Unerwartete Begegnungen und mehr – aus Münster

“Und wie kommen wir jetzt am besten zum Museum?” “Keine Ahnung, Mann – ist doch deine Stadt. Du kennst dich hier besser aus.”, war ich immer noch ein wenig überrascht, dass er nach dem Essen meinte, ich komm noch mit ins Museum.

Ich hatte ihm von der Kuratorenführung vorgeschwärmt, von der süßen Kuratorin und wie gut sie ihre Arbeit gemacht hatte und das ich jetzt noch einmal in die Sonderausstellung wollte, um mir ein paar Künstlernamen rauszuschreiben für meinen neuen Artikel, an dem ich gerade noch arbeite.

“Ach, komm. Mein. Dein. Das sind doch bürgerliche Katego …” “Stimmt, es gibt nur witzig und nicht witzig; hab ich ganz vergessen.”, unterbrach ich ihn sofort, was ihn nicht weiter störte. “Gut, ich würd’ sagen, wir gehen hier lang, dann diese Straße, die du nicht kennst, dann über diese dir unbekannte Straße, dann nenn ich jetzt noch ein paar Straßennamen, die dir auch nichts sagen werden, sozusagen als kurze Wegbeschreibung und eigentlich führen ja alle Wege nach Rom, aber der Weg, den ich für uns ausgewählt habe, der sollte uns definitiv ans Ziel bringen – trotz Weihnachtsmarkt-Chaos.”, erklärte er mir den Weg, während wir darauf warteten, dass die Ampel auf Grün umschlug.

“Wenn du meinst, ich folge dir einfach mal.”, kam von mir geistesabwesend, worauf er nur den Kopf schüttelte und mir einen verspielten, kleinen Klaps auf den Hinterkopf gab: “Mann, du musst dich doch in deiner eigenen Stadt auskennen.” – naja, irgendwo hatte er ja schon Recht; aber ich hatte einfach noch keinen Kopf für Wegbeschreibungen.

Schließlich hatte ich den Koch beleidigt, dem Kellner gerade zu wenig Trinkgeld gegeben und einen sexistischen Kommentar über die Kuratoren konnte ich mir auch nicht verkneifen, und das alles mitten im Lokal, nur weil ich witzig sein wollte; dabei versuchte ich zu überspielen, dabei war ich einfach nur so unendlich … na, kurz gesagt: ich war nervös.

Schon auf der Arbeit hatte ich Angst vor unserem Treffen, obwohl ich keine Angst hätte haben müssen, es war schließlich mein Bruder, mein großer Bruder, den ich zum Essen treffen würde, aber die ganze Zeit von der Arbeit zum Restaurant ging mir dieses Lied von Olli Schulz irgendwie nicht aus dem Kopf, Irgendwas fehlt und je mehr ich an dem neuen Artikel arbeite, desto mehr glaube ich, du hast mir die letzten Jahre irgendwie gefehlt – auch wenn wir uns beide nie ganz aus den Augen verloren haben, hatten wir uns für verschiedene Lebenswege entschieden, die uns immer weiter voneinander entfernt hatten.

Auf dem Weg zum Museum hatte er einige Gesprächsthemen, die er unbedingt mit mir besprechen wollte, hatte ich zumindest den Eindruck, deshalb bemühte ich mich jetzt wieder ihm zuzuhören: “Seine Intention dabei war wohl, der Stadt Münster mit diesem komischen Pendel ein Geschenk zu machen. Aber was mich am meisten ankotzt, ist folgendes, weißt’e, da kommt dann dieser Gerhard Richter daher und hält seine Eröffnungsrede und sagt dann so oberflächliche Sachen wie Das ist der Triumph der Wissenschaft über den Glauben! - und alle Welt dann, weil es ja der große Richter gesagt hat, Oh ja! Wow! Genau! – dabei ist seine Aussage totaler Müll! Das begreift man direkt, wenn man sich nur mal fünf Minuten näher damit beschäftigt. Die Kirche hat als Institution doch jahrhundertelang die Wissenschaft gefördert und vorangebracht, aber alle Welt kennt nur dieses Bild von Brechts Galileo Galilei.” “Oh, hehe – das wär mir auch eingefallen. Und natürlich die Mönche in den mittelalterlichen Klöstern, die all das Wissen der Antike übersetzt haben, weitergegeben haben und gesammelt haben …”

“Ja! – was ja viele nicht wahrhaben wollen, viele hohe Geistliche waren führende Wissenschaftler auf den verschiedensten Gebieten der Wissenschaft und haben über die Jahrhunderte doch für große Durchbrüche in der Wissenschaft gesorgt!”, unterbrach er mich und ging dann sogar noch ins Detail, nannte einige konkrete Beispiele und gab mir verschiedenste Namen, aber da er mir einige Schritte voraus war, schoss jetzt auch noch ein Fahrrad zwischen uns vorbei, so redete er gerade mehr mit der Luft als mit mir; ich hatte deshalb etwas Mühe, ihn wieder aufzuholen.

“Mann, immer diese Fahrräder.”, wechselte ich deshalb das Gesprächsthema, als ich wieder an seiner Seite war. “Ja, da musst du in Münster schon drauf aufpassen.” “Ja – die kommen auch von überall! Von hinten, von vorne, von oben und unten, von links und von rechts, wie aus dem Nichts; wirklich grotesk!” “Witzig.”, nickte er anerkennend und wirkte selbst in Gedanken versunken. “Weißt du, ich war letztens in einer Kulturausschuss-Sitzung und da wurden die Großprojekte der nächsten Jahre besprochen, unter anderem auch Bauhaus.” “Bauhaus?” “Ich weiß, was du sagen willst: Bauhaus ist doch gar nicht so krass in Westfalen vertreten gewesen! - Dabei ist Bauhaus viel mehr als Architektur! Es hat die ganze Weimarer Gesellschaft beeinflusst und geprägt – könnte ich eigentlich auch einen Artikel drüber schreiben.”

“Meinst du nicht, dass Münster nach den Skulptur-Projekten eine Atem-Pause verdient hat?”, fragte er schließlich, während er sein Fahrrad, dass er meinetwegen den ganzen Weg vom Restaurant zum Museum geschoben hatte, abschloss. “Hä? Wie meinst du das denn jetzt?” “Na, ich meine die Bauhaus-Geschichte. Ist so eine Großveranstaltung kurz nach den Skulptur-Projekten so eine gute Idee?” “Mh, weiß nicht.”, versank ich jetzt wieder in Gedanken; anscheinend wechselten wir uns damit ab wie beim Tag-Team-Wrestling – nur wen hatten wir als unseren Gegner in dieser Metapher?

“Tel Aviv ist übrigens voll von Bauhaus, mega interessant. Da ist dann der historische Stadtkern und an jeder Ecke ist irgendwas mit Bauhaus!”, liefen wir durch die Vorhalle des Museums und irgendwie beschlich mich das Gefühl von allen angestarrt zu werden, als erwarteten sie von mir irgendwas – mein schlimmster Albtraum ist in Erfüllung gegangen, dachte ich vor ein paar Monaten noch, und musste bei diesem Gedanken mittlerweile schmunzeln, denn sie starren ja mehr aus Bewunderung und sobald einem das einmal klar geworden ist, fällt jede Angst von dir ab – aber seltsam ist das schon.

Ich habe doch bekommen, was ich wollte, werden jetzt einige sagen: “Alle Welt redet über dich!” – aber keiner redet mit mir, könnte man formulieren. Es ist wenigstens tröstlich, dass die, die mit Kultur zu tun haben, sich nichts daraus machen und sich halbwegs normal in meiner Nähe verhalten.

Alle Anderen in der Öffentlichkeit wollen nur die nächste Sensation in einem meiner Texte werden und warum mühe ich mich so damit ab, die richtigen Worte zu finden, wenn Amanda Palmer die Stimmung bei Einem ihrer live-Auftritte so wunderbar eingefangen hatte, als ironischer Mittelfinger an die Fans mit: I want you, but i don’t need you – @ The Metro in Chicago

Damals, als Kind, habe ich es gehasst angeglotzt zu werden, wenn ich über einen Platz lief, ganz besonders, weil ich immer zu stolperte und strauchelte und deshalb von den anderen Kindern immer ausgelacht wurde; ich fühlte mich nur sicher im Kreise meiner Freunde und meiner Familie – wenn mein Bruder an meiner Seite war, fühlte ich mich logischerweise unbesiegbar, ansonsten hatte ich immer Angst.

“Sollen wir unsere Sachen einschließen?”, fragte er. “Halt mal kurz.” “Ne, ne, fick dich! Kommt gar nicht in Frage – ich bin der Meister im Halt mal kurz. Das brauchst du gar nicht erst bei mir zu versuchen.”, hatte er seinen Rucksack ins Schließfach gelegt und faltete gerade seine Jacke fein säuberlich auf, sodass sie keine Knicke kriegte. “Mist, er hat ja auch Marc Uwe und das Känguru gelesen.”, sagte ich mehr zu mir selbst, als zu ihm. “Ok, dann stopf ich meine Sachen einfach bei dir mit rein.”, warf ich erst die Tasche rein, zog meine Jacke aus und stopfte sie dazu, um dann meine Mütze im hohen Bogen und meinen Schal zusammen geknauscht wie einen Basketball ins Schließfach zu werfen.

“Hey, dann mach doch wenigstens die Klappe zu!”, fing er all die Sachen gerade so auf und hatte große Mühe damit. “Was?”, tat ich auf verwirrt und warf ahnungslos hilfslos beide Arme in die Luft, ich nix verstehen, sagte mein Blick und das machte ihn leicht wütend. “Ich geb mir hier schon alle Mühe alles zurückzuhalten, aber das ist ja wie eine verdammte Lawine!”, mühte er sich ab unsere beiden Taschen, die Mützen, die Schals, die Handschuhe und unsere Winterjacken in das kleine Schließfach zu zwängen und alles zurückzuhalten und gleichzeitig irgendwie die Klappe des kleinen Schließfachs zu schließen.

“Ach, stell dich mal nicht so an, verdammt nochmal.”, schüttelte ich über das unnötige Drama nur den Kopf und half ihm endlich die Klappe zuzumachen, dass er erfreut aufatmete.

“Wollen wir mit dem Aufzug fahren?”, fragte ich sachlich, nachdem uns die Kartenfrau gefragt hatte, ob wir uns einen Prospekt teilen könnten und mein Bruder darauf: “Nein, das würde nicht gut ausgehen.”, setzten wir unser Spiel des wir-fragen-uns-nur-banale-Sachen fort.

“Bist du schon erschöpft?”, fragte er deshalb besorgt. – - Ja, aber … “… wir wollen doch zur Sonderausstellung, oder? Also dafür bin ich zumindest hergekommen und da kommen wir mit dem Aufzug am schnellsten hin.”, lief ich voraus. “Ich hab wirklich keine Ahnung, wie man den lesen soll.”, faltete er leicht resignierend an dem Broschürenprospekt zur Veranstaltung herum und drehte und wendete ihn leicht verzweifelt hin und her – aber so sind große Brüder wohl einfach; immer irgendwie besorgt um den kleinen Bruder.

Er sieht wohl immer noch den kleinen Jungen in mir, der jedes Mal hilflos zu ihm gerannt kam, wenn er nicht weiter wusste – tja, die Welt ist halt groß und gemein; niemand wird sich um dich kümmern und sobald du das erst einmal verstanden hast, verändert es dich, würde ich sagen.

Im ersten Raum der Sonderausstellung Unerwartete Begegnungen erzählte ich ihm von dem kleinen “Skandal”, dass Josef Albers ein paar Sachen seiner Frau unter seinem Namen veröffentlicht hatte, ihr wollte er wohl keinen Ruhm zugestehen oder sowas in der Art, mein Bruder meinte nur, die Wandteppiche seien ja auch Bauhaus und im zweiten Ausstellungsraum erzählte ich ihm von der Verbindung der ausgestellten Künstler untereinander und wie cool es doch ist, dass wir hier dank der Sammlungsausstellung einen Einblick in die Kunstgeschichte Deutschlands der letzten 100 Jahre kriegen, im dritten Ausstellungsraum fiel uns beiden das Mädchen auf, die fleißig alles mitschrieb, während wir uns über die ausgestellte Kunst unterhielten und bei Andreas Siekmann wiederholte ich die coole Beschreibung der Kuratorin, dass er sich mit der Ökonomisierung und Privatisierung des öffentlichen Stadtraumes auseinandersetzte und die kleinen Serien als sarkastischer Kommentar verstanden werden könnten und jede Serie eigentlich Vorlagen für Großprojekte sein konnten, die er aber nie umgesetzt hatte und bla bla und bla und bla … irgendwann war ich des Redens müde, auch weil er mir irgendwann sowieso nicht mehr zuhörte; ich merke mittlerweile sehr schnell, wenn Leute dicht machen – es ist ein wenig unverschämt, aber wem kann man es verübeln? Zu viel Eigenlob stinkt drei Meilen gegen den Wind.

“Da hab ich mir jetzt aber mehr drunter vorgestellt.”, war sein abschließender Kommentar, als wir aus der Sonderausstellung raus waren. “Naja, aus so einer großen Sammlung eine Ausstellung zu machen, ist halt auch schwierig.” “Ja, aber ist das dann nicht ein Eingeständnis zur Niederlage, Unerwartete Begegnungen ist dann doch als Titel sowas wie ein Eingeständnis, kein richtiges Thema gefunden zu haben.”, war seine niederschmetternde Meinung, die ich so nicht ganz unterschreiben würde – schließlich sah man hier Bilder, die man sonst nicht ausgestellt sah, antwortete ich ihm und die Kuratorin hatte es mir ja auch so versucht zu erklären, als ich die gleiche Frage stellte und sie damit etwas überraschte, deshalb ruderte ich bei der Kuratorenführung direkt etwas zurück und fragte stattdessen im zweiten Anlauf, ob die Provinzial Versicherung irgendein Konzept bei der Erstellung der Sammlung hatte, nicht die Ausstellung – sie hätte mich da falsch verstanden.

Sie antwortete nämlich erst etwas überrumpelt, dass sie das dann wohl nicht genau genug erklärt hatte am Beginn der Ausstellung und das sie in den verschiedenen Räumen verschiedene Themen abzuarbeiten versuchten und sich für jeden Raum ein bestimmtes Oberthema rausgesucht hatten, um der Sammlung gerecht zu werden und … ach so, ja. Ok. hehe. Das Interessante an der Sammlung sei doch, nicht wie bei anderen Stiftungssammlungen, dass sie sich nicht an den Interessen der Vorstandsvorsitzenden orientiere, sondern dass man durch den groben abgesteckten Rahmen, Kunst in Westfalen, ein weites Spektrum der deutschen Kunstgeschichte abbilden könne.

“Ah, die Mona Lisa Westfalens – und guck mal, von wie vielen Sponsoren die finanziert wird.”, zeigte er in der Dauerausstellung auf August Mackes berühmtestes Gemälde und die dutzend Sponsorenplaketten. “Ja, ist ja auch verdammt viel wert – wusstest du, dass das mittlerweile zu einem richtigen Problem geworden ist für Museen? Wenn die Gemälde immer teurer werden, steigen auch die Versicherungen, die die Museen dafür hinblättern müssen, um sie auszustellen und die hohen Preise kann sich bald kein einfaches Museum mehr leisten.”, stolperten wir jetzt durch die Dauerausstellung.

“oh.”, höre ich nur neben mir. “Und das am Kunstmarkt Schwarzgeldwäsche im hohen Stil betrieben wird, so die Kunstmarktpreise unfassbar in die Höhe schnellen, sollte mittlerweile doch jedem bekannt sein. Und wenn sie dann doch mal von interessierten Privatleuten aufgekauft werden, verschwinden sie für 30ig oder 40ig Jahre aus der Öffentlichkeit.” “… jetzt sei doch mal nicht so negativ.”, war er noch immer in seiner eigenen Welt, wirkte Kilometer weit entfernt. “Das ist mein Geheimnis, ich bin immer negativ.”, grinste ich und sah nun ein kurzes anerkennendes Lächeln über sein Gesicht huschen, dass mir versicherte, er war wieder bei uns.

“Ach, die Romantik – eine schöne Kunstrichtung! Guck doch mal; aber sowas ist bestimmt wieder zu friedlich für dich, oder?”, zeigte er auf eine malerische Landschaft. “Ja, schon – leider. Aber mir kann so ein Gemälde ja trotzdem gefallen, oder? Auch wenn es nicht meinem Geschmack entspricht, kann ich es doch gut finden – guck mal, das da sieht so aus, als ob Ezio da hinten das Gebäude hochklettert.” “Ha! Ja, genau – als ob er jeden Moment da vom Turm runterspringt.”, ging er nachdenklich näher an das Bild heran, um dann wieder in sein belehrendes Blubbern zu fallen, dass ich so liebe an ihm: “Ich könnte mich stundenlang vor solchen Gemälden aufhalten. Diese friedliche Atmosphäre, dieses Farbenspiel und die Pinselstriche, schau dir doch nur mal diese Details an!”

“Ich hätte es nicht besser ausdrücken können, vielleicht nur: Das da schön.”, platzte es mir in einem Flintstone-Dialekt raus und zeigte auf ein weiteres Landschaftsbild. “Hehe, ja – auch gut.”, musste er schmunzeln. “Nein, ich finde auch, die spielen viel mit Licht, mit Sonnenaufgängen und Sonnenuntergängen als einzige Lichtquelle und sowieso diese ewige Untergangsstimmung.” “Bzw. hier sogar der Vollmond als Lichtquelle.”, zeigte er ganz elektrisiert auf ein anderes Gemälde und lachte anerkennend, setzte sich wieder in Bewegung.

Ich trottete ihm wieder hinterher, mein ganzes Leben gab er mir schon den Takt vor, zeigte mir die möglichen Fußstapfen, in die man als kleiner Bruder treten kann. “Ach, ich liebe diese Säulendinger.”, strich ich über den Mamor, als er auf sein Smartphone herumtippte. “Ja, sie haben ja den Altbau in dem Anbau damals integriert.”, guckte er nur kurz vom Getippe hoch.

Im nächsten Raum war ich dann aber nicht mehr aufnahmefähig, es war ein verdammt langer und anstrengender Tag.

Er laberte noch was von Bidermeier und bei einem Papstportrait, einer Segnung von irgendwem irgendwo irgendwann, wo die Papstfigur als Lichtgestalt auftaucht, gab er mir mal wieder eine historische Einordnung und eigentlich liebe ich ihn dafür, wenn ich nicht so fertig und ausgelaugt gewesen wäre, hätte ich ihm wirklich gerne weiter zugehört, wie ich es schon all die Jahre getan hatte. Ich hatte mir heute all sein Wissen aufgesaugt wie einen Schwamm, nun musste ich ihn aber bei der Beschreibung des Papstbildes mit einem sprichwörtlichen Stolperstein unterbrechen, um ihn von seiner Schwärmerei für dieses Papstbild abzulenken: “Sind solche Bilder nicht immer Auftragsarbeiten gewesen und deshalb in irgendeiner Weise verfälscht und nicht historisch korrekt?”

Er sprang natürlich direkt drauf an, ging mir in die Falle: “Ja, klar! Das beste Beispiel, dass mir da einfällt, ist die bla bla Kirche in unserer Heimatstadt, wo sie dieses Gemälde hängen haben, wo irgendwas geschichtliches drauf dargestellt wird und der damalige Bischofgedöns hat sein Gesicht in die wichtigste Person malen lassen und natürlich auch die Gesichter all seiner Berater und eigentlich sowieso seines ganzen Stabes, bis runter zum Hausmeister ebenfalls im Gemälde verewigen lassen – und hier haben wir mal wieder so ein Schlachtengemälde. Ich finde es ultra spannend, dass sie ja auch immer die politische Landschaft abbilden, in einer gewissen Art zumindest.” “Mhm, hier haben wir die tapferen Germanen, die gegen die bösen Römer siegen, natürlich im deutsch-französischen Krieg entstanden – ich hab immer aufgepasst, wenn du mal wieder dein geschichtliches Gedöns vom Band gelassen hast!”, war ich zu erschöpft, um seine Leistung anzuerkennen.

“Wir könnten jetzt noch durch die Mittelalterausstellung, aber da würde ich dann bestimmt wieder kein Ende finden.”, kam jetzt resignierend von ihm. “Ne, da bin ich letztens noch mit der französischen Praktikantin drin gewesen. Richtig cool, mit ihren beiden Mastern in Jura und Kunstgeschichte konnte die mir eine richtig qualitativ wertvolle, private Führung geben! – aber lass mal wirklich gehen, ich kann auch nicht mehr.” “Ich glaube, wir kommen da hinten wieder raus.”, ging er wieder voraus und bog um eine Ecke, stoppte so plötzlich wieder, wie er losgegangen war, deshalb lief ich fast comic-haft in ihn rein: “Oh, da ist zu.” “Oh, stimmt. Die renovieren. Dann lass runter gehen und da hinten kommen wir dann wieder raus – glaube ich zumindest.”

“Jetzt versteh ich auch, warum sich Marcus Brody immer im eigenen Museum verlaufen konnte.”, scherzte er und brachte mich zum Lachen; in Gedanken machte ich mir eine Notiz für später: Wie cool wäre das denn, sich jetzt auf die Suche nach dem Heiligen Gral zu machen – oder besser noch, den Heiligen Gral gefunden zu haben?