Im Hofe steht ein Pflaumenbaum,
Der ist so klein, man glaubt es kaum.
Er hat ein Gitter drum,
So tritt ihn keiner um.
Der Kleine kann nicht größer wer’n,
Ja – größer wer’n, das möcht’ er gern!
’s ist keine Red davon:
Er hat zu wenig Sonn’.

Dem Pflaumenbaum, man glaubt ihm kaum,
Weil er nie eine Pflaume hat.
Doch er ist ein Pflaumenbaum:
Man kennt es an dem Blatt.

Bertolt Brecht, e 1934

Warum ich dieses kleine, weise Gedicht des “armen BB” ausgewählt und unter diese Überschrift gestellt habe? Nun, nach meinem Dafürhalten sollten wir das Phänomen des Fremdseins nicht aus den Augen verlieren. Ansatzpunkte ließen sich anhand dieses Beispiels finden in Brechts Exilsituation, in der Beschreibung des (Nicht-)Wachsens in der Fremde, ohne allzu viel Wärme und Licht, in einem Hinterhof, und, nicht zuletzt, in der Identitätsproblematik: Wie bleibe ich mir treu in einem Hof, der “zu wenig Sonn’” hat?


7 Kommentare

  1. cassandra2010

    Hörenswert: An die Nachgeborenen, gesprochen von Brecht himself.

    https://www.youtube.com/watch?v=m2rCM09ougk

    Salut
    c2010

    PS: BB hat ja auch das grandiose Gedicht “Schlechte Zeit für Lyrik” geschrieben…

    Ich weiß doch: nur der Glückliche
    Ist beliebt. Seine Stimme
    Hört man gern. Sein Gesicht ist schön.

    Der verkrüppelte Baum im Hof
    Zeigt auf den schlechten Boden, aber
    Die Vorübergehenden schimpfen ihn einen Krüppel
    Doch mit Recht.

    Die grünen Boote und die lustigen Segel des Sundes
    Sehe ich nicht. Von allem

    Sehe ich nur der Fischer rissiges Garnnetz.
    Warum rede ich nur davon
    Daß die vierzigjährige Häuslerin gekrümmt geht?
    Die Brüste der Mädchen
    Sind warm wie ehedem.

    In meinem Lied ein Reim
    Käme mir fast vor wie Übermut.

    In mir streiten sich
    Die Begeisterung über den blühenden Apfelbaum
    Und das Entsetzen über die Reden des Anstreichers.
    Aber nur das zweite
    Drängt mich zum Schreibtisch.

    1. Mmblfrz’s avatar

      Das “Fremde” soll man respektieren und sich dafür interessieren, solange das “Fremde” auch das Eigene respektiert. Dann kann das Fremde wirklich eine Bereicherung sein…
      eine einfache Wahrheit die aber mittlerweile “Rechts” ist funny funny

      1. MokkaSinn

        Auch ‘ne Strickart.

        Geht es nicht in allererster Linie darum, wie ich mit was auch immer umgehe.
        Nicht der/die andere, sondern ich?

        Ich gehe gut mit mir um, ich respektiere, übe mich in Achtsamkeit.
        Ich pflege und hege mein Umfeld, bin freundlich zu den Menschen, fröhlich und zugewandt.

        Bin ich Menschenfreund oder nicht?
        Es liegt in meiner Hand.
        Es liegt in meiner Hand, ob ich mich ohnmächtig fühle und nur reagieren kann, statt zu agieren.

        Ich mache den Schritt und gebe vor.

        Was DU* machst und kannst, ist und bleibt deins und vergiftet (auch) dich.

        ___
        * austauschbar

      2. cassandra2010

        Sicher, aber geht es nicht zuallererst um die jeweilige Identität, die jeweilige Möglichkeit, die eigenen Anlagen zu entfalten, sich – auch im Sartreschen Sinne – zu “erfinden”, zu “erschaffen”? JPS hat nicht von ungefähr eine seiner zentralen Schriften mit dem programmatischen Titel “Der Existenzialismus ist ein Humanismus” versehen. Und genau darum geht es in meinen Augen: das Erbe des Humanismus zu bewahren, aber auch weiter zu entwickeln.
        Damit ist aber auch eine ganz klare Begrenzung religiöser Eingriffsmöglichkeiten wie auch religiöser Praxis verbunden – für Juden, für Christen, für Muslime and so on. So regelt es auch unser GG durch den Primat der staatlichen Neutralität und die Trennung von Staat und Religion verfassungsrechtlich. Nennt mich eine Traumtänzerin oder was auch immer: Die Idee Lessings, welche Nathan in der berühmten “Ringparabel” entwirft, in welcher er die Wirkmächtigkeit religiöser Praxis an ihrem Effekt auf den Anderen misst, wenn er fordert “Es eifre jeder seiner unbestoch’nen/ Von Vorurteilen freien Liebe (zu den Menschen) nach!”
        Ja, ich weiß, aufklärerische Theorie, Erziehung des Menschengeschlechts and so on… aber die Forderung als solche wurde irgendwie immer noch nicht wirklich eingelöst. Der alte Adam eben…

    2. MokkaSinn

      Ein schönes Gedicht.

      Da ich noch nie in der Fremde leben musste, fehlt mir die Erfahrung ohne Geborgenheit, Sicherheit – mit zu wenig Sonne – überleben zu können.

      Was ist mit den Menschen direkt neben uns, die nicht wachsen können?
      Wie verändert sich die Gesellschaft mit Menschen, die ausgegrenzt werden, sich selbst ausgrenzen; wenn zu viel Fremdes keine Heimat finden kann?

      Wie verändert sich die Gesellschaft, wenn der “arme Bub” nicht teilhaben kann am Licht, an der Wärme. Sich irgendwann selbst ausgrenzt, um zu überleben.

      Wieviel Fremdes kann ich selbst ertragen, tolerieren, ohne mich lustig zu machen, abzuwerten, zu sticheln, abzuwenden?
      Wo darf ich ich sein und bleiben?

      1. cassandra2010

        Ein kleines Beispiel: Heute morgen ging ich am Flüsschen mit meinem Hund spazieren und bemerkte einen jüngeren Mann, der sich immer wieder bückte und schließlich die Böschung hinabstieg, eine große Tasche ( natürlich aus Plastik, keine Jute, ach ja…) in der Hand. Da er seiner Tätigkeit in aller Ruhe nachging, hatten wir ihn bald erreicht, und ich stellte zweierlei fest: Er sammelte offensichtlich Leergut und war erkennbar Orientale. Ich schaute ihm ein, zwei Minuten zu, der Hund blieb ausnahmsweise mal ruhig, und dann drehte er sich um. Ich sprach ihn an und fragte ihn, ob er noch mehr Leergut suche, ich könnte ihm da ein paar gute Fundstellen nennen. Mein Englisch ist wirklich immer noch ganz passabel und ich habe ihn freundlich angelächelt dabei. Aber alles, was ich erreichen konnte, war die nahezu panische Flucht des Mannes (ca. 1.80 groß). In dem Moment habe ich mich irgendwie geschämt, hatte zumindest das Gefühl, hier etwas falsch gemacht zu haben, ohne das zu wollen, denn ich hatte den Unbekannten sichtlich verstört.
        Inzwischen habe ich bei der örtlichen Flüchtlingshilfe angerufen und dort erfuhr ich, dass einige der Flüchtlinge inzwischen Flaschen aufsammeln, um so mit etwas “Arbeit” das Gefühl zu haben, nicht nur zu nehmen. Eine Frage der persönlichen Würde.
        PS: Was mich fast zum Lachen brachte, war die Tatsache, dass nur Flaschen, ob mit oder Pfand!, aufgelesen wurden, Papier, Pappschachteln usw. “durften” liegenbleiben. Aber das ist jetzt ja auch wieder … typisch deutsch!

  2. Corina Wagner

    Die Werke von Brecht sind immer noch aktuell, liebe Hexenschwester. Danke für das Posten der Gedichte!
    Das Fremde bringt manche ins Schwanken zwischen Vertrauen schaffen und auf Distanz gehen. Wer sich einigelt, wird sich schwertun. Es gibt genug Parallelgesellschaften, die z.B. hier in Deutschland nicht sein müssten.
    Aus Fehlern sollte man lernen, aber dies kann ich weltweit im Moment leider nicht erkennen. Soweit ich informiert bin gab es im Jahr 2017 weltweit 31 Kriege oder bewaffnete Konflikte. In der Haut eines Flüchtlings möchte ich heutzutage nicht stecken. Mein Großvater war zu Lebzeiten anerkannter politischer Flüchtling der BRD. Flüchtling zu sein ist alles andere als Honigschlecken. Seelische Narben bleiben, wenn man z.B. u.a. gefoltert wurde. Flüchtlinge bleiben misstrauisch und Einheimische oftmals auch, haben Angst vor Veränderungen in ihrem persönlichen Umfeld, Dorfgemeinschaft. Die richtige Balance zu finden, zwischen Vertrautem und Neuem, Fremden, das Zusammenleben, das Zwischenmenschliche – nicht einfach, aber machbar, wenn jeder will.
    GLG
    Corina

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