Das letzte Gespräch

Er sitzt vor dem Fernseher und schaut die sechs Uhr Nachrichten, man könnte meinen, alles ist wie immer, dass sich nichts verändert hat.

“Ach! Hallo, schön dich zu sehen. Das ist aber nett, dass du mich auf meine alten Tage noch mal besuchen kommst.” “Oh, guckt ihr gerade etwa fern?” “Ach, ich hab den ganzen Tag im Bett gelegen. Ich musste einfach mal aufstehen, verstehst du? Die ganze Zeit nur rumliegen, tut mir auch nicht gut – Guck mal, da stehen sie jetzt vor ihrem Scherbenhaufen, zu hoch gepokert und jetzt haben sie alles verloren.”, zeigt er enttäuscht auf den Fernseher, wo sie gerade einer nach dem Anderen aus den Jamaika-Verhandlungen kommen und vor die Presse treten, um ein kurzes Statement abzugeben.

Mutter meinte heute Morgen noch, ich solle nochmal bei Oma und Opa vorbei gehen. Sie würden sich sicher freuen, und allzu lange hat Opa ja auch nicht mehr – und dabei könnte ich mir noch so viele Geschichten anhören.

Als ich noch kleiner war und mit meiner Schwester bei Oma und Opa übernachtete, wenn Oma und Opa auf uns aufgepasst haben, hat Opa uns immer Geschichten aus der Zeit vor unserer Zeit erzählt – ob es seine Geschichten über die Kindheit von Mutter und ihrem großen Bruder waren, was sie für Blödsinn angestellt hatten, ganz besonders, wenn sich Mutter gerade wieder über unseren kindlichen Blödsinn bei Oma aufregte, seine Geschichten über seine Zeit in der Fabrik am Fließband oder seine Geschichten aus der Zeit, wo und wie er Oma kennen gelernt hatte – ich fand sie alle toll.

Es war wie eine Reise in die Vergangenheit, seine Vergangenheit, unserer Vergangenheit als Familie. Zu wissen, woher man kommt, zu wissen, was früher passiert war, hatte mich immer schon fasziniert – wahrscheinlich habe ich deshalb Geschichte studiert und nach dem Bachelor den Master gemacht und bereite mich deshalb jetzt so energisch auf die Professorenstelle vor.

“Es ist so lächerlich, wie sie da so vorsichtig an die Mikrophone herantreten, dabei ist das doch schon alles vorbereitet, von langer Hand geplant, dass sie da jetzt sprechen werden.”, lasse ich mich in diese typische Großeltern-Ledersofa-Garnitur fallen, die schon so viele Jahre auf dem Buckel hat.

“Möchtest du etwas trinken oder möchtest du vielleicht etwas essen? – Hans, du musst auch etwas essen, sonst fällst du mir noch vom Fleisch. – Er hat einfach keinen Hunger mehr, sagt er. Kannst du das glauben? Wenn der so weiter macht, ist bald nichts mehr von ihm übrig und mich kannst du dann ganz bestimmt einweisen, wenn das so weiter geht.”, schaut mich Oma mit diesem verzweifelten Blick an, den Mutter auch so gut drauf hat und rauft sich die Haare und geht, nachdem ich ihr Angebot abgelehnt habe, aus dem Raum und lässt uns zwei alleine sein.

“Kannst du mir einen Apfel abschälen? Ich bekomme so ein faules Gefühl im Magen.”, schaut er Oma hinterher. “Aber natürlich, klar.”, hole ich alles aus der Küche und erinnere mich an meine letzten Besuche – für ihn wurde es immer schwerer den Apfel alleine zu schälen, immer öfter schnitt er sich dabei, weil er ungeschickter wurde, kein Feingefühl mehr in den Fingern hatte.

“Gott, wie kann man nur so machthungrig sein!?”, schaltet er nach den Nachrichten den Fernseher aus. “Wie alt ist der? 93? Und hat immer noch nicht genug? Will immer noch nicht abdanken, der alte Sack.”, rümpft er die Nase. “Und du hast jetzt schon keinen Bock mehr, oder? Willst es endlich hinter dir haben?”, frage ich meinen Opa und ich sehe, ich habe damit einen Nerv getroffen – ich lache ihn an, ermuntere ihn so zum Reden.

“Ja, es ist einfach nur noch anstrengend, weißt du.” “Ja, hat Mutter schon gesagt. Gestern war mal wieder eine anstrengende, lange Nacht für euch, meinte Mutter heute Morgen noch.”, reiche ich ihm das nächste Stück. “Ach ja. Weißt du, es ist einfach ärgerlich, dass das Ende sich so lange hinziehen muss. Dass es nicht einfach so kommen kann, zack und gut ist, verstehst du? – Nein, dann muss man sich auch noch wochenlang quälen. Und diese Schmerzen – dass man nichts alleine kann.”, fängt er auf einmal fast an zu weinen angesichts seiner Lage; nicht einmal meinen eigenen Vater habe ich weinen gesehen, das nächste Stück Apfel gönne ich mir gegen das flaue Gefühl im Magen.

“Aber du hast es ja nicht nur schlecht gehabt, oder? Ich meine, du hast uns alle irgendwie groß gekriegt. Du hattest ja ein erfülltes Leben.”, schieße ich schnell in seine Richtung; zu schnell – dass es die falsche Wahl war, wird mir direkt klar.

Er macht sich direkt wieder zu, sitzt wieder aufrecht und lächelt mich durch glasige Augen an: “Nein, ich hatte wirklich ein schönes Leben gehabt, so ist das nicht … ich … ähm …”

Dann diese Stille, diese langanhaltende Stille, in der wir beide nur in den leeren Raum zwischen uns blicken – wahrscheinlich bin ich der Einzige in unserer Familie, der nachvollziehen kann, wie es sich anfühlt für alle stark sein zu müssen, auch wenn einem alles wehtut, wie es sich anfühlt, wenn man sich einmal zu oft in die Hände von anderen Menschen begeben musste, um die einfachsten Dinge zu tun, der versteht, wie es sich anfühlt auf den eigenen Körper wütend zu sein und niemanden dafür verantwortlich machen zu können, der, auch wenn er so gar keine Lust mehr hat, eigentlich alles hinschmeißen möchte …

“Nimmst du dann gleich die Briefe mit für Mama? Es sind bestimmt wieder nur Rechnungen und ich kann sowas doch schon lange nicht mehr und Oma ist damit heillos überfordert. Das wäre nett, wenn du das noch machen könntest. Machst du das? Wärst du so lieb, dass du sie jetzt mitnimmst, wenn du gehst?”, fragt er auf einmal in einem sehr bestimmenden Tonfall.

“ähm, ja. kann ich machen.”, schlucke ich das letzte Stück Apfel herunter.

“Das ist nett von dir. Ich geh jetzt auch wieder ins Bett. Ich bin müde. Ich wollte ja sowieso nur kurz die Nachrichten sehen, um nicht komplett den Bezug zur Welt zu verlieren und das habe ich, jetzt kann ich auch wieder schlafen gehen.”, stöhnt er beim sich aus seinem Sessel hochstemmen und schlägt dabei jede helfende Hand aus, die ich ihm reichen will.

Ich folge ihm die Treppe nach oben, Oma ruft noch, ob alles in Ordnung sei, dann setze ich mich an sein Bett. “Sag mal, liest du im Moment eigentlich ein gutes Buch? Ich hab da nämlich, glaube ich, genau das …” “Ne, ich les nicht mehr.”, nimmt er demonstrativ die Brille ab, legt sie mir in die Hand, macht die Augen zu und sagt noch: “Die Briefe liegen unten im Wohnzimmer. Danke.”

“Ok, ich geh dann mal und nehme die Briefe mit. Schlaf gut und träum was schönes. – Hab dich lieb, Opa. Ich komm dann in ein paar Tagen wieder.”, laufen bei mir die Floskeln ab wie am Fließband und im Flur treffe ich auf eine aufgelöste Oma.

“Und? Schläft er wieder?” “Ja, ich soll noch Briefe für Mutter mitnehmen.”, schaffe ich noch zu sagen und stehe auf einmal wieder auf der Straße, die Briefe in der Hand und aus meinen Kopfhörern dröhnt die neueste Musikempfehlung meines Bandkollegen: Frank Turnerglorious you


Tags: ,

  1. Ostello Jaeger

    Bei solchen Begegnungen,
    fühlen sich Worte merkwürdig an. Es ist schwer auszuhalten, das Wissen, ein geliebter Mensch wird für immer gehen.
    Die meisten meiner Vorfahren sind auch schon gegangen, es ist nichts Besonderes, es ist wichtig, kostet Kraft, es tut weh, es verändert…

    Danke für den schönen Text lieber Stef

    Antworten

  2. Stefan Schürrer

    Danke für deine netten Worte.

    Antworten

  3. Corina Wagner

    Feiner Text. Mitten aus dem Leben.
    Man spürt es als Enkel oder Enkelin, dass der Tag X immer näher rückt, dann muss man loslassen können, auch wenn es total schwer fällt. Man würde die Zeit anhalten, um den Prozess des Sterbens zu verhindern, aber man kann es leider nicht. Wenn man jung ist, hat man noch so viel vor im Leben und merkt dann plötzlich, dass das Sterben zum Leben dazugehört, auch wenn man den Tod gerne lieber verdrängt. Zurück bleiben nach dem Tod Erinnerungen. Sie können trösten, aber werden nie die Lieblingsoma oder den geliebten Großvater ersetzen und diese Tatsacher prägt auch das weitere Leben, wenn man nicht gerade emotionslos aufgewachsen ist.

    Antworten

Antworten