Gafferallüren

Aus dem Tagebuch eines Gaffers

Heute hatte ich einen tollen Tag.

Es lag wohl an dem einen oder anderen Sarg,

den ich vor meinem geistigen Auge sah.

Schaurig schönes Wetter lockte

mich auf die Autobahn,

wie geschaffen zum Sterben.

Wolken wirkten schön aufgebauscht

wie Watte aus dem Verbandskasten,

wenn sie aus der Verpackung gezupft wird.

In der Ferne lachte die Sonne irgendwie fies,

so als wäre sie erfolgreicher Bestatter von Beruf.

Vielleicht lag es am vorbeiziehenden Gewitter.

Ein Regenbogen verführte die Sinne.

Völlig ausgebremst

schaute ich plötzlich zu,

was auf der Gegenseite passierte.

Klasse.

Glück im Unglück!

Es kam zum Stau,

vermutlich wegen mir oder auch ihm oder ihr,

da wir im Schritttempo weiterfuhren,

um alles zu sehen.

Alles.

Toller Crash!

Es hat Tote gegeben.

Verletzte auch.

Er, sie, auch ich

hatten unseren Spaß.

Gaffen liegt uns im Blut.

Wenn wir andere sterben sehen,

tut uns das sowas von gut.

Viele hassen wie ich Rettungsgassen.

Ich bleibe deswegen, wenn möglich

blockierend mit meinem Fahrzeug stehen,

kann nicht jeder der Retter auf Anhieb verstehen.

Für mich Glück im Unglück.

© CoLyrik, Februar 2018


Tags: , , , ,

6 Kommentare

  1. Bambulie

    Schlimm mit dem Gafferpack. Ich meine einerseits ist es natürlich, dass man schaut, aber andererseits gibt es eine Grenze. (Anstand, Taktgefühl etc.) Heutzutage wird aber total dreist gefilmt was das Zeug hält und Helfer sowie Polizisten und Feuerwehrleute verbal angegriffen. Neulich sogar tätlich. Horror!

    1. Corina Wagner

      Anscheinend ist es Gaffern völlig egal, dass sie belangt werden können, wenn sie nichts tun und ihre Sensationslust stillen bzw. Einsatzkräfte behindern. Diese Woche Montag gab es schon wieder einen entsetzlichen Unfall auf der A 5 bei Mannheim. Es gab 4 Tote. Wegen Gaffern krachte es dann auch auf der Gegenfahrbahn. Schlimm.
      Bei youtube findet man einen Beitrag darüber, hochgeladen von Heidelberg 24:
      Gaffer bei tödlichem Unfall auf A5: Einsatzkräfte finden klare Worte”

      Brandmeister Rüssel hat es am Ende des Interviews auf den Punkt gebracht: “Unsere Welt ist nicht mehr normal.”

      1. Bambulie

        Brandmeister Rüssel hat es am Ende des Interviews auf den Punkt gebracht: “Unsere Welt ist nicht mehr normal.”

        Was ist eigentlich normal? Das hab ich mich auch schon oft gefragt?

        Hier eine gelungene Definition, wie ich finde:

        “Aber was ist eigentlich normal? Und warum? Normalität bezieht sich auf das Einhalten von Normen. Denn Normen sind nicht nur Richtlinien für Qualitätsmanagement oder Büromöbel, sondern legen auch wichtige Kriterien im sozialen Miteinander fest. Eine Norm ist weniger als ein Gesetz, aber mehr als eine Vereinbarung unter Einzelnen. Normal ist also das, woran man sich gemeinhin hält. Dadurch glänzt das Normale meist durch die Abwesenheit großer Überraschungen, es glitzert und flirrt nicht. Normalität lässt sich nur schwer posten, und wenn man es doch tut, interessiert sie niemanden.”

        Ina Schmidt, 39, ist Philosophin und Autorin. Sie hat die Initative “denkraeume” gegründet, mit der die die Weisheit großer Denker aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft in den Alltag holt.

        Im Netz “Was bedeutet eigentlich … normal?” eingeben.

  2. Mmblfrz’s avatar

    polloi kakoi

    Verrohung überall.
    Am besten man bleibt zu Hause….

  3. MokkaSinn

    Gab es das nicht schon immer?
    Es wird durch die heute zur Verfügung stehenden Mittel (Smartphone) gestreut (Facebook etc.) und man hat wesentlich effizientere und glitzernde Mittel, sich ins Rampenlicht zu stellen.

    Früher wurde heimlich hinter der Gardine und vorgehaltener Hand.

    Mein erster Instinkt:
    In einen Sack und drauf!

  4. cassandra2010

    Unsere “Zivilisation” ist aktuell auf dem Niveau eines Affenfelsens… obwohl Affen in den meisten Fällen ein komplexes Sozialverhalten entwickelt haben… es gibt halt nur eine Bestie unter den Lebewesen: den Menschen.

Kommentare geschlossen.