Mein lieber Karl,

vor zweihundert Jahren – Kinder, wie die Zeit vergeht!!! – warf dich der Weltgeist, den zu erfinden ich mir in aller Bescheidenheit erlaubt habe, vor zweihundert Jahren also warf dich besagter WG in die Welt. Ja, und was hat dieser Tag so alles nach sich gezogen! Nachdem du laufen, sprechen und denken gelernt hattest, wurdest du zum Schreckgespenst der Großfamilie: Keine Familienfeier, auf der du nicht schon als kleiner Knirps deinen Lieblingsgedanken von dir gabst: dass nicht das Bewusstsein der Menschheit ihr Sein bestimme, sondern andersherum. Du warst eben schon immer ein begabter Taschenspieler, und als du dann bei mir in Berlin in die Presse gegangen warst, machtest du aus meiner Philosophie flink eine neue, umwerfende: in dem du mich, deinen hochdekorierten Professor und angesagten Popstar der PhiloFak „auf die Füße“ stelltest. Diese Frechheit, mein Kleiner, habe ich dir zeit meines Lebens nicht verziehen, obwohl ich deine philosophischen Traktätchen mit Schmunzeln zur Kenntnis genommen und mit Randnotizen versehen habe. Und der Weltgeist hat dir ja auch schnell gezeigt, was eine transzendentale Harke ist – du musstest unser liebes Vaterland verlassen und dich nach Britannien begeben, in das Land der schlechten Küche und der flachsbleichen Weiber. Und dann hast du mit deinem Kompagnon aus Wuppertal ein spekulatives Werk verfasst, mit welchem du die Welt auf lange Sicht durcheinander gewirbelt hast. Aber mit der kühnsten deiner Spekulationen hast du neben der Bütt gelegen, meiner lieber Junge: du hast doch glatt behauptet, der Kapitalismus, wie du das bürgerliche Zeitalter der Industrialisierung nanntest, werde schließlich implodieren. Da hast du dich aber verrechnet! Diese Wirtschaftsform hat die Menschen weiterhin in ihren Griffeln, und daran wird sich auf absehbare Zeit nix ändern. Warum? Weil der sich immer wieder neu erfindet, du frächs Birschle!
Aber wie ich dich kenne, hast du das eigentlich auch schon immer geahnt, denn a Fuchs frissd au gscheide Henna!

Doch zu deinem 200sten wünscht dir alles Gute

GWF Hegel


    1. cassandra2010

      Heine hat bei Hegel in Berlin gehört und schreibt dazu in seinen “Geständnissen:

      “Ich konnte leicht prophezeien, welche Lieder einst in Deutschland gepfiffen und gezwitschert werden dürften, denn ich sah die Vögel ausbrüten, welche später die neuen Sangesweisen anstimmten. Ich sah, wie Hegel mit seinem fast komisch ernsthaften Gesichte als Bruthenne auf den fatalen Eiern saß, und ich hörte sein Gackern. Ehrlich gesagt, selten verstand ich ihn, und erst durch späteres Nachdenken gelangte ich zum Verständnis seiner Worte. Ich glaube, er wollte gar nicht verstanden sein, und daher sein verklausulierter Vortrag, daher vielleicht auch seine Vorliebe für Personen, von denen er wußte, daß sie ihn nicht verstanden, und denen er um so bereitwilliger die Ehre seines nähern Umgangs gönnte. So wunderte sich jeder in Berlin über den intimen Verkehr des tiefsinnigen Hegel mit dem verstorbenen Heinrich Beer, einem Bruder des durch seinen Ruhm allgemein bekannten und von den geistreichsten Journalisten gefeierten Giacomo Meyerbeer.[...]”

      PS: Das 5. Kapitel derselben ist ausgesprochen lesenswert!!!

      zit.nach http://gutenberg.spiegel.de/buch/-365/5

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  1. Mmblfrz’s avatar

    Hegel…Gestatten Sie das ich Sie beschimpfe: Durch Sie ist ideologisches Denken salonfähig geworden. Sie haben den deutschen Geist, der sich durch Kant und Schopenhauer auf Vernunft und Pragmatismus gründete, verdorben. Durch Sie ist ein Geist der Unredlichkeit in das Denken gekommen. Ihre Schriften sind eine Beleidigung für den Geist. Durch Sie kam ein Marx und ein Engels(die in Verkennung der menschlichen Natur) etwas von der Befreiung des Proletariats faselten und deren Geschmiere Grundlage für mörderische Diktaturen wurden- und (hihi) den dämlichen 68ern, deren vergiftetes Erbe unser Land heute in die Selbstaufgabe führt. Nö. Sie mit ihrer “Bierwirtsphysognomie”(Schopenhauer) wären besser Theologe geworden.
    Ich habe gelesen dass an US Unis der gesamte deutsche Idealismus (Fischte, Schelling, Hegel) nicht mehr auf dem Lehrplan des Philosophiestudiums steht. Wenn das stimmt-Schapo. Hätte ich den Amis gar nicht zugetraut.

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    1. cassandra2010

      Na ja… dass die Amis den deutschen Idealismus nicht mehr im Curriculum haben, zeigt ja zunächst nur, dass sie andere Schwerpunkte setzen. Wie unsere deutschen Hochschulen sind auch amerikanische Colleges und Universities qualitativ sehr unterschiedlich. Philo hätte ich an meiner Alma Mater Konstanz, in Tübingen oder München studiert- allerdings zu meiner Studizeit. In Philo habe ich manchmal reingehört, wenn es mich interessierte oder aber im Studienbuch gut machte~~~ und da waren bei uns zwei ganz ausgezeichnete Profs tätig. Heute mag das schon wieder anders aussehen. Übrigens musste ich in Germanistik ein Seminar “Hegels Ästhetik” überstehen – das erklärt vllt. meine ironische Haltung dem schwäbischen Schwurbler gegenüber

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