkeitsrechte betroffen sind. Ich möchte zuspitzend sagen, dass auch bei 10 Leuten die Kategorie der Relevanz keine Berechtigung in solchen Fragen haben kann. Rechte der Person und der Menschen sind (aller-!)spätestens nach Auschwitz unverhandelbar und entziehen sich zurecht der Bewertung durch Relevanzkriterien. Hinzu möchte ich zweitens zum Ausdruck bringen, dass die Behandlung von Minderheiten immer einen Verweischarakter auf die Mehrheitsgesellschaft, auf “uns Heteros”(Ich weiß, möglich, dass auch Intersexuelle mitlesen) hat. Was lassen wir zu, was dulden wir, was tolerieren wir, was akzeptieren wir, was integrieren wir, was inkludieren wir, was transformieren wir durch affirmatives Annehmen? Mit Derrida lässt sich sagen, dass auch wir, die Mehrheit nichts ohne die Minderheit sind. Die Frage der Identität konstituiert sich durch Inversionen des Eigenen und des Anderen. Identität ist kein starres Gerüst, vielmehr ein fluides Gel und konstitutiv gerade durch ihr Gegenteil. Der Auftrag an den Gesetzgeber den Eintrag eines dritten Geschlechts im Geburtenregister bis Ende 2018 zu realisieren, ist die fundamentale Grundlegung für eine neue Gesellschaftspolitik. Ich kann beim besten Willen nicht schlechtes daran erkennen, wenn einigen Menschen ein Recht zuerkannt wird, ohne dass die große Mehrheit auch in nur einem Punkt belangt wird.

Zweiter Kritikpunkt: “Die Unumstößlichkeit des bipolaren Geschlechts – die tun doch nur so und sowieso, das kann doch gar nicht sein.” Diesen Vorwurf halte ich für  anmaßend und genau deshalb kann er ziemlich leicht umgestoßen werden. Wer meint sich besser in der Gefühlswelt des Anderen auszukennen und daraus Konsequenzen ableitet, muss damit rechnen, dass auch er*sie demnächst ebenso mental okkupiert wird. Viel Spaß wünsche ich bei diesem totalitär-solidarischem Prinzip der Gegenseitigkeit. Argumentiert wird auch gerne damit, wie es denn sein könne, dass trotz ganz eindeutig biologischer Geschlechtermerkmalsausprägung (Phänotyp) Personen sich dem anderen Geschlecht innerlich mehr verbunden fühlen und entsprechende Maßnahmen ergreifen (Transsexualität). Das kann so sein, weil die Chromosomenzusammensetzung indifferent ausgebildet ist, sich aber durch Zufall ein bestimmter Phänotyp ausgebildet hat. Außerdem gibt es sozial besonders schwer verträgliche Fälle von Hermaphroditismus, der für die beteiligten Personen fast immer eine problematische Individualentwicklung nach sich zieht. Dies entspricht Tatsachen, die schon lange wissenschaftlich bekannt sind. Es bleibt zu hoffen, dass der emphatische Part der meisten Menschen mittelfristig erwacht mit einem größeren Verständnis für Menschen mit komplexer Sexualentwicklung. Dieses Weiterdenken und Überdenken des binären Geschlechtersystem wird ein  Gradmesser für die Möglichkeit einer modernen Gesellschaft sein. Im Sinne einer kritischen Theorie kann ein solcher gesellschaftspolitischer Entwurf als Potential zur Überwindung instrumenteller Vernunft genutzt werden, die sich gegen Gleichmacherei und für das Partikulare stark zu machen versucht.

Dritter Kritikpunkt: “Deutsche Sprache, deutsche Toiletten, deutsche Sachen mit Geschlechtertrennung.” Gerne vorgetragen und pathetisch in Szene gesetzt werden mögliche Folgen einer vollkommen rechtlichen und gesellschaftlichen Anerkennung von Menschen im intersexuellen Spektrum. Belächelt wird immer noch die Gender-Sprache, ob mit * oder / oder _. Es wir vermutlich nicht abzuwenden sein, dass intersexuellen Menschen eine sprachliche Entsprechung zusteht, die sich graphematisch wie auch immer äußert. Das ist gut so! Jede*r sollte sich damit beschäftigen und die allgegenwärtige Sprache bietet als geschlechterpolitische Benutzeroberfläche erste Möglichkeiten Gehversuche in diesem Bereich zu starten. Natürlich wird das die alten Duden-Grabenkämpfe beleben und die sowieso bereits ideologisch geführte Debatte weiter befeuern. Es muss aber ein Inklusionskonzept für Intersexuelle geben, sonst kann man es mit der wahrhaftigen Anerkennung auch gleich lassen. Natürlich werden sich Einige daran stören, ob nun ästhetisch oder ökonomisch, ein paar Sternchen in die Tastatur einzugeben, aber das sollte es uns schon wert sein, wenn wir keine Alibidebatte führen wollen und nur so kommt das Thema vollends zur Geltung und in die Öffentlichkeit. Wie das nun ist mit Baugenehmigungen für intersexuelle Toiletten und deren landesweiter Umsetzung ist, kann ich wirklich nicht beantworten, halte ich aber nicht für das vordergründige Problem und im Prinzip ist das Problem durch die von allen Seiten kritisierte Unixex-Toilette  bereits gelöst.

Fazit: Das wegweisende Urteil des Verfassungsgerichts ist ein fundamentaler Schritt hin zu einer gesellschaftspolitischen Wende und der Fortsetzung der bundesdeutschen Emanzipationsgeschichte. Es bietet eine große Chance für uns alle eine innere Differenzierung zu vollziehen, die zu mehr politischer Freiheit und Gleichheit für alle führen kann. Wir brauchen die rechtliche Anerkennung von intersexuellen Menschen, um ihnen ihren legitimen Platz in der Gesellschaft geben zu können. Das intersexuelle Symbol, es wird langsam manifest. Gleichzeitig bleibt das Phänomen Intersexualität Symbol für eine weltoffene und menschenrechtsachtende Gesellschaft, die daran ablesen kann, was es bedeutet ein Mitglied dieser zu sein.


3 Kommentare

  1. Stefan Schürrer

    Danke für diesen Text. Ein schöner Beitrag zu dieser Debatte.

    Liebe Grüße
    Stefan

  2. MokkaSinn

    Am Rande mitbekommen, gewundert, dass das noch Thema ist ….

    Abweisende bzw. intolerante Reaktionen darauf könnten aus Angst resultieren.
    Die Frage ist nur, wovor Angst…..?

    Es verhält sich ebenso bei der Debatte um die Adoption von Kindern bei gleichgeschlechtlichen Paaren.

  3. Corina Wagner

    Hallo Sohac,
    herzlichen Dank für diesen gelungenen Text! Dieses Urteil vom Verfassungsgericht war schon längst überfällig und nun müssen wir abwarten wie die Umsetzung fruchtet. Unverständnis wird es meiner Ansicht nach auch weiterhin von Leuten geben, denen der Zugang zur Weltoffenheit fehlt…
    Vermute, dass es auch in Zukunft unflätige Kommentare zum Thema geben wird.
    Liebe Grüße
    Corina

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