Hell’s Club 2

Ich sollte nach so einem Abend mit den Jungs eigentlich direkt ins Bett gehen, lieber keine Texte mehr schreiben und dabei auch keine deprimierende Musik hören wie Of Monsters and Men – Organs; und schon gar nicht noch einmal Sylvia Plath – The Bell Jar bis fünf Uhr morgens auf’m Klo lesen.

Alles fing damit an, dass vor ein paar Tagen eine Kassiererin aufstand, weil ihr der Rücken vom langen Sitzen und der immer gleichen Bewegung wehtat, als sie meine Ware über den Scanner schob, meinte sie noch: “Hi ‘tschuldigung, aber das hier ist manchmal wie eine Zelle.”

Da ging mir schon die nächste Geschichte durch den Kopf, ich wollte dieses Erlebnis mit einem anderen Erlebnis an der Kasse verbinden, als ich eine Mutter mit Kind mit Essensgutscheinen bezahlen sah; aber da gerade erst Mittagspause war, musste ich mich mit dem Schreiben bis zum Feierabend begnügen, da ich später aber auch keine Zeit hatte und über die Feiertage mit anderen Projekten beschäftigt war, musste ich bis jetzt damit warten.

Je mehr ich das menschliche Verhalten analysiere und verstehe, auch im Hinblick auf die realistischere Entwicklung von Charakteren in meinen Texten, desto weniger kann ich auf Ehrlichkeit als Mittel der Kommunikation verzichten – notierte ich mir für einen weiteren, zukünftigen Text.

“Der Besitzer der Kneipe, die damals unten am Bahnhof war, hatte nach dem letzten Wochenende noch sowas gesagt wie: Die Kneipe wird bestimmt voll, da brauchen wir unbedingt zwei Bedienungen; hat er gesagt. Der ist schon so lange im Geschäft, der kennt das schon, dass nach sowas der Laden immer voll sein wird.”, da sie mich aber in der Ecke stehen sieht, fügt sie noch an: “Ich meine, es bietet sich auch an, oder? Der 22te ein Freitag, der 23te ein Samstag. Und dann Weihnachten. Da ist das Wochenende vorher nochmal unendlich viel los und am 26ten dann noch einmal.”, zieht sie noch einmal an ihrer Zigarette und versucht zu vermeiden rot zu werden.

“Es vor Weihnachten und nach Weihnachten noch einmal so richtig krachen lassen, dass sind mir die Richtigen.” “Wie soll man es denn sonst aushalten?!”, lache ich in der zweiten Reihe bitter auf und asche meine Zigarette im Aschenbecher ab, greife dafür zwischen den Leuten hindurch. “Oh, ha! – ja, stimmt! Mit der buckeligen Verwandtschaft ist das natürlich sonst nicht auszuhalten …”, fängt die Erste an zu lachen und versinkt in Gedanken.

Auf der Weihnachtsfeier meiner Abteilung hatte der israelische Praktikant von seiner Weihnachtstradition bei sich zu Hause berichtet und dass sie eine ganze Woche lang nur fettiges Essen essen. Fettiges Essen sei zwar keine religiöse Tradition an sich, es ist viel mehr eine Volkstradition, die jeder Haushalt macht, erklärte er; darauf haben wir dann aber erst einmal all die religiösen/volkstümlichen Traditionen, die wir so kennen, auf das Entscheidene herunter gebrochen – damals war es ja auch üblich, sich vor dem Fasten noch einmal den Magen vollzuschlagen mit all den Vorräten, die den Winter überdauert hatten.

Meine Chefin erzählte daraufhin noch, dass man mittlerweile übrigens bewiesen hätte, dass Weihrauch eine desinfizierende Wirkung hat, eine Antibakterielle, und man es deshalb im Mittelalter in der Messe versprüht hat, um die sich ausbreitenden Krankheiten unter Kontrolle zu kriegen – ich für meine Verhältnisse hörte ihr dabei aufmerksam zu und als sich das Gespräch von diesem Thema auf jenes Thema gewandelt hatte, meinte ich zur nächsten Debatte, dass immer mehr Menschen verschnupft die öffentlichen Verkehrsmittel betreten und damit andere anstecken und wie unverantwortlich das sei, dass man doch einfach die Menschen, die verschnupft in Bus und Bahn steigen, mit einer Ladung Weihrauch besprühen sollte, am Besten so ein Raumspray an der Decke, das im zehn Sekundentakt die Luft mit Weihrauch erfrischt.

Alle lachten, nur meine Chefin konnte um zwei Ecken denken, lachte doppelt lange, denn sie hatte den gleichen mittelalterlichen Gedanken wie ich, mit was für einer religiösen Begründung laden wir dieses neue Ritual auf, dass wir die Verbreitung von Grippe und co. mit Weihrauch im öffentlichen Nahverkehr bekämpfen können?

Wer hier jetzt den Vergleich von Chemtrails durch Flugzeuge und Weihrauch in Messen herstellt, dem kann ich nur erwidern: Was, du glaubst noch an Flugzeuge? – Ich glaube ja, wir werden alle beim Betreten des Flughafens betäubt oder niedergeschlagen, werden hypnotisiert oder sowas in der Art und dann in großen Kisten in LKW’s an unser Ziel gebracht – der BER-Flughafen ist nämlich schon lange fertig, so sehen alle Flughäfen auf der Welt nämlich eigentlich aus, verlassene Großbaustellen; nur beim BER-Flughafen haben sich die Verantwortlichen noch nicht auf eine Betäubungsart für die Passagiere geeinigt, deshalb sieht es da so aus, sonst würde man auch da das übliche Bild geboten kriegen: Man würde beim Betreten des Flughafens betäubt und in den folgenden Drogen-Nightmares wäre es auf einmal völlig ok, dass jemand in Jogginghosen neben jemandem im Anzug sitzt oder beide für das gleiche, kleine Bier 5 Euro bezahlen, während sie auf das imaginäre Flugzeug warten und eigentlich vollgepumpt mit Betäubungsmitteln in kleinen Kisten in LWK’s durchs Land transportiert werden.

“Ja und ich meine, es ist ja auch etwas, dass man nicht ewig macht. Hauptsache, ich verdiene erst mal Geld. Naja, dann muss ich wohl nur noch lernen zu schauspielern und meine Rolle zu spielen.”, wirkt er von seinem neuen Jobangebot nicht so ganz überzeugt, reicht mir noch sein halb aufgetrunkenes Bier, weil ich mir kein eigenes Bier bestelle.

Aber als ich realisiere, dass er sich das selbst nur einredet, damit er den Mumm findet, den Scheiß durchstehen, höre ich mich schon die Worte sagen und kann es nicht verhindern: “Natürlich, jeder spielt seine Rolle. Das gehört irgendwie zum Arbeitsleben dazu – du musst dich einfach damit abfinden, dass du manchmal deinem Chef ins Gesicht lachen musst und antworten musst: Das ist eine großartige Idee; dabei ist es eigentlich totaler Blödsinn.” “oh.” “Ja, aber heutzutage zu sagen, ich lern das jetzt und mach das mein Leben lang, ist doch auch großer Quatsch.”, ich will schließlich auch nicht mein Leben lang schreiben, nur weil ich es gut kann – irgendwann sind doch alle Storys erzählt und wiederholen sich nur, gehe ich erst mal eine Rauchen und lass ihn und die Anderen an der überfüllten Bar sitzen.

“Erst haben es alle gehasst und jetzt kriegen sie nicht mehr genug davon … naja, hauptsache es schmeckt dir!”, grinst mich einer an, als er an mir vorbei rein in die Kneipe geht und Jefferson Airplane – Volunteers durch die kurz geöffnete Tür nach draußen dringt.

“Willst du nicht deine Jacke ausziehen? Einen kurzen Moment bleiben wir noch, ich muss wenigstens noch mein Bier austrinken, dann können wir gucken, ob im nächsten Laden weniger los ist, was im Übrigen auf einmal ziemlich verraucht schmeckt – danke dafür.”, lacht der mit dem neuen Jobangebot jetzt leicht angeknackst. “Man’s not hot.”, hör ich jemanden rufen, schmunzle deshalb und frage ihn einfach dreist: “Soll ich dann auch das restliche Bier austrinken?”

Nachdem der Letzte aus unserer Runde sein Bier ausgetrunken hat, geht es in die nächste Kneipe. Unterwegs erzählt einer von seinem Trip nach China, wo es wohl unhöflich ist, sich im Taxi anzuschnallen, weil man dann dem Fahrer kein Vertrauen zuspricht, dass man, wenn man U-Bahn fahren will, ständig durch Metalldetektoren muss und dass man da als “großer” Mensch ständig fotografiert wird und als er von irgendwelchen Delikatessen spricht, die er da hinten probiert hat, kontere ich nur abwesend, gelangweilt: “Schmeckt das nicht sowieso alles nach Hühnchen?” “Ja, irgendwie schon – alles, bis auf Hühnchen.”, überrascht er mich.

“Hey, ‘tschuldigung; aber hast du mal ‘ne Zigarette für mich?”, werde ich vor dem nächsten Laden wieder angesprochen. “Klar. Aber Feuer hast’e selbst, oder?”, halte ich ihm die Zigarettenschachtel hin. “Ähm, ja – ja, klar.”, stammelt der Fremde nur.

Ein Kumpel aus unserer Gruppe stupst seine Freundin über diese ganze Zigarettenschachtelaktion an: “Ich hab zu Hause doch dieses T-Shirt, wo eine Katze aus der Brusttasche guckt und wenn man den Stoff ein wenig herunter schiebt, zeigt sie so mit den Fingern.”, macht er mit beiden Händen den Mittelfinger und alle lachen verkrampft.

Drinnen überhöre ich zwei Frauen beim Song Johnny Be Good fleißig wie die Waschweiber lästern: “Und jetzt, weil er nicht mit dem Erfolg umgehen kann, hat er angefangen zu trinken, oder wie kann ich mir das vorstellen?” “Ne, ne – den kenn ich jetzt schon zehn Jahre oder mehr, der trinkt immer so viel. Der hat immer schon so viel getrunken. Das hat damit nichts zu tun.”, dass ich dem Gespräch an unserem Tisch nur noch mit einem Ohr zuhöre.

Am liebsten würde ich die x-te Diskussion über das bedingungslose Grundeinkommen mit einem David Foster Wallace-Zitat sprengen: “i’ve kind of unplugged myself the past weeks. Meeting a whole lot of new people, having to do stuff – you’re in this constant low-level state of anxiety. This deep fear you feel all the way down in your butthole.”

Aber was könnte denn im schlimmsten Fall passieren? – das es mir gefällt, das mir die Aufmerksamkeit in den Kopf steigt.