Hell’s Club

“Ob die Anderen schon da sind?” “Keine Ahnung, Mann – mir ist kalt. Lass einfach schon mal reingehen, die kommen schon noch.”, haut mir Arnold aufmunternd auf die Schulter und setzt sich in Bewegung.

“Wie war eigentlich die Beerdigung?”, peitscht uns die Musik unserer Jugend um die Ohren, Monsterparty von Die Ärzte dröhnt aus den Boxen und begrüßt uns prophetisch; da wir noch zu zweit sind, quatschen wir ein bisschen,vor allem darüber, wie es jetzt ist, wenn eine ganze Generation fehlt.

Ich heule mich ein bisschen bei ihm aus und will mich dann dafür entschuldigen, dass ich die Stimmung so torpediere, da meint er, ist doch völlig ok – es heißt doch, jeder trauert anders und irgendwie bin ich froh, dass das mal jemand angesprochen hat; wann reden wir denn auch mal über solche Sachen.

Er redet noch von seinen verstorbenen Großeltern, so entsteht ein intimer Moment zwischen uns, der nur durch die Bedienung unterbrochen wird, die unsere nächste Bestellung aufnehmen will; deshalb wechselt er schnell das Thema.

“Hast du eigentlich den neuen Mord im Orient Express gesehen? – Genial! Ich hab den in London gesehen und es lohnt sich wirklich den im Kino zu sehen! Also ich hab das Buch nicht gelesen, aber der Film ist echt klasse! Mit einer Top-Besetzung, wieder 1ste Klasse Schauspieler dabei! – the who’s who of Hollywood!”, lacht er und bestellt zwei weitere Bier bei der Bedienung, die mich mustert und anlächelt: “Sag mal, kenn ich dich nicht auch von irgendwoher? Ich glaub, ich hab dich letztens im Zug gesehen und da kamst du mir so bekannt vor, da wollt ich dich aber nicht so einfach ansprechen.” “Mh, ach – hättest du ruhig machen können.” “Ja? – ok, dann weiß ich fürs nächste Mal Bescheid – wart ihr damals nicht immer in der Kneipe am Bahnhof?” “Jo, öfter. Damals mehr …”, als man noch keinen Alltag hatte, erwidert Arnold und gerade, als bei Carry on Wayward Son die Gitarre einsetzt, platzt mein anderer Schulfreund mit seiner Verlobten herein, im Schlepptau einen anderen Kumpel aus unserer Schulzeit und dessen neue Freundin, die gerade wohl alle zeitgleich mit dem Fahrrad angekommen sind.

“Ich hab die Buchvorlage von Agatha Christie auch noch nicht gelesen, aber dafür die Adaption von Dr. Who gesehen, Mord im Orient Express im Weltall!”, hören die Anderen nur und stutzen kurz, bis Arnold den Anderen kurz erklärt, worum es geht.

“Hier, wir waren gerade noch Ringe gucken und haben uns für diese entschieden.”, zeigt die Verlobte für den Rest von uns ein Foto rum und gibt so erst einmal den Ton an. Als das Handy bei mir ankommt, stupse ich die andere Freundin an, reiche ihr das Handy weiter: “Guck mal, schick oder?”

Sie strahlt und schaut die Verlobte an: “Die sind wirklich schön, wo habt ihr die her?”, ist das erste Beschnuppern der Beiden heute Abend. “Ach, die Ringe müssen nur einer Person gefallen.”, lächelt mein alter Schulfreund seine Verlobte nach einem kurzen sachlichen Informationsaustausch, der in einem witzigen Schlagabtausch endete, an und nimmt ihre Hand, sie werfen sich Blicke zu, die sagen, wir schaffen das zusammen; dann folgen noch ein paar Herr-der-Ringe-Witze á la Ein Ring sie zu knechten und schließlich gehen wir über zu Fotos der neuen Küche, die dann auch rumgereicht werden.

Da der eine Schulfreund seine Freundin, die heute in unsere Gruppe eingeführt wird, bei uns am Tisch zurückgelassen hat, um die neue Runde zu bestellen und dies länger dauert, sie sich deshalb schon hin und wieder unsicher zu ihm umdreht, stupse ich sie wie selbstverständlich wieder an, halte ihr diesmal das Handyfoto der neuen Küche hin, sodass sie wieder ins Gespräch eingebunden wird.

Der, der gerade an der Theke steht, erzählte mir gerade noch von seiner Profisportlerkarriere und wie man es richtig merkt, wenn man ein paar Wochen kein Hochleistungssporttraining mehr gemacht hat, dann wird man richtig zäh in den Beinen, kommt jetzt endlich von der Theke mit einem ganzen Tablett Schnaps zurück.

Weil aber immer noch einer aus der Runde fehlt, wir deshalb noch keine Karten spielen können, betasten sich die Unbekannten untereinander weiter, stellen irgendwelche banalen Fragen wie, wo wohnt ihr, auch weil die Einen ja jetzt als Paar zusammengezogen sind; mich langweilt das alles ein bisschen, ich baue aus den Karten ein kleines Kartenhaus und als Arnold, mein ältester Freund, meinen Part in der Gruppe übernimmt – er schafft es heute sowieso so gut, mir meine Rolle in der Gruppe abzunehmen und gratuliert den Verlobten vor allen Anderen, spricht einen Toast aus und all diese Dinge, die ich sonst immer gemacht hätte und worüber ich auch schon so lange nachgedacht habe, ob jetzt der passende Zeitpunkt sei oder später – und jetzt die schleppender werdende Unterhaltung rettet mit der Frage nach Aldi Süd und Aldi Nord, bei wem welche Filiale vor Ort ist und dass nur die Stadt Essen, glauben sie jedenfalls, beide Filialen hat, da wache ich aus meinem meditativen Kartenhausbau auf, auch weil mich die Verlobte beim Bau der Spitze des Kartenhäuschens herausfordert mit: “Und, schaffst du noch einen draufzusetzen?”

“Für ‘ne Stadt schon scheiße, wenn sie nur dadurch berühmt ist, dass sie Aldi Nord und Aldi Süd hat.”, lege ich die oberste Karte auf’s Kartenhäuschen und stelle dann zwei Karten schräg aneinander darauf, es wackelt kurz, auch weil der Tisch vor Aufregung und Gelächter wackelt, dann steht es sicher, sodass man denken könnte, es wäre ein schönes Denkmal unserer Zeit, doch dann bricht es auch schon in sich zusammen, dass der ganze Tisch aufschreit wie nach einem knapp gehaltenen Elfmeterschuss der Lieblingsmannschaft.

“Arnold, was machst du da?”, fragt der Verlobte unter uns auf einmal in die Runde. “Ich versuch mich an einem Panorama-Foto.”, löst er ein Sprachwirbel unter den Anwesenden aus. “Das kannst du doch gar nicht!”, “Bei dir ist das immer schief!”, “Mich hast du nie drauf!”, “Warte, meine Frisur sitzt nicht richtig.”, rufen sie laut, unterhalten wahrscheinlich die ganze Kneipe.

“Ich geh mal eine rauchen.”, lasse ich die gute Stimmung am Tisch zurück. “Das schadet dir und deiner Umgebung!”, rufen sie mir vom Tisch noch verschmitzt hinterher, ich aber brauche eine Minute für mich, einen Augenblick, um Luft zu holen, sonst versinke ich noch in diesem Wirbel aus guten Geschichten, gewohnten Gesichtern und Gelächter und vergesse für einen Augenblick, dass es nur temporär ist, dass das Leben für mich ab Montag wieder den gewohnten Gang nimmt.

Mir ist, als würde Journey – Don’t stop believing, Fleetwood Mac – Go Your Own Way, The Jimi Hendrix Experience – All Along The Watchtower und Byran Adams – Summer of 69 und obendrauf noch AC/DC – You Shook Me All Night Long zur selben Zeit gespielt, bis nach draußen dringt die Musik unserer Ahnen – die Nachbarn freuen sich bestimmt, wenn dass das ganze Wochenende so geht.

“Ich war gestern noch auf einem Ortstermin bei drei Chinesen …”, “Ich hoffe, mit ‘nem Kontrabass!”, begrüße ich die Raucher draußen. “Ah, schaut an, wer sich da wieder mit einem dummen Spruch blicken lässt – ist dir die Musik gerade wieder mal zu viel geworden?”, fragt mich der ältere Stammgast, als ich noch nach meinen Zigaretten in meiner Jacke suche.

“Jo, wie immer … irgendwie … irgendwann.”, lache ich. “Noch immer die alte Leier?”, kontert er mein Lächeln schäbig, dass man seine Zahnlücken sehen kann. “Boah, ich hab meine Handschuhe vergessen – verdammt kalt hier draußen.”, meint seine Rauchergesellschaft, die sich gerade simultan mit mir eine neue Zigarette angesteckt hat und lässt mir so gar keine Chance auf den Alten einzugehen. “Ha, was soll ich denn sagen? – ich hab nur meine Übergangsjacke an.”, lache ich, was sie zum Schmunzeln bringt: “Danke, jetzt geht es mir gleich viel besser.”, zwinkert sie mir zu – ja, die ist mir sympathisch …

Von drinnen erhalte ich etliche Panorama-Fotos, gute Vibes mit Ed Sheeran – Shape of you locken mich wieder rein zu meinen alten Freunden, sie begrüßen mich mit einem Wo warst du nur so lange? – Wir haben schon mal die nächste Runde bestellt!

Der Verlobte erzählt von der letzten Klassenfahrt mit den Kids und dass sie ja jetzt so eine absurde Kay One Variante von einem Modern Talking Lied Brother Loui in ihrer Kinderdisco die ganze Woche rauf und runter gehört haben und der Andere will gerade zum zehnten Mal seine Liebings-Chaosgeschichte der verhängnisvollen Nacht in der Bielefelder Disco erzählen, der Nächste bestellt schon wieder eine Runde Schnaps und endlich meldet sich auch der letzte, verloren geglaubte Sohn aus der Gruppe über Whatsapp, er verspäte sich, freue sich und mache sich jetzt endlich auf den Weg.


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