Von Fleischtheken und Warmhaltekannen

Ich stehe an der Fleischtheke und beschreibe Jan gerade in einem unverständlichen mambo jambo, was an der Bushaltestelle passiert ist, weil ich es selber immer noch nicht ganz verstehe, als er mich in meinem wilden Getippe unterbricht und fragt: “Hast du eigentlich die letzte Folge Neo Magazin Royale gesehen?”

“Was darf’s für Sie sein?”, fragt die Fleischfachverkäuferin, als sie mit dem letzten Kunden durch ist und nun meine Aufmerksamkeit möchte. “Ähm, erst mal 600 kg Gehacktes, halb und halb.”, ein Danke schiebe ich noch schnell hinterher, dann stecke ich meine Nase wieder ins Handy und tippe: “Meinst du die Folge zum Reichspark, der Themenpark für die ganze Familie zur spielerischen Aufarbeitung der NS-Zeit mit 25 Restaurants und jeder Menge Spaß für Groß und Klein; ja, hab ich. #was-Kapitalismus-mit-Menschen-macht.”

“Darf es noch etwas sein?”, fragt sie mit einem Lächeln. “That’s not how hashtags work, that’s not how any of this works.”, “Ähm, nein. Danke. Das wär’s.”, nehme ich das Fleisch entgegen und Jan schreibt noch: “Ich meinte die mit Mely Kiyak. Das Gespräch war übelst interessant, aber halt nicht so witzig. :D Aber so ist das eben, wenn man über Türkiye spricht.” “Schön zusammengefasst.”, antworte ich ihm und reiche der Kassiererin meine EC-Karte.

“So bin ich. Schön.”, “Ja, schön vor die Wand gelaufen.”, antworte ich wieder und laufe fast gegen eine tragende Säule, die ich aber wirklich bei jedem gottverdammten Einkauf übersehe, dass mich die Bäckereifachverkäuferin am Eingang des Ladens mittlerweile auch für belämmert halten muss – diese absurde Idee hätte nur noch mit einem Holocaust-Tycoon getoppt werden können, um den Kindern die Verwaltungsmechanismen eines Konzentrationslagers spielerisch näher zu bringen, fällt mir noch ein, als ich mein Handy schon wieder weggepackt habe.

Als ich zu Hause vor dem Fernseher sitze und mir die letzte Folge Die Anstalt reinziehe, – wenn du bestätigt haben willst, dass die Welt von einigen Wenigen nach ihrem Weltbild geformt wird, dann ist es die beste Show; scherzte Philip immer zu sagen – bin ich immer noch verwirrt. Was wollten diese Mädchen am Busbahnhof? Was ist deren Problem gewesen?

Ich schenke mir Kaffee nach, drehe die Warmhaltekanne wieder zu, stelle sie zur Seite und nippe am heißen Kaffee – hinzu kommt noch, ich wollte demnächst eigentlich noch einen Text über Netzwerke machen und wie sie insgeheim die Republik regieren, natürlich nicht so krass wie da gezeigt, aber immerhin, dann wollte ich eigentlich noch einen Text über Die-Höhle-der-Löwen machen und diese ach so tollen gesellschaftlich enorm wichtigen Apps und Erfindungen auf’s Korn nehmen; aber wie würde das denn jetzt aussehen? – als hätte ich nur abgeschrieben.

Irgendwas pfeift hier, bekomme ich jetzt schon Tinnitus? Scheiße. Gott, wo kommt das scheiß Pfeifen auf einmal her? Einmal tief durchatmen, rufe ich mir als Meditationsübung in Erinnerung; einmal durchatmen, zweimal durchatmen. Nein, das Pfeifen kommt von etwas Anderem. Die Warmhaltekanne pfeift, zu viel Druck drauf. Arrgh, diese verdammte Warmhaltekanne – ich muss hier raus!

Arrrgh, und diese Mädchen! Was sollte der Scheiß? “Was stimmt denn mit dir nicht?” – Was stimmt denn mit euch nicht, dass ihr einfach so einem Wildfremden hinterher lauft, nur weil er Texte schreibt? Und sowieso, wenn dann auch noch so Idioten daher kommen und mich mit so Filmen wie “Keep surfing” aufmuntern wollen, weil sie meinen eine Ahnung zu haben von meinem Leben, nur weil sie meine Texte gelesen haben und deshalb genau wissen, was in meinem Privatleben abgeht, könnte ich kotzen – ihnen am besten vor die Füße.

Mein scheiß Privatleben liegt in Trümmern vor mir und beim Aufsammeln der einzelnen Scherben schneide ich mich auch noch bis aufs Fleisch, könnte man meinen, wenn man als Außenstehender meinen Scherbenhaufen betrachtet – ach, warum muss ich es nur immer wieder so übertreiben?

Und dabei sollte ich doch jetzt eigentlich schon sooo ausgeglichen sein, weil spazieren gehen ja auch sooo toll ist, um seine Gedanken zu sortieren.

Ich bin sogar zu einem abschließenden Gedanken bezüglich Sarahs Kommentar gekommen. Sie meinte ja, dass es doch gar nicht so schlimm sei, dass sie alle mit mir schlafen wollen, statt Freunde zu werden, dass ich geschmeichelt sein sollte, weil sie mehr als Freunde sein wollten, weil sie mich so faszinierend fänden, dass sie mehr von mir wollten, sei doch super (zu ihrer Verteidigung: sie hatte, als sie dieses Statement gemacht hatte, auch schon einiges getrunken; ich ja auch, deshalb kann es auch gut möglich sein, dass sie das gar nicht so gesagt hat) – das Problem ist dabei halt nur: Sie lassen dich fallen, wenn du nicht mit ihnen schlafen willst, weil sie eben nach einem Liebhaber gesucht haben, du aber nach einem Freund, davon haben sie aber schon genug – oder ich bin einfach ein Arschloch, wer weiß das schon?

Arrrgh, konzentriere dich Stefan. Die, die mit solchen Filmideen um die Ecke kommen, wenn du einen niedergeschlagenen Text geschrieben hast, Keep Surfing ist doch auch ein geiler Film über eine Bande von Surfern aus Bayern, die mitten in München auf dem Eisbach surfen gelernt haben, gegen jede Widrigkeit und mittlerweile eine richtige Touristen-Attraktion geworden sind, meinen es doch nur gut mit solchen Filmen, sei jetzt kein Arschloch, sie wollen dich doch nur aufheitern – ja, aber ist das nicht gerade das Schlimme daran? Kann man es nicht mit einem Welpen vergleichen, der dir die Sonntagszeitung bringt? Sie ist zerknittert, angefressen und durchgesabbert, dass du sie nicht mehr lesen kannst; aber der Welpe meinte es ja nur gut, dem kannst du nicht böse sein.

Aber was sollte das mit den Mädels? Die waren vielleicht fünfzehn oder sechszehn oder noch jünger und quatschten in meiner Nähe über irgendwas und auf einmal ließ eine von ihnen eine Taschentücherpackung fallen, diese Solo Talent Marke, schoss die Packung unbeholfen zielstrebig in meine Richtung und meinte laut genug, damit ich es hören konnte, zu ihrer Freundin: “Du hast da was verloren.” – und weil ich nicht reagierte und nur verdutzt in ihre Richtung schaute, unsicher was diese ganze Sache nun bezwecken sollte, meinte eine von ihnen schließlich angewidert: “Was stimmt denn mit dir nicht?”, dann gingen sie ihrer Wege, als hätten sie niemals auf den Bus warten müssen.

Ich schüttele jetzt gerade noch einmal den Kopf, als müsse ich irgendwem widersprechen, dann werden meine Schritte endlich langsamer; das Pfeifen hat immer noch nicht ganz nachgelassen, wahrscheinlich war es doch nicht nur die Warmhaltekanne.

Ich massiere mir die Schläfe und wundere mich, wie schnell ich hier nun doch gelandet bin. Damals sah das noch nach so einer weiten Strecke aus, als Kind ist man drei Straßen weit gegangen und dachte die Welt umrundet haben zu müssen oder wenigstens kurz davor zu sein und deshalb das Mittagessen zu verpassen und jetzt laufe ich durch dieselben Straßen von damals, zwischen den Feldern einen Feldweg entlang und es sind nur gefühlte fünf Meter gewesen.

Aber diese fünf Meter haben sich definitiv gelohnt, der Wind ist zwar kalt und rau und bläst mir widerspenstig um die Nase, aber ich bleibe für einen Moment stehen und genieße den Augenblick.

Hier draußen zwischen den brachliegenden Ackern und dem sternenklaren Nachthimmel komme ich endlich zur Ruhe, kann ich klar nachdenken. Die Logik ist doch sowieso wie ein Labyrinth, wo man sich drin verlaufen kann und manchmal, da muss man sich einfach eingestehen, dass man sich verlaufen hat, umdrehen und einen anderen Weg einschlagen – selbst Schopenhauer war damals nicht unfehlbar.

Mir ist letztens noch beim Lesen eines seiner Werke aufgefallen wie er den Mangel an Verstand mit Dummheit und eben Stumpfheit in der Anwendung des Gesetzes der Kausalität, die Unfähigkeit zur unmittelbaren Auffassung der Verkettung von Ursache und Wirkung, Motiv und Handlung gleichgesetzt hatte und dafür ein Beispiel für Dummheit aus dem Irrenhaus anführte: Ein Junge von etwa 11 Jahren, der zwar Verstand hatte, da er sprach und vernahm, aber an Verstand manchem Tiere nachstand, denn er betrachtete, so oft ich kam, ein Brillenglas, das ich am Halse trug und in welchem durch die Spiegelung die Fenster des Zimmers und Baumgipfel hinter diesen erschien: darüber hatte er jedesmal große Verwunderung und Freude und wurde nicht müde, es mit Erstaunen anzusehen, weil er diese ganz unmittelbare Kausalität der Spiegelung nicht verstand – tja, lieber Schopenhauer, vielleicht war er auch einfach nur verträumt und in seinen eigenen Gedanken hatte sich eine ganze Welt aufgetan, als er in das Brillenglas sah, sah er vielleicht verspielte Lichtspiegelungen, die ihn zum Träumen in seiner sonst so kargen und trostlosen Umgebung anregten – aber ich kann da auch nur von mir selbst sprechen, dem mittlerweile so viel egal ist, was ihr alle als wichtig und lehrreich anseht.

Eine Horde Krähen steigt von einem vorbeifahrenden Auto auf der Landstraße gerade aufgescheucht in die Lüfte, ansonsten liegt die Gegend still vor mir und mein Kopf ist endlich wieder leer.

Keine Gedanken mehr, keine Worte mehr, nichts mehr.

Nur der Wind, nur die auf der Landstraße vorbeifahrenden Autos mit ihren Scheinwerfern und Rücklichtern, die die Nacht erhellen, ansonsten nur der sternenklare Himmel, der alle alltäglichen Sorgen so wunderschön unwichtig erscheinen lässt.


  1. Stefan Schürrer

    Leute, ich bin wirklich dankbar für die Film-Empfehlung keep surfing, hier der Trailer dazu: https://www.youtube.com/watch?v=gz9bA0CovQQ

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  2. Corina Wagner

    Hi lieber Stefan,
    musste zu Anfang Deines Textes grinsen, als ich las, dass Du 600 kg Gehacktes gekauft hast. Wow. Hast Du da z.B. Unmengen von Party-Frikadellen im Geiste hergestellt. Ich hätte als Metzgereifachverkäuferin schon ein bisschen gestaunt, wenn jemand so viel Gehacktes ohne Vorbestellung einkauft. ;-)) Sollten bestimmt 600 g Gehacktes, halb und halb sein. :-)
    Das Surfen in München habe ich auch schon beobachtet. Echt cool.
    Herzliche Grüße
    Corina

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